Gefährliches Fast Food

Ungesundes Essen verändert die Gene

Ein Insektenburger.

Auf Fast Food reagiert der Körper ähnlich wie auf Infektionen.

BONN. Eine Studie unter maßgeblicher Beteiligung der Universität Bonn zeigt: Auf Fast Food reagiert der Körper ähnlich wie auf Infektionen.

Auf eine fett- und kalorienreiche Kost reagiert das Immunsystem ähnlich wie auf eine bakterielle Infektion. Das zeigt eine aktuelle Studie unter Federführung der Universität Bonn. Zudem scheint Fast Food die körpereigene Abwehr langfristig aggressiver zu machen – mit schädlichen Folgen auch lange nach einem Umstieg auf gesunde Kost. Außer den Bonner Forschern waren auch Gruppen aus den Niederlanden, den USA, Norwegen und Deutschland an der Arbeit beteiligt.

Für ihre Untersuchung verfütterten die Forscher an Versuchsmäuse einen Monat lang eine „westliche Diät“ – das heißt: viel Fett, viel Zucker, wenig Ballaststoffe. Die Tiere entwickelten daraufhin eine massive körperweite Entzündung – fast wie nach einer Infektion durch Bakterien. Die Experten entdeckten einen „unerwarteten Anstieg einiger Immunzellen im Blut“, sagt Anette Christ, Postdoktorandin am Institut für Angeborene Immunität der Universität Bonn: „Das war ein Hinweis auf eine Beteiligung von Vorläuferzellen im Knochenmark in dem Entzündungsgeschehen”.

Als die Wissenschaftler diese Vorläuferzellen genauer analysierten, ergab sich, dass in ihnen „eine große Anzahl von Genen aktiviert wurde“ – unter anderem Erbanlagen für ihre Vermehrung und Reifung. „Fastfood führt also dazu, dass der Körper rasch eine riesige schlagkräftige Kampftruppe rekrutiert“, erklärt Professor Joachim Schultze vom Limes-Institut der Uni, tätig auch am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

Eine weitere beunruhigende Erkenntnis: Wenn die Forscher den Nagern nach der Zucker-und-Fett-Orgie wieder mäusetypische Getreide-Kost anboten, schwand zwar die Entzündung – aber nicht die Umprogrammierung der Immunzellen. „Wir wissen erst seit Kurzem, dass das angeborene Immunsystem über ein Gedächtnis verfügt“, erklärt Professor Eicke Latz, Leiter des Uni-Instituts für angeborene Immunität und aktueller Träger des renommierten Leibnizpreises. „Nach einer Infektion bleibt die Körperabwehr in einer Art Alarmzustand, um schneller auf einen neuen Angriff reagieren zu können.“ Bei den Mäusen wurde dieser Prozess nicht durch ein Bakterium ausgelöst, sondern durch ungesunde Ernährung.

Die Wissenschaftler konnten sogar den „Fastfood-Sensor“ in den Immunzellen identifizieren, indem sie Blutzellen von 120 Testpersonen untersuchten. Sie fanden heraus, dass bestimmte Inhaltsstoffe der Nahrung ein „Inflammosom“ aktivieren können, einen Sensor des Immunsystems, der Entzündungen auslöst.

Die Aktivierung verändert die Art und Weise, in der die Erbinformation in den Zellen verpackt ist. Normalerweise ist sie dort stark zusammengeknäult. Ungesunde Ernährung führt dazu, dass sich manche Teile entrollen – dieser Bereich der Erbsubstanz wird dadurch langfristig leichter ablesbar, sagt Latz: „Das Immunsystem reagiert in der Folge schon auf kleine Reize mit stärkeren Entzündungsantworten.“ Diese wiederum können die Entstehung von Krankheiten wie Diabetes, Arteriosklerose, Schlaganfall oder Herzinfarkt beschleunigen.

„Diese Erkenntnisse haben enorme gesellschaftliche Relevanz“, erklärt Latz. „Die Grundlagen einer gesunden Ernährung müssen noch viel stärker als heute zum Schulstoff werden. Nur so können wir Kinder frühzeitig gegen die Verlockungen der Lebensmittel-Industrie immunisieren – bevor diese langfristige Konsequenzen entfalten. Kinder haben jeden Tag die Wahl, was sie essen. Wir sollten ihnen ermöglichen, bei ihrer Ernährung eine bewusste Entscheidung zu treffen.“