Sexualität und Religion

"Pornografie ist nicht grundsätzlich verwerflich"

Adam und Eva: Die fleischliche Liebe erscheint in der Bibel erstmals in Kapitel 2.

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BONN.

Religion und Sexualität – dies ist ein Thema, über das man lange diskutieren kann. Und es wirft viele Fragen auf: Was sagt die Bibel zu Homosexualität? Wie unterscheiden sich die Weltreligionen hinsichtlich des Auslebens von Sexualität? Ist das Schauen von Pornos aus christlicher Sicht moralisch fragwürdig?

Das Zentrum für Religion und Gesellschaft (ZERG), welches 2005 an der Universität Bonn gegründet wurde, hat die Ergebnisse einer Ringvorlesung zum Thema „Religion und Sexualität“ nun als gleichnamiges Buch herausgebracht und sich einigen dieser Fragen gewidmet.

Das ZERG ist ein Zusammenschluss von Forschern, die sich mit Religion und ihrer Auswirkung auf die Gesellschaft beschäftigen. Die Wissenschaftler für die Ringvorlesung wurden zunächst aus dem Kreis der Mitglieder herangezogen und die Vorträge dann um weitere Beiträge von Fachleuten ergänzt.

Der Herausgeber des Buches, Dr. Jochen Schmidt, ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Paderborn. Er führt an, dass die Auseinandersetzung von Religion und Sexualität einen wichtigen Beitrag zum Verstehen von Religionen leisten könne „Das Buch hat einen innovativen Wert, da es Detailstudien zu verschiedenen, in dieser Weise noch nicht bearbeiteten Feldern enthält“, erklärt Schmidt.

Hauptsächlich bezieht sich das Buch auf das Christentum, aber auch das Judentum und die zeitgenössische tibetische Kunst werden behandelt. In „Religion und Sexualität“ veröffentlichen sieben Wissenschaftler aus unterschiedlichen Themengebieten ihre Erkenntnisse. Einige Aspekte seien sicherlich schon diskutiert worden. Jedoch enthalte das Buch auch sehr viele neue Ergebnisse.

Als „echte Pionierarbeit“ bezeichnet Schmidt den Beitrag von Professor Martin Leutzsch (ebenfalls Uni Paderborn). Dieser hat sich mit der Entstehung der populären Jesusvorstellung beschäftigt. „So eine Studie gab es bisher nicht“, erklärt Schmidt.

Ebenso eindrucksvoll sei das Thema, dem sich Professor Günter Röhser von der Universität Bonn gewidmet hat: Er behandelt die Frage, wie die Bibel zur Homosexualität steht. Im Neuen Testament zähle für Paulus allein das sündige Verhalten, der „bewusst gesetzte Akt wider besseres Wissen“, so sagt Röhser. Der Begriff Homosexualität sei neu, und daher sei es zu hinterfragen, ob man ihn überhaupt auf die alten Texte anwenden könne, so Röhser. Er ist der Meinung, dass homosexuelle Menschen keineswegs wider besseres Wissen handeln, sondern dass es sich dabei um eine „irreversible Grundveranlagung“ handle.

Nicht sexuelle Ausrichtung zählt, sondern allein Verlässlichkeit, Treue und Respekt

In jeder ernsthaft angelegten menschlichen Lebensgemeinschaft würden allein Verlässlichkeit, Treue und Respekt zählen – ganz egal, ob die Beziehung hetero- oder homosexuell sei. „Wer Ressentiments gegen Homosexualität hegt und meint, sich darin durch biblische Kommentierungen von Sexualität bestärkt zu sehen, der verkennt den Sinn der entsprechenden Bibelverse“, ist Jochen Schmidt überzeugt.

Schmidt selber wirft in seinem Beitrag zum Band „Religion und Sexualität“ die Frage auf, ob der Konsum von Pornografie aus christlicher Sicht fragwürdig sei. „Es gibt wenige Abhandlungen zu diesem Thema. Dabei ist die Pornografie ein spannendes Phänomen. Denn die – wenn auch nicht aus der Luft gegriffene – Annahme, Pornografie verobjektiviere und entwürdige Frauen, steht in Spannung zu der Tatsache, dass nicht wenige Pornodarstellerinnen das Gegenteil behaupten“, sagt der Theologe.

„Auch der Verweis auf die mitunter problematischen Produktionsbedingungen von Pornografie sowie die möglichen Wirkungen auf den Konsumenten nötigen noch nicht zu dem Schluss, dass Pornografie als solche verwerflich ist. Eine vorschnelle Verurteilung von Pornografie im Rückgriff auf überkommene christliche Moralvorstellungen sollte vermieden werden. Denn theologische Bewertungen von Pornografie sind umso weniger überzeugend, je stärker sie von einer sexualfeindlichen Grundeinstellung geleitet sind.“ Entscheidend sei letztlich der verantwortungsvolle Umgang mit dem Konsum pornografischer Produkte.

Jochen Schmidt (Hg.): Religion und Sexualität. Studien des Bonner Zentrums für Religion und Gesellschaft. Ergon-Verlag, Würzburg, 237 S., 45 Euro