Studie der Uni Bonn

Wer arm ist, vergisst, was Genuss heißt

Verspüren bedürftige Menschen, die sich ihre Lebensmittel bei der Bonner Tafel holen, auch Genuss beim Essen? Studierende der Uni Bonn haben sich mit dieser Frage in einem Forschungsprojekt beschäftigt.

Verspüren bedürftige Menschen, die sich ihre Lebensmittel bei der Bonner Tafel holen, auch Genuss beim Essen? Studierende der Uni Bonn haben sich mit dieser Frage in einem Forschungsprojekt beschäftigt.

Bonn. Wenn Ernährung zum bloßen Zweck wird: Bonner Studierende führen ein eigenes Forschungsprojekt an der Tafel durch und machen auch Beobachtungen bei sich selbst.

Armut bedeutet laut Definition, dass etwas nur sehr wenig vorhanden ist. Die Menschen, die zur Bonner Tafel gehen, leben in Armut. Sie haben kein Geld, um sich ausreichend Lebensmittel zu kaufen. Für viele Menschen, die nicht in Armut leben, bedeutet Essen auch gleichermaßen Genuss. Doch wie empfinden arme Menschen Genuss? Oder geht es Bedürftigen am Existenzminimum nur um reine Nahrungsaufnahme?

Mit dieser Fragestellung haben sich Bonner Studierende in einem praxisorientierten Seminar beschäftigt. In Kleingruppen haben sie die Tafel besucht und das Geschehen vor Ort beobachtet, die Bedürftigen und freiwilligen Helfer interviewt und eine Dokumentenanalyse von Zeitungsartikeln über die Bonner Tafel durchgeführt.

„Es war zwar ein etwas chaotischer Forschungsprozess, aber trotzdem eine einzigartige Erfahrung“, erzählt Ariane Kovac. Die 24-Jährige studiert Soziologie im Master an der Uni Bonn und war in einer der drei Beobachtungsgruppen. In ihrem bisherigen Studium hatte sie zwar bereits viel über Forschungsmethoden gelesen und gehört, aber lediglich Interviews selber durchgeführt.

Gestaltungsfreiraum kam gut an

„Das Besondere an diesem Seminar war, dass die Studierenden bei allem mitentscheiden konnten: bei der übergeordneten Fragestellung, den jeweiligen Methoden und auch beim Ort, wo wir unsere Feldphase durchführen“, erklärt Julian Hamann vom Forum Internationale Wissenschaft der Uni Bonn, Leiter des Seminars. Und genau dieser Gestaltungsfreiraum kam bei den Teilnehmern besonders gut an: „Viele hatten vorher noch gar keine Forschungen selber durchgeführt“, sagt Kovac.

Daher ist es nur wenig überraschend, dass am Ende des Seminars noch genauso viele Teilnehmer dabei waren, wie sich am Anfang angemeldet hatten – bei anderen Seminaren habe man „nicht selten etwa ein Drittel Verlust“, erzählt Hamann.

Genauso wenig überraschend sind einige der Forschungsergebnisse: Ernährung ist für Kunden der Bonner Tafel zweckorientiert. „Genuss, Gesundheit und das Bewusstsein, was einem schmeckt, gerät dort schnell in den Hintergrund“, fasst der Seminarleiter zusammen. Andererseits sei die Tafel aber nicht nur ein Ort der Nahrungsaufnahme, sondern auch der sozialen Interaktion. Das habe die Forschungsgruppe nicht direkt erwartet.

Vielfalt an Problemen

„Für uns hat Nahrungsaufnahme auch häufig einen geselligen Aspekt, wenn wir uns zum Beispiel abends mit Freunden oder Familie zusammensetzen und etwas gemeinsam essen“, erzählt Hamann. Bei den Bedürftigen der Bonner Tafel sei es eine andere Art von Geselligkeit – besonders im Hinblick auf interkulturelle Diversität. Während der Essensausgabe blieben nämlich die arabisch-stämmigen, Russisch sprechenden und deutschsprachigen Bedürftigen eher unter sich.

Der zweite Aspekt, mit dem sich die Studierenden befasst haben, ist die „Performativität von Methoden“. Kurz: Unterschiedliche Methoden bedeuten auch unterschiedliche Ergebnisse. Denn: Sie arbeiten auf unterschiedliche Arten von Befunden hin und bedürfen verschiedener Anwendungskontexte. Ein Beispiel: Während Interviews eine zeitliche Begrenzung sowie einen ruhigen Rahmen voraussetzen, braucht man für eine Dokumentenanalyse eine elektronische Verfügbarkeit von Datenbanken.

Methodenvielfalt bedeutet aber auch eine Vielfalt an Problemen. „Manchmal waren auch verschiedene Gruppen gleichzeitig da, so dass sich die Dynamik vor Ort verändert hat. Wenn man zum Beispiel das tägliche Geschehen beobachten möchte, aber gleichzeitig Interviews durchgeführt werden, verändert das natürlich die Ergebnisse der ersten Gruppe“, erklärt Hamann.

Persönliche Erfahrungen

Doch nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse haben die Studierenden erzielt, sondern sie haben auch persönliche Erfahrungen gemacht: „Das Interessante ist, dass man selber bestimmte – häufig unterbewusste – Annahmen gegenüber Armen hat, die sich bei unserer Feldphase nicht bestätigt haben.“ Kovac meint damit zum Beispiel Berührungsängste gegenüber den Bedürftigen.

Hamann ist zufrieden mit seinem Seminar, das gewissermaßen auch ein Experiment war. Er habe gehofft, dass die Studierenden – neben der methodischen Praxis – auch eine Sensibilität für verschiede Arten von Armut entwickeln. Die ersten Planungen für ein weiteres praxisorientiertes Angebot laufen bereits – dann vielleicht zum Thema Migranten.