Neue Professuren

Uni Bonn hat erste Lehrstühle für Herkunftsforschung

Thema der Provenienzforschung: Das Kunstwerk „Sitzende Frau“ von Henri Matisse aus der umstrittenen Sammlung von Cornelius Gurlitt ist inzwischen zu seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgekehrt.

Thema der Provenienzforschung: Das Kunstwerk „Sitzende Frau“ von Henri Matisse aus der umstrittenen Sammlung von Cornelius Gurlitt ist inzwischen zu seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgekehrt.

Bonn. Manches Kunstwerk hat eine bewegte Geschichte. Ihr gilt das Interesse von zwei neuen Professoren und einer neuen Juniorprofessorin an der Uni Bonn. Zwei Kunsthistoriker und ein Jurist kümmern sich gemeinsam um die Provenienzforschung.

So manches Kunstwerk hat eine bewegte Geschichte. Eine, die sich über Jahrhunderte erstrecken kann und die schnell auch mal durch so manches Unrecht geprägt sein kann. Unterschlagung, Enteignung und Raub von Gemälden, Skulpturen und anderen Kulturgütern gehören zu den Begleiterscheinungen von Kriegen und Diktaturen gleichermaßen. Es bedarf einiger Recherche, um eine Objektbiografie zu erstellen und darüber am Ende die rechtmäßigen Eigentümer der entwendeten Kunstwerke zu ermitteln.

Insbesondere die Aufarbeitung und Aufklärung des massenhaften Kunstraubs durch die Nazis während ihrer Diktatur hat die sogenannte Provenienzforschung in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, ebenso wie vor fünf Jahren der Fall Gurlitt. Nun hat die Universität Bonn auf Initiative der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung die beiden deutschlandweit ersten interdisziplinär vernetzten Lehrstühle sowie eine Juniorprofessur eingerichtet und damit eine Vorreiterrolle übernommen.

„Wir ergänzen uns hervorragend“, betont denn auch der Kunsthistoriker Professor Christoph Zuschlag, der zusammen mit dem Juristen Professor Matthias Weller die Forschungsstelle gestaltet. „Denn wenn zum Beispiel die Provenienz eines Bildes geprüft worden ist und es sich tatsächlich als NS-Raubkunst entpuppt, ist ein Verständnis der gängigen Restitutionspraxis essenziell. In Bonn können wir nun beides abdecken, und zwar nicht nur mit befristeten Juniorprofessuren wie etwa in Hamburg, München und künftig in Berlin.“

Dafür ist es auch höchste Zeit: Schon 1998 haben sich in der Washingtoner Erklärung 44 Staaten dazu verpflichtet, ihre Bestände nach den während des NS-Regimes beschlagnahmten Kunstwerken zu durchforsten und gegebenenfalls die rechtmäßigen Eigentümer oder ihre Erben ausfindig zu machen. Doch erst zehn Jahre später begann die inzwischen im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste aufgegangene Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin mit ihrer Arbeit. „Deutschland ist in der Tat am Anfang säumig gewesen“, gesteht Zuschlag, der von Beginn an im Förderbeirat der Arbeitsstelle tätig war. Mit dem Schwabinger Kunstfund, der heute als einer der größten Justizskandale der neueren deutschen Geschichte gesehen wird, stieg denn auch der Druck auf die Politik, mehr zu tun. „Von den mehr als 1500 Kunstwerken im Besitz von Cornelius Gurlitt sind bislang nur sechs nachgewiesenermaßen Raubkunst, darunter die 'Sitzende Frau' von Henri Matisse“, betont Zuschlag; „ein viel größerer Teil wurde von den Nazis als 'entartete Kunst' klassifiziert und beschlagnahmt, für deren Restitution es keine rechtliche Grundlage gibt.“

Obwohl die Beschäftigung mit der NS-Zeit einen beträchtlichen Teil der aktuellen Provenienz-Debatte ausmacht, geht die Forschung doch viel weiter. Die Schlossbergungen in der ehemaligen DDR gelte es ebenso zu untersuchen wie die Kulturgüter aus den einstigen deutschen Kolonien. Und sogar im Bereich der Kunstfälschung gibt es Entwicklungen, die durchaus thematisiert werden sollten.

„Wolfgang Beltracchi hat zum Beispiel nicht nur Max Pechsteins 'Liegender Akt mit Katze' als Ölgemälde nachgebildet, sondern dieses Werk auch mit einer gefälschten Provenienz ausgestattet“, führt Zuschlag aus. „Mit Fotografien, auf denen seine Frau als ihre eigene Großmutter posierte, Aufklebern von Galeristen wie Alfred Flechtheim und anderen Dokumenten hat er den Eindruck erweckt, dass seine Fälschungen eine Vergangenheit hätten.“

Zuschlag, sein Kollege Weller und Juniorprofessorin Ulrike Saß wollen nun all diese Bereiche abdecken und Bonn in den kommenden Jahren zu einem echten Zentrum für Provenienzforschung und Kulturgutschutzrecht ausbauen. Ein Masterstudiengang, der ab dem Wintersemester 2019/2020 starten soll, sowie ein Promotionskolleg sind bereits in Planung, auch eine Zeitschrift und ein Handbuch sollen entstehen.

„Und wir planen ein Projekt mit den Universitätsmuseen, die ebenfalls ihren Bestand durchforsten müssen“, so Zuschlag. Eine entsprechend langfristige Perspektive ist immerhin gegeben: Die beiden Lehrstühle werden für die ersten fünf Jahre von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung mit jeweils einer Million Euro finanziert, danach übernimmt die Universität Bonn, die auf diese Weise erneut Geschichte schreiben dürfte: 1860 entstand hier der erste kunsthistorische Lehrstuhl Deutschlands. Der zukünftige Studiengang, der mit dem Brückenschlag zur Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ebenfalls einzigartig sein wird, ist da nur die logische Konsequenz.