Forschung in Bonn

Uniklinik betreibt Spitzenforschung zu Aortenerkrankungen

Der Kardiologe Professor Georg Nickenig würde die Erkrankungen der Aorta gerne behandeln können, bevor eine Operation nötig wird. Dies gehört zu den großen Zielen des neuen Sonderforschungsbereichs der Uni Bonn.

Der Kardiologe Professor Georg Nickenig würde die Erkrankungen der Aorta gerne behandeln können, bevor eine Operation nötig wird. Dies gehört zu den großen Zielen des neuen Sonderforschungsbereichs der Uni Bonn.

Bonn. Der neue Sonderforschungsbereich der Uni Bonn untersucht Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Aortenerkrankungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den Forschungsverbund während der ersten vier Jahre mit rund 13 Millionen Euro.

Es läuft an diesem Mittag, wie es oft läuft im Arbeitsalltag von Professor Georg Nickenig: Er plant in seinem Büro auf dem Venusberg die nächsten Schritte für die Forschung. Dann rufen Kollegen ihn zu einem Notfall. Ein Patient seiner Station braucht schnell eine neue Aortenklappe (Klappe der Hauptschlagader). Sie ist nicht ganz so einfach zu platzieren. Also macht der Leiter der Kardiologie – dessen Operationen auch schon mal live auf internationale Ärztekongresse übertragen werden – es selbst.

Wie gesagt, Alltag für den Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II der Uniklinik Bonn (UKB). Aber wünschen würde er es sich anders. Nämlich, dass viele seiner Patienten erst gar nicht in die Situation kämen, auf eine Operation angewiesen zu sein. „Derzeit stellen wir fest: Die Aortenklappe ist kaputt, also ersetzen wir sie, wie die Schlosser“, sagt der 55-Jährige. „Aber das ist nicht das, was wir wollen. Wir wollen wissen, wie es dazu kommt, die Erkrankung frühzeitig erkennen und sie dann – hoffentlich – durch Medikamente stoppen. Können wir derzeit aber nicht.“

Wissenschaftler wollen Erkrankungen frühzeitig erkennen

Genau aus diesem Grund hat sich Nickenig mit Bonner Kollegen – unterstützt von Wissenschaftlern der Universitäten Köln und Düsseldorf – bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) um die Einrichtung eines neuen Sonderforschungsbereichs (SFB) beworben. Mit Erfolg. Die DFG fördert den Forschungsverbund „Aortenerkrankungen“ seit dem 1. Juli während der ersten vier Jahre mit rund 13 Millionen Euro. Die Unterstützung kann zweimal verlängert werden, so dass es am Ende der angepeilten Laufzeit von zwölf Jahren etwa 40 Millionen Euro wären. Zum Verbund gehören rund 30 Professorinnen und Professoren (darunter drei Leibniz-Preisträger) der beteiligten Unis. Wenn alle Neueinstellungen von Ärzten und Medizinisch-Technischen Assistenten erledigt sind, umfasst das Team etwa 130 Leute.

Mit der Aorta liegt ein weites Betätigungsfeld vor den Wissenschaftlern. „Die Hauptschlagader entspringt im Herzen und verteilt wie eine große Autobahn das Blut überallhin: in den Kopf, den Bauch die Beine, und über abgehende Adern in den Rest des Körpers“, so SFB-Sprecher Nickenig.

Am Anfang der Aorta befindet sich die Klappe, ein Ventil, das dafür sorgt, dass das Blut sehr leicht in den Körper fließen kann, jedoch nicht zurück. „Schon haben wir den ersten Knackpunkt“, meint der Kardiologe. „Die Klappe kann erkranken. Und das tut sie oft durch genetische Prädisposition, die wir aber leider noch nicht gut verstanden haben.“

Auch Risikofaktoren, die denen des Herzinfarkts nicht unähnlich sind, spielen dabei eine Rolle. Menschen mit hohen Blutfettwerten oder einem Diabetes neigen, so Nickenig, zu einer Stenose, also zu einer Verengung der Aortenklappe. „Das ist ein langer chronischer Prozess, von dem wir nicht genau wissen, woher er kommt. Es ist sehr schade, dass wir das nicht wissen“, so der Professor. Denn allein in Deutschland leiden rund eine Million Patienten an einer hochgradigen Stenose – einem nicht nur häufigen, sondern, wenn er nicht behandelt wird, auch tödlichen Herzklappenfehler.

Eine Million Patienten leiden in Deutschland an einer hochgradigen Stenose

Es bleibt also die eingangs beschriebene Reparatur im Operationssaal. „Für den Klappenersatz legen wir in Deutschland etwa eine Milliarde Euro pro Jahr auf den Tisch. Für eine einzige Erkrankung ist das viel Geld“, so der Mediziner. Die Aorta ist ein elastischer Schlauch, der sich leider aufweiten kann. Durch Erberkrankungen, wie zum Beispiel das Marfan-Syndrom, das mit einem schweren Bindegewebsfehler einhergeht, kann die Aortenwand schon bei 20- bis 30-Jährigen so porös sein, dass es zu einem Einriss (Dissektion) oder zu einem Aneurysma (Gefäßerweiterung/Auswölbung) kommt.

Bei Älteren sind laut Nickenig häufig Entzündungen oder Verkalkungen die Ursachen „dieser ebenfalls noch nicht gut verstandenen Prozesse, die nur mit Stents oder großen Operationen repariert werden können“. Bekannt ist: Einriss und Auswölbung (in Deutschland etwa 300 000 Patienten) können zum Platzen der Aorta führen. „Das hat schwerste innere Blutungen und meist den Tod zur Folge“, sagt der Kardiologe.

Ein Platzen der Aorta endet meist tödlich

Mit 20 Projekten will der Sonderforschungsbereich nun die genauen Mechanismen der verschiedenen Aortenerkrankungen entschlüsseln. Die Wissenschaftler schauen sich dafür bestimmte Entzündungszellen und Bindegewebsveränderungen sowie Veränderungen der Zellen, die die Aortenwand und die Aorta selbst auskleiden, an. Eines dieser Projekte ist laut Nickenig ein „absolutes Alleinstellungsmerkmal des Sonderforschungsbereichs“: Die Forscher wollen das gesamte Genom von Patienten mit Aortenklappenstenosen analysieren, um den Ursachen weiter auf die Spur zu kommen. Dazu haben sie bereits Blutproben von 800 Menschen aus ganz Deutschland zusammengetragen, die an der bikuspiden Stenose (bei der die Aortenklappe nur zwei statt wie bei einem gesunden Menschen drei Taschen aufweist) leiden. Hinzu kommen 2500 Proben von Stenose-Patienten, deren Aorten drei Klappen haben und die alle schon in Bonn, Köln oder Düsseldorf behandelt wurden. „Wir gehen davon aus, dass wir aufgrund dieser Daten in fünf bis sechs Jahren genau und auch als Erste sagen können, welche Gene an diesen Erkrankungen beteiligt sind“, so Nickenig. Und dies wiederum nährt die Hoffnung des Kardio-Teams, noch ein paar Jahre später auch Medikamente gegen die Aortenerkrankungen einsetzen zu können und so die Zahl der nötigen Operationen zu reduzieren.