Forscher der Uni Bonn

Rauchen soll vor Parkinson schützen

Wissenschaftler des DZNE erforschen, inwiefern Fehlfunktionen der „Mitochondrien“ – der Kraftwerke der Zellen – zur Parkinson-Erkrankung beitragen. Diese Abbildung zeigt zwei Nervenzellen unter dem Mikroskop. Die Mitochondrien sind darin gelb/orange markiert.

Wissenschaftler des DZNE erforschen, inwiefern Fehlfunktionen der „Mitochondrien“ – der Kraftwerke der Zellen – zur Parkinson-Erkrankung beitragen. Diese Abbildung zeigt zwei Nervenzellen unter dem Mikroskop. Die Mitochondrien sind darin gelb/orange markiert.

Bonn. Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und die Uni Bonn forschen zu den Ursachen und Therapiemöglichkeiten der Parkinson-Erkrankung. Auch Nikotin spielt hier eine Rolle.

Etwa 13.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Parkinson. Bei der neurogenerativen Erkrankung stehen Botenstoffe und Eiweiße im Fokus. Am 11. April informieren Forscher der Uni Bonn Betroffene und Interessierte.

Die Störung des Geruchssinns kann ein erstes Anzeichen sein. Sie setzt ein, bevor die Beeinträchtigungen der Feinmotorik oder das charakteristische Zittern, der Tremor, beginnen. Auch die Muskelsteifheit, der Rigor, die zu einem vornüber gebeugten Gang mit auffallend kleinen Schritten führt, gehört zu den Hauptsymptomen der Parkinson-Krankheit. Zusätzlich können Gleichgewichtsstörungen, Depressionen, Gelenkschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit sowie starkes Schwitzen und Störungen des Magen-Darm-Traktes, der Harnblasenfunktion und Blutdruckregulation auftreten.

Professor Ullrich Wüllner forscht seit Jahren zu Parkinson. Er sagt: „Es handelt sich nicht um eine einheitliche Erkrankung, sondern ein sehr heterogenes Syndrom, das man im Köln/Bonner Raum am besten mit »Jeder Jeck ist anders« umschreiben kann.“ Parkinson zählt zu den häufigsten Erkrankungen des Nervensystems und beginnt meistens im Alter zwischen 55 und 65 Jahren. In Deutschland sind 250.000 bis 300.000 Menschen betroffen, die Zahl der Neuerkrankungen liegt bei etwa 13.000 pro Jahr.

Wüllner, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Uniklinik Bonn und gleichzeitig Forschungsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) auf dem Venusberg, stellt eine Gemeinsamkeit unter allen Betroffenen heraus: „Das ist die Verminderung des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Er ist wichtig für die Steuerung unserer Bewegungen und auch an den unterschiedlichsten psychischen Reaktionen beteiligt, wie etwa an Motivation und Konzentration.“

Parkinson ist nicht heilbar, aber behandelbar

Parkinson ist nicht heilbar, aber laut Wüllner heute gut behandelbar. Durch den Mangel an Dopamin wird das chemische Gleichgewicht im Gehirn gestört. „Medikamente stellen eben dieses Gleichgewicht im Gehirn wieder her“, sagt der 56-jährige Neurologe. Anlässlich des Welt-Parkinson-Tages am 11. April richtet er an diesem Donnerstag auf dem Bonner Venusberg einen öffentlichen Informationstag zu der Krankheit aus (Details dazu im Infokasten).

Wüllner und seine Forscherkollegen lenken ihr Augenmerk besonders auf den Eiweißstoff Alpha-Synuclein. „Verschiedene Studien lassen darauf schließen, dass eine Verklumpung dieses Proteins im Gehirn dazu führt, dass Menschen Parkinson-Symptome entwickeln. Erstaunlicherweise wissen wir trotz vieler Studien nicht, was dieses Synuclein im Gehirn wirklich macht.“

Dennoch setzt die Forschung Wüllners an diesem Punkt an. Er und sein Team haben sich die Frage gestellt: Könnte es sein, dass die Mengenregulation des Synuclein bei den Betroffenen außer Tritt geraten ist, oder das Protein nicht richtig abgebaut wird?

Forscher suchen nach bisher unbekannten Arzneimittelwirkungen

Und das wiederum führte den Wissenschaftler zu weiteren Ansätzen: „Das heißt, man kann sich darum kümmern, den Abbau des Proteins zu verbessern. Und wir müssen überlegen, ob man die Menge des Eiweißstoffes irgendwie reduzieren kann, indem man dessen Produktion einschränkt.“ Eine Möglichkeit sehen die Forscher in unbekannten Arzneimittelwirkungen, sogenannten Off-target-Effekten. So nennen Pharmakologen bisher unbekannte Wirkungen von bereits zugelassenen Medikamenten, die eigentlich ganz andere Krankheiten bekämpfen sollen. „Deswegen untersuchen wir derzeit in einer Studie, ob die 1650 zugelassenen Wirkstoffe in den Apotheken dieser Welt über ihre beabsichtigte und bekannte Wirkung hinaus vielleicht auch noch die Menge des Eiweißes Synuclein beeinflussen. Das gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, erklärt Wüllner.

Ähnliches gilt für einen weiteren Ansatz des Forscherteams, den oder die Auslöser der Krankheit zu finden. „Zwei Kollegen aus unserem Team schauen sich die Darmbakterien genauer an“, sagt der Mediziner. „Deren Zusammensetzung scheint sich bei Parkinson-Patienten und gesunden Menschen doch erheblich zu unterscheiden. Darauf lässt sich vielleicht langfristig eine diagnostische Prozedur aufbauen.“

Ein großes Forschungsziel seines Metiers sieht der Professor darin, herauszufinden, was Parkinson letztendlich auslöst. Denn: „Wenn ich nicht weiß, wo die Krankheit herkommt, kann ich schlecht Prävention betreiben“, sagt Wüllner. Wohl wissend, dass dies kein Allheilmittel sei, empfehle er einen bewussten Lebensstil mit gesunder Ernährung und viel Bewegung. Eine gemüsereiche, „mediterrane“ Ernährung vermindert das Risiko, an Parkinson zu erkranken.

Die Rolle des Nikotins

Dabei könnte Nikotin, das nicht nur in Tabakblättern vorhanden ist, sondern auch in anderen Nachtschattengewächsen wie Peperoni und Paprika, eine Rolle spielen. Nikotinreiche Ernährung vermindert das Parkinson-Risiko – und, überraschend: „Rauchen ist der stärkste protektive Faktor gegen Parkinson. Das zeigt eine Vielzahl von epidemiologischen (also Volkskrankheiten betreffenden) Studien. Warum das so ist, ist ein weiteres mit der Erkrankung verbundenes Rätsel – und natürlich gehen Raucher im Gegenzug viele andere Gesundheitsrisiken ein“, erklärt Wüllner.