Universitäts- und Landesbibliothek Bonn

Mehr als 600 verloren geglaubte Bücher zurück in Bonn

Ulrich Meyer-Doerpinghaus (l), Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, und Dezernent Michael Herkenhoff, schauen auf Bücher aus dem Vorkriegsbestand.

Ulrich Meyer-Doerpinghaus (l), Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, und Dezernent Michael Herkenhoff, schauen auf Bücher aus dem Vorkriegsbestand.

Bonn. Über 70 Jahre nach ihrem Verschwinden kehren 645 Bücher in den Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn (ULB) zurück. Es sei die größte Rückgabe in der Geschichte der Bibliothek, teilte die ULB am Donnerstag mit.

Mit einem Festakt hat die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) am Donnerstag die Rückkehr von mehr als 600 ehemals verschollenen Werken aus ihrem Vorkriegsbestand gefeiert. Die Übergabe der Schriften aus belgischem Privatbesitz stellt dabei die größte Rückführung von verloren geglaubten Schriften in der zweihundertjährigen Geschichte der ULB dar.

Michael Herkenhoff, Dezernent für Handschriften und Altbestand der ULB, konnte mit seinen Kollegen bereits die Bedeutung der Stücke erfassen: „Es handelt sich um immense kulturelle und materielle Werte“, sagte Herkenhoff.

Unter anderem finden sich in dem Konvolut mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, mittelalterliche Urkunden, historische Karten, Frühdrucke des 15. Jahrhunderts, seltene Drucke des 16. Jahrhunderts sowie zahlreiche kolorierte Vogelbücher. Sogar 13 weltweit einzigartige Stücke sind Teil der Schriftensammlung.

Die Belgierin Tania Grégoire hatte die Stücke dabei 70 Jahre lang in ihrem Besitz, bevor sie sie dem Londoner Auktionshaus Sotheby's im Jahr 2017 zur Versteigerung angeboten hatte. Sotheby's verständigte daraufhin die Bibliotheksverantwortlichen. Denn wie Lukas Baumann von der Provenienzforschung bei dem Londoner Auktionshaus erklärte, werde jedes angebotene Stück vor einem möglichen Verkauf sorgfältig auf dessen Herkunft geprüft.

In diesem Fall gab es viele Hinweise auf die Zugehörigkeit der Werke zum Vorkriegsbestand der ULB Bonn. Nach eingehender Prüfung von Bibliotheksseite wurde mit der belgischen Besitzerin Tania Grégoire eine Einigung erzielt. ULB-Direktor Ulrich Meyer-Doerpinghaus sagte: „Die Rückgabe konnte mit Madame Grégoire schnell und einvernehmlich geklärt werden.“ Kaum anderthalb Jahre später sind die Werke jetzt wieder im Eigentum der ULB.

Wie genau die Schriften aber einst nach Belgien gelangt sind, ist unbekannt. ULB-Handschriftenexperte Herkenhoff vermutet: „Viele Bände lagerten zwischen 1946 und 1950 in einem Bunker in Bonn. Sie könnten während der Zeit der belgischen Besatzung in Bonn entwendet worden sein.“ Im Kriegsjahr 1943 wurden viele Bestände der ULB zum Teil in Bunkern ausgelagert.

Nach Schätzungen der Bibliotheksverantwortlichen sind trotzdem bis zu 180 000 Werke verloren gegangen, zum Beispiel wurden viele Bücher bei einem Bombentreffer auf das Universitätsgebäude am 18. Oktober 1944 zerstört. Und trotz der vermeintlich sicheren Lagerung von mehreren zehntausend Werken in Bunkern ist ein Gutteil dieser Stücke bei Kriegsende oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit verschwunden. Ob sie vernichtet worden sind oder gestohlen wurden, lässt sich nicht klären.

Eine Bücherrückgabe an die ULB ist dabei anscheinend nicht selten. 2011 hatte die ULB ein Buch und 2018 noch einmal drei Bücher zurückbekommen, die amerikanische Soldaten bei Kriegsende mitgenommen hatten. Mit der Rückgabe von mehr als 600 Büchern auf einmal hatte aber keiner der Verantwortlichen gerechnet.

Auch Lukas Baumann von Sotheby's sagte: „Auch in der Geschichte von Sotheby's ist dieser Akt ohne Präzedenzfall.“ Die Schriften werden jetzt weiter geprüft und digitalisiert und sollen in Zukunft Forschung und Öffentlichkeit zu Verfügung gestellt werden.