Diskussion um Homeschooling

Wenn der Unterricht zu Hause stattfindet

An einer Grundschule hängt der Schriftzug „Herzlich Willkommen“ in mehreren Sprachen an einem Zaun. Kritiker des Homeschoolings sagen, dass Kindern, die zu Hause unterrichtet werden, die soziale Integration vorenthalten werde.

An einer Grundschule hängt der Schriftzug „Herzlich Willkommen“ in mehreren Sprachen an einem Zaun. Kritiker des Homeschoolings sagen, dass Kindern, die zu Hause unterrichtet werden, die soziale Integration vorenthalten werde.

Bonn. Homeschooling ist in Deutschland grundsätzlich verboten, kommt aber vor. Die Experten-Meinungen darüber gehen auseinander.

Zwar Seine Kinder zu Hause zu unterrichten, ist in Deutschland verboten, dennoch gibt es Eltern, denen das „Homeschooling“ lieber ist, als die Kinder in eine staatlich anerkannte Schule zu schicken. Ob Homeschooling tatsächlich eine Alternative zum klassischen Schulbesuch sein kann – daran scheiden sich die Geister.

Abweichende pädagogische Vorstellungen seitens der Eltern, religiöse Hintergründe von Familien oder der Wunsch, das eigene Kind vor Mobbing durch Mitschüler zu schützen – die Gründe für Homeschooling sind vielfältig. Homeschooling bedeutet, dass Eltern ihre Kinder ausschließlich zu Hause unterrichten. Der Lehrplan kann sich dabei am Curriculum und Vorgaben von Fernschulen orientieren oder von den Eltern frei gestaltet werden. Der Begriff des Homeschoolings muss dabei von jenem des „Freilernens“ abgegrenzt werden. Letzteres bezeichnet ein Konzept, bei welchem das Lernen rein vom Kind ausgeht, ohne vorgegebenen Lehrplan.

Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten möchten, geraten dabei in Deutschland an rechtliche Grenzen, denn in Deutschland besteht Schulpflicht. Sie ist zwingend an einen Schulbesuch gebunden. Lediglich in Sonderfällen darf vom Besuch einer Schule abgesehen werden. Beispielsweise dürfen Schüler zu Hause unterrichtet werden, deren Eltern beruflich viel im Ausland unterwegs sind. Auch Schülern, die aufgrund einer Behinderung oder Krankheit keine Schule aufsuchen können, wird der Hausunterricht gestattet.

Staatlicher Lehrplan und examinierte Lehrkräfte

Der staatliche Lehrplan und examinierte Lehrkräfte bilden jedoch auch hier die Grundlage des Unterrichts. In einigen Bundesländern gilt ein Verstoß gegen die Schulpflicht als Ordnungswidrigkeit, so auch in NRW. In Hessen beispielsweise wird der ausschließliche Unterricht zu Hause schärfer geahndet. Rechtliche Konsequenzen reichen bis zur Erzwingungshaft für Erziehungsberechtigte, die es verweigern, ihre Kinder zu einer staatlich anerkannten Schule zu schicken.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland derzeit rund 1000 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden. In den meisten europäischen Ländern besteht Bildungspflicht, die Vermittlung von Wissen ist für das Kind jedoch nicht zwingend an den Besuch einer Schule gebunden. In der Schweiz etwa finden zur Leistungskontrolle Hausbesuche von Lehrpersonal in der Familie statt. Leitfaden des Unterrichts ist der staatliche Bildungsplan. Auch in Dänemark wird Hausunterricht liberal gehandhabt. Das Land kennt seit 1849 keine Schulpflicht mehr. In Österreich gibt es ebenfalls keine prinzipielle Schulpflicht, sondern nur eine Unterrichtspflicht. Wie dieser nachgekommen wird, ist den Erziehungsberechtigten überlassen.

Ob das Modell des Homeschoolings nun grundsätzlich zu befürworten ist oder nicht, darüber existieren unterschiedliche Auffassungen. So führt Professor Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Uni Bonn, durchaus positive Aspekte des Homeschoolings an: „Für das Homeschooling spricht, dass man der Individualität des einzelnen Kindes besser gerecht werden kann, während in Schulen deutlich weniger individuell auf die Kinder eingegangen wird und es sich zudem um soziale Zwangsgemeinschaften handelt.“

Bonner Pädagogik-Professor sieht positive Aspekte

Ferner erlebt Ladenthin die meisten Eltern, die sich für ihr Kind Homeschooling wünschen, als sehr bemüht und informiert. Er plädiert dafür, sie nicht zu entmündigen: „Eltern, die ihr Kind zu Hause unterrichten möchten, wollen sich kümmern und sind oft sehr engagiert. Man darf diese Menschen dann nicht kriminalisieren und sie letztendlich für ihren Einsatz bestrafen. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, in der das Gespräch gesucht werden sollte, um Konflikte zu lösen.“

Ladenthin erklärt weiter, dass es sich beim Homeschooling vermutlich auch künftig um ein Randphänomen handeln wird, da die meisten Eltern schon aufgrund der eigenen Berufstätigkeit auf eine externe Beschulung ihres Kindes angewiesen seien. Hinzu komme, dass Homeschooling seine Grenze häufig spätestens in der Mittelstufe erreicht habe. Ab dem Zeitpunkt sei tieferes Fachwissen erforderlich, über welches nicht alle Eltern verfügten. Hier bräuchte es dann Hilfe von außen, um eventuelle fehlende Qualifikationen auszugleichen, so der Experte.

Eine andere Auffassung hat Klaudia Schultheis, Professorin für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. „Die meisten Homeschooling-Eltern sind Autodidakten ohne fachliche Ausbildung, ohne pädagogisches, psychologisches und didaktisches Know-how, wie es bei Lehrerinnen und Lehrern, die jahrelang ausgebildet und geprüft wurden, zu finden ist“, erklärt sie.

Zudem verhindere Homeschooling die gesellschaftliche Integration und die Erfahrung mit Inklusion: „In der Grundschule werden alle Kinder gemeinsam, unabhängig von der sozialen Zugehörigkeit unterrichtet. Damit leistet die Grundschule einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft. Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, machen weder Erfahrungen mit Kindern mit Migrationshintergrund und anderer Religionszugehörigkeit; sie begegnen nicht Kindern mit Behinderungen und treffen auch nicht Kinder, die aus anderen sozialen Milieus kommen.“ Auch gebe es zahlreiche innovative Schulen, die Projekte durchführten, internationalen Austausch pflegten und über kreative und engagierte Lehrerinnen und Lehrer verfügten, die individuell auf die Kinder eingehen, so Schultheis.