Ina Prinz im Interview Professorin erklärt Schönheit der Mathematik

Professorin Ina Prinz ist die Direktorin des Arithmeums. Das Museum beherbergt 10 000 historische Rechenmaschinen. Das Foto zeigt die Wissenschaftlerin neben einer funktionstüchtigen Rekonstruktion der Sprossenradmaschine des Physikers und Mathematikers Giovanni Poleni.

Bonn. Das dritte Uni-Festquartal im Jubiläumsjahr beschäftigt sich mit der Welt der Zahlen. Professorin Ina Prinz sieht darin Schönheit und Ästhetik.

Im Mittelpunkt des dritten Quartals des Uni-Jubiläumsjahres steht die „Welt der Zahlen“. Ihre verschiedenen Facetten stellen Wissenschaftler der Uni Bonn und anderer Hochschulen in Vorträgen vor. Professorin Ina Prinz kommt in ihrer Kulturgeschichte des Rechnens unter anderem auf die besondere Schönheit der Mathematik zu sprechen.

Mit dem Programm des dritten Festquartals „Welt der Zahlen“ möchte die Uni Bonn eben diese den Menschen etwas näher bringen. Warum ist das nötig?

Professorin Ina Prinz: Wir merken immer wieder, dass viele Menschen Berührungsängste in Bezug auf die Mathematik haben. Und diese wollen wir ein wenig reduzieren. Wir wollen zeigen, dass Zahlen, Rechnen und Mathematik sogar wirklich faszinierend sein können. Prorektor Professor Andreas Zimmer hat dafür ein entsprechendes Programm zusammengestellt.

Wie merken Sie diese Berührungsängste in Ihrem Alltag?

Prinz: Zum Beispiel, wenn ich in einer Gesellschaft bin, und nach Berufen gefragt wird. Wenn ich dann erzähle, dass ich sehr viel mit Mathematik zu tun habe, sind viele erstaunt, einige reagieren mit „verhaltener Neugier“.

Ist das so etwas wie eine schwache Form der Angst?

Prinz: Ja, das kann sein. Vielleicht befürchten meine Gesprächspartner, dass sie sich dann mathematisch beweisen müssen.

Wie reagieren Sie in so einem Fall der „verhaltenen Neugier“?

Prinz: Ich sehe das eher als Herausforderung, jemanden von der Schönheit der Mathematik zu überzeugen.

Kann Mathematik denn schön sein?

Prinz: Ja, unbedingt. Schön ist zum Beispiel, dass es in der Mathematik immer eine eindeutige Lösung gibt. Und wenn ein Wissenschaftler für ein schwieriges mathematisches Problem eine kurze, prägnante Lösung findet, sprechen wir von einer ästhetisch schönen Lösung im Sinne der Mathematik.

Das klingt nach viel Überzeugungsarbeit.

Prinz: Manchmal schon. Das liegt vielleicht auch daran, dass viele durch den Schulunterricht abgeschreckt werden und wurden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich in vielen Schulfächern neue Methoden entwickeln und durchsetzen. Die Mathematik jedoch wird in Teilen noch so unterrichtet wie im 19. Jahrhundert. So bleibt den Schülern häufig verborgen, dass Mathematik schön und für unser modernes Leben sehr wichtig ist. Jedes Navi, jeder chirurgische Roboter, jeder Mikroprozessor basiert auf Mathematik. Dieses Thema zum Beispiel wird Professor Bernhard Korte bei seinem Vortrag am 18. Juli im Arithmeum behandeln.

Sie halten Ihren Vortrag „Alles, was zählt“ im Arithmeum schon morgen Abend. Was können die Zuhörer erwarten?

Prinz: Eine kleine Kulturgeschichte des Rechnens. In dem Fall schaue ich in die Vergangenheit und zeige, wie aus den allerersten Berührungen der Menschen mit der Zahl ein heute weltweites Verständnis von Zahlen und Rechenregeln erwachsen ist – aber auch, wie die Idee entstanden ist, sich das Rechnen mit Maschinen zu vereinfachen.

Woher kommen denn die Zahlen?

Prinz: Sie sind aus dem Bedürfnis des Menschen entstanden, sich zu orientieren. Eine ganz frühe Szenerie lässt sich wie folgt vorstellen: Ein Schäfer will wissen, ob alle seine Schafe bei der Herde bleiben. Morgens legt er pro Schaf, das an ihm vorbei auf die Weide läuft, einen sogenannten Calculus, einen antiken Rechenstein, auf einen Haufen. Am Abend dann umgekehrt, für jedes Schaf, das an ihm vorbeizieht, legt er einen Stein zurück. Wenn alle Steine von dem einen auf den anderen Haufen gewandert sind, weiß er, seine Herde ist noch komplett. Wenn nicht, weiß er, dass Schafe fehlen und auch, wie viele fehlen.

Wann ist diese Methode etwa entstanden?

Prinz: Die Calculi wurden ungefähr 4000 vor Christus das erste Mal benutzt.

Welche „Rechenmodelle“ stellen Sie noch vor?

Prinz: Ich komme unter anderem auf die Babylonier zu sprechen, die ein 60er-System verwendeten, und die Maya mit ihrem 20er-System, das sich heute noch im Französischen wiederfindet: 80 heißt dort quatre-vingts („vier Zwanziger“). Und schließlich auch auf unser Dezimalsystem, das seit der frühen Neuzeit bei uns Verwendung findet.

Und wie kam es zum Dezimalsystem?

Prinz: Wahrscheinlich aufgrund des Umstandes, dass wir zehn Finger haben und den Menschen dadurch das Zählen leichter fiel.

Gibt es bei Ihrem Vortrag auch einen Blick in die Gegenwart?

Prinz: Ja, ich lande bei dem Punkt, dass eine Welt ohne Zahlen, aber auch ohne Computer, heute nicht mehr denkbar ist.

Zur Startseite