Bonner Exzellenzforschung

Sklaverei in komplexen Gesellschaften

Ein gut erforschter Teil der Geschichte der Sklaverei: Das Foto stammt aus dem Freilichtmuseum „Savane des Esclaves“ auf Martinique und zeigt eine Hütte der Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen der Karibik. Nun betrachten Bonner Forscher das Phänomen in anderen Zeiten und Erdteilen.

Ein gut erforschter Teil der Geschichte der Sklaverei: Das Foto stammt aus dem Freilichtmuseum „Savane des Esclaves“ auf Martinique und zeigt eine Hütte der Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen der Karibik. Nun betrachten Bonner Forscher das Phänomen in anderen Zeiten und Erdteilen.

Bonn. Wissenschaftler erkunden die Unfreiheit von den Urgesellschaften bis um 1800. Laut Wikipedia ist Sklaverei ein „Zustand, in dem Menschen vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden“.

Ein rostiges Halseisen auf nackter Haut, angeschlossen an eine Eisenkette. Dieses Bild hat nicht nur vor Augen, wer an Sklaverei denkt. Dieses Symbolfoto hat auch die Universität Bonn auf ihrer Homepage für das Exzellenzcluster „Beyond Slavery and Freedom“ gewählt, mit dem eine Vielzahl kleiner Fächer aus den Geisteswissenschaften die Jury im Herbst überzeugt hatte.

Laut Wikipedia ist Sklaverei ein „Zustand, in dem Menschen vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden“. Man denke dabei vor allem an die Sklaven im alten Griechenland und im Römischen Reich und andererseits an die Arbeitssklaven in der Neuen Welt in der frühen Neuzeit, sagt Professor Stephan Conermann, Prorektor für Internationales und zugleich Sprecher des Exzellenzclusters.

Um diese beiden schon gut erforschten Phänomene soll es in Bonn aber nicht gehen. Stattdessen nehmen sich Vor- und Frühgeschichtler, Archäologen, Ägyptologen, Islamwissenschaftler und Altamerikanisten unter gemeinsamen Fragestellungen jeweils ihr eigenes Fachgebiet vor – von den ersten menschlichen Gesellschaften bis um 1800.

Ist „Freiheit“ nur eine Phrase?

Der Begriff Sklaverei sei für eine vergleichende Perspektive zwar problematisch, denn er stamme ebenso wie das Gegenstück Freiheit aus der europäischen Aufklärung, sagt Conermann. Doch auch wenn es beide Begriffe in anderen Kulturen (so) nicht gab, seien Abhängigkeitsverhältnisse von Einzelnen oder ganzen Gruppen in asymmetrischen Gesellschaftsstrukturen doch weit verbreitet.

Conermann und seine Kollegen wagen sich gar mit der Hypothese aus der Deckung, solche Strukturen abhängiger Arbeit seien komplexen Gesellschaften immanent – mit dem ganz bewussten Bezug bis in die Gegenwart hinein. Da stellt sich dann die ketzerische Frage, ob Schlagworte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wirklich mehr sind als romantische Phrasen? Und welche Gefahren in der Zukunft lauern?

„Das mag eine steile These sein. Aber sie speist sich aus den Erfahrungen aller kleinen Fächer“, sagt der Islamwissenschaftler Conermann. Er selbst forscht über häusliche Sklaverei im muslimisch geprägten Ägypten des 14. Jahrhunderts. Ein Kollege bringt Licht in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse im christlichen Mittelmeerraum während des Mittelalters. Eine Kollegin aus Norwegen, bereits im Vorfeld für das Cluster angeworben, erforscht Abhängigkeitsverhältnisse in Skandinavien in der frühen Neuzeit.

Besonders interessant ist für die Abhängigkeitsforschung Altamerika, dessen Hochkulturen bis zur Ankunft von Kolumbus als einzige weltweit keinen Kontakt zu Europa hatten. „Auch dort haben sich Formen abhängiger Arbeit entwickelt“, sagt die auf Kulturen in Peru spezialisierte Altamerikanistin Professorin Karoline Noack, neben Professor Konrad Vössing stellvertretende Cluster-Sprecherin. Sie berichtet aber auch von den praktischen Schwierigkeiten, sich dem Thema zu nähern. In schriftlosen Kulturen wie der der Inka können nur spätere Berichte europäischer Entdecker oder materielle Quellen Aufschluss liefern. „Die Frage ist, ob und wie sklavereiähnliche Verhältnisse in der Keramik oder auf Textilien Spuren hinterlassen haben und wie wir diese deuten“, sagt sie.

„Davon profitieren stark auch unsere regulären Studenten“

Entstanden ist die Idee für das Cluster auf der Suche für ein gemeinsames Post-Doc-Programm für Absolventen kleiner historisch-ethnologischer Fächer in Bonn. Als die Hochschulleitung nach einem überzeugenden geisteswissenschaftlichen Thema für einen Cluster-Antrag suchte, musste Conermann nur in die Schublade greifen. Dem in dieser vergleichenden Perspektive noch nirgends erforschten Themenkomplex und dem prägnanten Gegenwartsbezug konnten sich die Juroren offenbar kaum entziehen. Und einen vergleichbaren Forschungsverbund von der Altamerikanistik bis zur Tibetologie sucht man wohl in der akademischen Landschaft auch ziemlich vergebens.

28 Millionen Euro Fördergeld stehen den beteiligten Wissenschaftlern für ihre Arbeit in den kommenden zunächst sieben Jahren zur Verfügung. Bis zu fünf zusätzliche Professuren, ein Fellow-Programm, eine Graduiertenschule, ein Postdoc-Programm, ein neues internationales Master-Programm sowie ein globales Forschungsnetzwerk sollen die Universität stärken und international sichtbarer und attraktiver für ausländische Studenten machen. „Davon profitieren stark auch unsere regulären Studenten“, glaubt Noack. Der fachliche Austausch mit internationalen Kommilitonen sei oftmals deutlich ernsthafter als allein unter Deutschen.

Aber das Cluster will auch in die Welt und die Bonner Stadtgesellschaft hinein wirken. Neben einer Verknüpfung der diversen Bestands-Kataloge der verschiedenen Fächer sind gemeinsame Ausstellungen der verschiedenen Uni-Museen oder Angebote für Schulen und interessierte Erwachsene geplant. Im März sollen die zu besetzenden Stellen ausgeschrieben werden. Die offizielle Eröffnung des Clusters ist für Oktober 2019 vorgesehen.