Chronisch neugierig Pensionierter Hochschullehrer hat 170 Bücher veröffentlicht

Bruno P. Kremer ist das, was man früher wohl einen Universalgelehrten genannt hätte.

Bonn. Der Bonner Biologe Bruno P. Kremer schreibt für ein aufgeschlossenes Publikum ohne spezielle Fachkenntnisse. Er möchte seine Leser intellektuell und emotional packen und ihnen neuartige Naturerlebnisse vermitteln.

Es ist doch erstaunlich, dass Tauben ihre Nester auf dem Kölner Dom nur aus Rührstäbchen für Kaffee bauen. Oder dass die größten Algen vor Helgoland ausgerechnet während der Winterstürme wachsen. Oder dass es für Eingeweihte 90 Arten von Stillgewässern gibt von der Waldpfütze bis zur Vulkancaldera, wo der Laie nur einen See sieht. Oder dass der Heilige Geist Pfingsten keineswegs als Taube vom Himmel herabfuhr. „Das war lediglich ein Übersetzungsfehler vielleicht schon von Martin Luther“, sagt der Bonner Biologe Bruno P. Kremer bei einem Treffen zum Gespräch auf dem Münsterplatz. Mit all diesen Themen hat Kremer sich bereits näher befasst. Zu erzählen gibt es also genug – vielleicht doch noch einen Kaffee?

Kremer ist das, was man in früheren Jahrhunderten wohl einen Universalgelehrten genannt hätte. 170 Bücher hat der 72-Jährige inzwischen veröffentlicht, übersetzt in 14 Sprachen. Von Haus aus ist er mariner Biologe, hat auf der Hochseeinsel Helgoland über die Genese von Algen promoviert. Doch auch Ökosysteme, Insekten, Chemie, Geologie und Astronomie interessieren ihn. „Ich bin chronisch neugierig. Wenn ich etwas nicht verstehe, lese ich nach oder frage Experten“, sagt Kremer.

Von Leuten, für die der Beruf zur Berufung wurde, ist in solchen Artikeln oft die Rede. Bei Kremer lief es etwas anders. Weil seine Stelle am Institut für Botanik der Universität Köln auslief, bewarb er sich bei den Erziehungswissenschaftlern. Jahrzehntelang hielt Kremer dort anschließend Vorlesungen für angehende Biologielehrer der Primarstufe und Sek 1. „Laborarbeit und Feldforschung fielen damit weitgehend flach“, erinnert er. Die Leere füllte er mit Publikationen. Schließlich hatte er schon im Studium für Zeitungen geschrieben.

Seine Zielgruppe ist stets ein aufgeschlossenes Publikum ohne spezielle Fachkenntnisse. Kremer möchte seine Leser intellektuell und emotional packen und ihnen neuartige Naturerlebnisse vermitteln. Jüngst hat er sich – rechtzeitig zum Beginn der Urlaubssaison an Nord- und Ostsee – mit seinem Co-Autor Fritz Gosselck die Küsten vorgenommen.

In dem umfangreichen Band erzählt er mit Charme und auch mit manch ironischem Seitenhieb, wie der Meeresspiegel auf der Erde – die in Wahrheit die Form einer Kartoffel hat – ganz unterschiedlich hoch ausfällt. „Mit einem Boot muss man de facto teilweise erheblich bergauf fahren.“ Am Strand beschreibt er das größte Ökosystem des Planeten zwischen den Lücken im Sand, das erst in den 1950er-Jahren wirklich entdeckt und beschrieben wurde. „Die Kreaturen, die dort hausen, sehen aus wie richtige kleine Monster. Hieronymus Bosch hätten die gefallen“, ist der Autor sicher.

Er schreibt über das Leben im Sand

Geologische, chemische und biologische Phänomene stellt Kremer elegant miteinander in Zusammenhang. Die passenden Grafiken zum Beispiel zu den Etagenwohnungen auf den Helgoländer Vogelfelsen zeichnet er selbst am PC. Aber auch die Leser müssen mitmachen. So gilt es, mit dem Satz des Pythagoras die Entfernung des Horizontes abhängig von Körperhöhe und Standort zu berechnen. Die Formel liefert Kremer mit – nicht aber das Ergebnis.

In einem im Februar erschienenen etwas anderen Bestimmungsbuch (Schmetterlinge in meinem Garten, Haupt Verlag) hat der Wachtberger, der selbst mit großem Garten in Pech am Rand einer Pferdekoppel und des Kottenforstes wohnt, Deutschlands Schmetterlinge porträtiert und Tipps für einen insektenfreundlichen Garten gegeben. Im letzten Jahr hat er die Jahresfeste biologisch betrachtet (Weihnachtsbaum und Osterhase, Springer Verlag). Daher weiß er auch, dass der Heilige Geist in der Bibel nur als Hauch „wie eine Taube“ hinunterkam – und nicht als leibhaftiger Vogel.

Kulturlandschaften lesen, richtig Mikroskopieren, eine akademisch-sinnliche Annäherung an die Wiese oder eine Handreichung zur Ökologie des Kölner Doms stehen ebenfalls auf der Publikationsliste. Und zu allen Themen fallen dem Autor erstaunliche Fakten ein. Ständig hat Kremer einen Notizblock, im Auto oder beim Joggen ein altes Diktafon dabei, um Einfälle nicht wieder zu vergessen. Ohne Fernseher oder Smartphone schafft er so zwei oder drei Bücher im Jahr, will es demnächst aber etwas ruhiger angehen lassen. Seine Frau kommt mit der Lektüre gar nicht hinterher.

Das nächste Buch über die Typologie und Biologie von Stillgewässern liegt schon beim Verlag. Als Abwechslung zur Küste würde Kremer gerne noch einen Band über Alpenpflanzen schreiben. Weil seine Lebenszeit begrenzt sei, widmet der Biologe sich nach eigener Aussage jedenfalls nur Themen, zu denen er eine gewisse Affinität verspürt und hört zur Entspannung als Gasthörer jeden Freitag eine kunstgeschichtliche Vorlesung über Balthasar Neumann.

Heutigen Studierenden fehle oft die Begeisterung für ihr Studienfach. Mit einem Bachelor sei als Biologe auch nicht viel Staat zu machen. Kremer dagegen ist vollauf zufrieden mit seinem Lebensweg. Er kennt zwar zu seinem großen Bedauern nicht alle 6500 Käferarten im Rheinland. Aber er hat eine ungefähre Vorstellung von der Komplexität, die uns umgibt, sei es beim Strandspaziergang im Sand unter den Füßen oder bei einer Dachführung auf dem Kölner Dom.

Bruno P. Kremer, Fritz Gosselck, Die Küste, Lebensraum zwischen Land und Meer, 192 S., Theiss Verlag 2017, 39.95 €.

Zur Startseite