Vortrag an der Universität Bonn

So sieht die Medizin der Zukunft aus

In Zeiten der digitalisierten Gesellschaft werden Gesundheits-Apps zur Regel werden.

In Zeiten der digitalisierten Gesellschaft werden Gesundheits-Apps zur Regel werden.

Bonn. Die Medizin hat in den vergangenen fünf bis zehn Jahren in vielen Bereichen enorme Fortschritte gemacht. Wie sieht die weitere Entwicklung aus? Ein Gespräch mit Nicolas Wernert, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn.

Herr Wernert, was ist konkret unter Ihrem Vortragsthema „Medizin der Zukunft“ zu verstehen?

Nicolas Wernert: Über allem steht die Digitalisierung. Dann gibt es die drei Bereiche Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Und als vierten wichtigen Bereich, gerade was die Zukunft angeht, nenne ich noch Ethik.

Warum Ethik?

Wernert: Weil die modernen Verfahren ethisch begleitet werden müssen, denn die Erkenntnisse der Wissenschaft eilen der Ethik meist voraus. Teilweise steht die wissenschaftliche Erkenntnis schon vor der Anwendung, und die ethischen Implikationen sind noch nicht einmal gedacht.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Wernert: Denken Sie an die Gentechnik. Wir haben nun theoretisch die Möglichkeit, nicht nur an unseren physischen, sondern auch unseren geistigen Eigenschaften herumzuschrauben. Mit humanen embryonalen Stammzellen kann man alles mögliche tun, aber soll man das auch? Da gibt es in Europa strenge Auflagen. Es existiert allerdings eine Veröffentlichung einer chinesischen Gruppe, die mit einer neuen, der sogenannten CRISPR/Cas9-Methode versucht hat, ein defektes Gen bei einer erb-lichen Anämie zu korrigieren. Die Journale „Nature“ und „Science“ haben die Veröffentlichung auch wegen ethischer Bedenken abgelehnt. Denn bei 86 Embryonen konnte der Gendefekt nur in vier Fällen korrigiert werden.

Kommen wir zur Digitalisierung. Was blüht uns da?

Wernert: Da ist die Zukunft im Grunde schon angekommen. In der Forschung produzieren wir durch moderne Analyseverfahren Riesen-Datenmengen, die ein Gehirn gar nicht mehr verarbeiten kann. Wir häufen in der Medizin und den Biowissenschaften sehr viele Informationen an, aber zunächst noch kein Wissen. Die Informationen müssen erst von der Bio- und Medizininformatik durch Rechner strukturiert und verknüpft werden. Hieraus kann unter Berücksichtigung der Patientendaten dann die entsprechende Behandlung resultieren. Man könnte so schon im Vorfeld finden, dass Medikament A Nebenwirkungen hat, B unwirksam ist und C wirkt.

Wie beeinflusst die Digitalisierung die Lehre?

Wernert: Dort ist sie längst angekommen. Die Studenten lernen viel über das Internet. Unsere Vorlesungen werden online gestellt und wir haben an der Universität so genannte E-Tutoren. Zudem werden weltweit schon Kurse renommierter Universitäten angeboten, die teilweise sogar kostenlos sind. Es könnte theoretisch sein, dass wir irgendwann eine globale Universität im Cyberspace haben und das ehrwürdige Hauptgebäude so nicht mehr notwendig sein wird. Weder möchte ich das, noch glaube ich, dass es so kommen wird, denn Untersuchungen zeigen, dass gute Vorlesungen nach wie vor besucht werden. Zudem braucht man gerade in der Medizin Unterricht am Patientenbett. Man muss kommunizieren, auch emotional. Der Lehrende muss mit dabei stehen und korrigieren können.

Was bedeutet das für die Krankenversorgung?

Wernert: Da sind wir bald schon so weit, dass jeder auf seinem Smartphone Apps benutzt, die Gesundheitsdaten aufnehmen, oder dass wir Biosensoren haben, die den Blutzucker messen. Diese Daten könnten in eine Praxis übertragen und mit dem Patienten besprochen werden. Daneben können schon Computerprogramme selbstständig über text- und sprachbasierte medizinische Dialogsysteme personalisierte Gesundheitsinfos liefern.

Es wird also alles digital?

Ja, die ganze Gesellschaft wird durchdigitalisiert werden und natürlich auch jede Krankenakte.

Aus der Sicht der Patienten bedeutet das aber zwangsläufig auch, dass jeder einzelne gläsern wird. Sehen Sie darin eher eine Chance, oder – Stichwort Ethik – auch ein Risiko?

Wernert: Ich sehe das in der Bilanz positiv, unter anderem weil es Richtung personalisierte Medizin geht. Ein Rechner kann beispielsweise das ganze Genom eines Patienten zur Verfügung haben und abgleichen, welches Medikament bei bestimmten Erkrankungen, bis hin zu Tumoren, wirksam ist.

Ist diese gesamte Entwicklung mit deutlich mehr finanziellem Aufwand verbunden?

Wernert: Das wird so kommen, ohne dass ich eine konkrete Schätzung abgeben könnte. Gerade in der Forschung und im klinischen Bereich wird noch viel Geld in die IT fließen müssen. Dem werden aber auch Vereinfachungen und Einsparungen gegenüberstehen.

Bei all dem rasanten Fortschritt: Kommen wir schon bald dahin, dass es keine unheilbaren Krankheiten mehr gibt?

Wernert: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass gerade die Volkskrankheiten trotz dieses Sprungs in der Medizin nicht verschwinden werden. Wenn Sie einmal eine schwere Gefäßverkalkung gesehen haben, dann wird Ihnen klar, dass Sie das nie wieder in den Normalzustand bekommen, dann müsste die Zeit rückwärts laufen. Vernünftige Prävention muss viel mehr in den Vordergrund gerückt werden.

Der Mensch bleibt also für sich selbst verantwortlich?

Wernert: Ja. In Zeiten der Mangelernährung gibt es kaum Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Wenn ich an die Mehrzahl der Erkrankungen denke, mit denen wir es zu tun haben, läuft fast alles über die Art der Ernährung und die Kilos, die jemand trägt. Wenn wir es in den Industrieländern schaffen, uns vernünftig zu ernähren, sind wir den überwiegenden Teil unserer Krankheiten los. Das, was die Medizin der Gegenwart und Zukunft bietet, ist fantastisch. Aber global betrachtet, ist es auch ethisch zunächst enorm wichtig, sehr einfache Maßnahmen umzusetzen: Der Weltbevölkerung sauberes Wasser und sanitäre Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen, würde viele Infektionskrankheiten und die Kindersterblichkeit vermindern. Global Health und Prävention sind auch in Zukunft die wichtigsten Maßnahmen, um uns gesund zu halten.