Attacke auf jüdischen Professor im Hofgarten Jüdische Hochschulgruppe fordert Aufarbeitung der Kippa-Attacke

Dialogplattform der Religionen: Mitglieder der jüdischen, muslimischen, katholischen und evangelischen Hochschulgruppen treffen sich regelmäßig im Bonner „Café Abraham“. Auch Uni-Rektor Professor Michael Hoch (links, stehend) kam im November 2016 zur Premiere.

Bonn. Die Studenten der Jüdischen Hochschulgruppe reagieren mit Entsetzen auf den antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Professor in Bonn und begrüßen den geplanten „Tag der Kippa“.

Mit Entsetzen reagiert die Jüdische Hochschulgruppe Bonn Hillel auf die Geschehnisse am vergangenen Mittwochnachmittag im Bonner Hofgarten. Wie berichtet, war der israelische Gastprofessor Yitzhak Melamed von einem 20-jährigen Deutschen mit palästinensischen Wurzeln tätlich angegriffen worden. Die alarmierten Polizisten verwechselten offenbar zunächst Täter und Opfer und rangen den Forscher zu Boden. Inzwischen ist er zurück in Baltimore, wo er lebt und arbeitet, und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

„Es bleibt eine zutiefst beklemmende und beängstigende Erkenntnis, dass auch die Sozialisation in Deutschland und der Erwerb der Staatsbürgerschaft den Täter nicht davor bewahren, ein geschlossen-antisemitisches Weltbild zu pflegen und zu archaischer Gewalt zu greifen“, erklärt die Gruppe von 20 jüdischen Studierenden, die im Dachverband Hillel organisiert ist, in einer Stellungnahme.

Man erwarte nun die strafrechtliche Verfolgung des Angriffs und die Aufarbeitung der Gewalt im Polizeieinsatz. „Aber auch die Stadt- und Zivilgesellschaft Bonns ist gefragt, bei verbalen und tätlichen Attacken nicht wegzuschauen und dazwischenzugehen.“

Natürlich sei auch das internationale Bonn nicht gefeit vor antisemitischen Einstellungen „sowohl in extremistischen Randgruppen als auch in der Mitte“, erklärt auf GA-Anfrage Gruppensprecher Daniel Dejcman. Und leider erlebe man in der Debatte nach dem Angriff auf den Gastprofessor, dass in den sozialen Medien Verschwörungstheorien verbreitet werden und sich sogar eine Täter-Opfer-Umkehr vollziehe.

Im Alltag schlügen jüdischen Studenten in Bonn manchmal Vorurteile und Ressentiments gegenüber Israel entgegen. „Jude“ werde zum Schimpfwort, antwortet Dejcman. Manch ein Bürger sei also nicht bereit, Juden als deutsche Mitbürger zu akzeptieren. „Die allermeisten jüdischen Studierenden in Bonn sind aber wie auch die allermeisten Juden in Deutschland im Alltagsleben weitestgehend säkular und liberal orientiert. Sie tragen von sich aus keine Kippa“, fügt Dejcman hinzu. Deshalb fehle vielen auch die Erfahrung, was es bedeute, als Jude erkannt zu werden.

„Wer eine Magen-David-Kette trägt, wird manchmal von Kommilitonen darauf angesprochen, in der Regel aber interessiert“, führt Dejcman aus. Ein Student bedecke seinen Kopf aus Sicherheitsgründen immer mit Hut oder Kappe. „Die meisten unter uns leben einen friedlichen Alltag“, sagt der Gruppensprecher. Aber der Kampf gegen Antisemitismus dürfe erst dann ruhen, wenn jeder Kippa-Träger sicher auf der Straße sein könne.

Deshalb freue die Gruppe sich, dass die Stadtgesellschaft an diesem Donnerstag mit dem „Tag der Kippa“ auf dem Marktplatz ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus und für Solidarität setze, wenn sicher auch nur bereits sensibilisierte Bürger mitmachten. Positiv sei auch, dass sich das Uni-Rektorat bedingungslos an die Seite des betroffenen Gastprofessors gestellt habe und derzeit mit der Hochschulgruppe Maßnahmen erörtere. In der studentischen Dialogplattform „Café Abraham“ seien neben Juden ja bislang auch schon Christen und Muslime mit beteiligt.

Negative Erfahrungen mit der Bonner Polizei habe die jüdische Gruppe noch keine gemacht, betont Dejcman. „Sie trägt mit ihrer Präsenz an der Gemeinde dazu bei, dass jüdisches Gemeindeleben in Bonn und Deutschland überhaupt möglich ist“, spielt Dejcman auf den Polizeischutz an Bonns Synagoge an.

„Wenn ein Schabbat- oder Veranstaltungsabend von uns dort spät endet, sind wir den Beamten hierfür ausgesprochen dankbar.“ Andererseits erhoffe man sich aktuell eine neutrale und lückenlose Aufarbeitung des Polizeieinsatzes.

Unterdessen hat der GA bei der Uni angefragt, welche Konsequenzen die Hochschule aus dem Vorfall ziehen möchte. Laut Antwort der Uni „berät das Rektorat, welche Schritte geboten und angeraten sind, und wird dann mit den Gremien der Universität besprechen, wie die Ergebnisse der Beratungen gemeinsam umgesetzt werden können.“

Am Donnerstag nimmt der Rektor an der Veranstaltung zum „Tag der Kippa“ auf dem Bonner Markt teil. Eine darüber hinausgehende Stellungnahme war gestern nicht zu erhalten.

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