Interview mit Bonner Germanist Jan Seifert

Studenten beherrschen immer schlechter die deutsche Sprache

Bonn. Die deutsche Sprache kann sehr schön sein. Allerdings hapert es selbst bei Studierenden der Germanistik mehr und mehr an der korrekten Anwendung - sagt Linguist Dr. Jan Seifert. Über die Gründe unterhielt er sich mit Moritz Rosenkranz.

Herr Seifert, haben die Studenten das Schreiben verlernt?

Jan Seifert: Man muss ein wenig aufpassen. Es ist ja ein ganz alter Topos, dass die Sprachfähigkeiten der jüngeren Generationen immer schlechter werden, das kennt man seit Aristoteles. Auch in jüngerer Zeit klagen Professoren schon lange darüber, dass Studenten nicht mehr in der Lage sind, Texte zu produzieren. Da gibt es etwa eine Klageschrift von Bonner Professoren aus dem 19. Jahrhundert: „Wir Bonner Universitätslehrer haben seit Jahren die Überzeugung gewonnen, daß die Zuhörerschaft, welche uns die Rheinischen Gymnasien liefern, sehr ungleich und zum Theil recht mangelhaft vorgebildet ist. Die Philologen finden Anlaß darüber zu klagen in Rücksicht der Seminararbeiten, die Juristen desgleichen und selbst die Mediziner klagen darüber, daß die eingereichten Doktordissertationen oft nicht frei sind von den gewöhnlichsten stilistischen und orthographischen Fehlern.“

Früher war also nicht alles besser, sondern wie heute?

Seifert: Die Wahrnehmung ist offenbar immer, dass es schlechter wird. Auf der anderen Seite muss ich sagen: Es ist ja auch faktisch so. In erschreckend großer Zahl weisen Seminar-, Bachelor- oder Masterarbeiten, die mir vorgelegt werden, logische Brüche, unbeholfene Formulierungen und erhebliche Rechtschreib- und Interpunktionsfehler auf. Zudem fehlt oft ein Roter Faden.

Können Sie das statistisch belegen?

Seifert: Das ist schwierig. Ich würde schätzen, dass in etwa einem Viertel der Arbeiten erhebliche Probleme festzustellen sind. Und es gibt eine ganze Reihe Kandidaten, die durchfallen. Hauptsächlich aus inhaltlichen Gründen, das geht allerdings meist einher mit Mängeln im formalen Bereich.

Und wir reden hier über Arbeiten, die im Rahmen eines Germanistik-Studiums abgegeben werden...

Seifert: Das ist ein Skandal. Wobei es unterschiedliche Gründe gibt: Dieses Fach studieren viele leider nicht aus Interesse, sondern aus einer gewissen Orientierungslosigkeit. Die Anforderungen werden unterschätzt, und es fehlen dann oft die Leidenschaft und das Interesse für den Gegenstand, das merke ich in Seminaren ganz häufig. Ich muss aber sagen, dass wir auch ganz exzellente Studenten haben. Deren Begeisterung ist beglückend für uns Dozenten.

Dennoch sagen Sie, das Niveau hat insgesamt abgenommen. Seit wann beobachten Sie diesen Trend?

Seifert: Ich bin seit 17 Jahren Dozent. Statistisch lässt sich das leider nicht ausdrücken. Es wird aber bestätigt in Gesprächen mit Kollegen aus vielen anderen Fachbereichen und auch Lehrern, die mir sagen, dass schriftlichen Leistungen an den Schulen nicht mehr eine so große Bedeutung beigemessen wird. Dadurch lügen sich einige vielleicht etwas in die Tasche, weil sie mit relativ guten Noten von der Schule kommen und an der Uni dann mit ganz anderen Anforderungen konfrontiert werden.

Das Intelligenzniveau nimmt ja nicht flächendeckend ab. Trotzdem können sich scheinbar immer weniger junge Menschen schriftlich ausdrücken. Haben Muttersprachler ihre Muttersprache verlernt?

Seifert: Teilweise gibt es sehr leistungsstarke Studenten aus dem Ausland, die sich über die Fehler ihrer Kommilitonen wundern. Was beachtet werden muss: Der Anteil der Abiturienten in einem Jahrgang ist gestiegen. Wenn dann Statistiken zeigen, dass der Anteil der sehr guten Abiturzeugnisse gestiegen ist, kann das nur daran liegen, dass die Anforderungen gesunken sind. Davon abgesehen scheint es insgesamt ein Problem zu sein, sich in einer spezifischen Situation adäquat auszudrücken und das richtige Register zu wählen.

Was meinen Sie damit?

Seifert: Es wird zwar sehr viel geschrieben, aber oft im Rahmen von elektronischen Medien, in denen eine eher informelle Sprache verwendet wird. Die Fähigkeit, sich auf eine formelle Situation sprachlich einzustellen, ist nicht mehr so stark ausgeprägt. Das fällt mir in E-Mails auf. Dort ist die Neigung zu gewissen nähesprachlichen Formeln festzustellen, etwa, wenn mir eine völlig unbekannte Studentin gleich „Liebe Grüße“ schickt. Das wirkt dann naiv und unbedacht, weil man die kommunikative Praxis beispielsweise aus sozialen Netzwerken einfach überträgt.

Was erwarten Sie denn für eine Anrede?

Seifert: Sie sollte situationsadäquat sein, wie es so schön heißt. Bei unbekannten Personen wäre das etwa ein höflich-distanziertes „Sehr geehrter Herr“. Der akademische Grad wird zumeist weggelassen. Aber eine Anrede wie „Hallo“ ist nicht empfehlenswert. Viele akzeptieren das zwar mittlerweile, ich bin mir aber sicher, dass das gerade bei älteren Kollegen nicht gut ankommt. Wenn man sich aber etwas besser kennt, kann man zu Formen wie „Liebe Frau XY“ oder „herzliche Grüße“ übergehen. Aber die E-Mails sind nicht das Hauptproblem, sie zeigen nur gewisse Unsicherheiten. Das größte Problem sind die wissenschaftlichen Texte.

Haben Sie Beispiele für Fehler?

Seifert: Es gibt häufig schräge Formulierungen wie „auf etwas gegenargumentieren“. Im Bereich der Rechtschreibung sehe ich erhebliche Probleme etwa bei der Kennzeichnung von Kurzvokalen, etwa „Stamm“ mit einem m oder „Tabelle“ mit einem l. Es gibt Indizien dafür, dass dies mit der Schreiblernmethode zu tun haben könnte, bei der Grundschüler zunächst so schreiben sollen, wie sie es hören. Möglicherweise sind solche Fehler Relikte davon.

Aber mit Computern umgehen können die Studierenden, oder?

Seifert: Wenn immer von Medienkompetenz gesprochen wird, muss ich lächeln. Viele sind nicht in der Lage, ein einfaches Schreibprogramm zu bedienen und einen Einzug oder Spiegelstriche zu formatieren. Es fehlt an der Fähigkeit, mit dem Computer adäquat umzugehen. Zudem hapert es an der Recherche. Jeder findet alle möglichen Leute auf Facebook oder irgendwelche Sonderangebote. Aber wenn es darum geht, bibliografisch relevante Informationen zu finden, setzen die Schwierigkeiten ein.

An welchem Punkt müsste das alles denn erlernt werden?

Seifert: Es wäre wünschenswert, wenn die Textproduktion schon in den Schulen geübt würde. Auf der anderen Seite haben wir uns mit dem Status quo abgefunden und versuchen, Grundlagenarbeit zu leisten, etwa mit Tutorien oder einer Schreibwerkstatt, wo ganz banale Dinge geübt werden. Oft habe ich aber den Eindruck, dass dort nur diejenigen hingehen, die es gar nicht nötig haben. Ich möchte hier aber keinen einseitigen Eindruck vermitteln. Es gibt auch eine Vielzahl an sehr guten Studenten. Die Probleme mit den anderen fallen nur deutlicher ins Auge – und sie prägen die Wahrnehmung.

Sind Sie besorgt?

Seifert: Eher desillusioniert. Ich bin enttäuscht, wenn ich in Seminaren nicht auf die Begeisterung und Vorkenntnisse stoße, die ich gerne hätte. Ich weiß nicht, ob es an der Bereitschaft oder an der Fähigkeit der Studierenden liegt. Vielen reicht offenbar, mit einem mäßigen bis schlechten Referat so gerade durchzukommen; ich kann nicht verstehen, dass manche so geringe Ansprüche an sich selbst haben. Um so beglückender ist es, wenn es gelingt, einzelne zu begeistern und zu interessieren. Daraus beziehe ich meine Motivation, dafür lohnt es sich.