Kanzler an der Universität Bonn

Holger Gottschalk: Hier Kanzler zu sein, ist eine Auszeichnung

Möchte zum Wandel an der Universität beitragen: Kanzler Holger Gottschalk.

Möchte zum Wandel an der Universität beitragen: Kanzler Holger Gottschalk.

Bonn. Seit dem 1. Januar ist Holger Gottschalk neuer Kanzler der Universität Bonn. Nach der Einarbeitungsphase ist es Zeit, Probleme zu benennen und einen Blick in die Zukunft zu werfen. Im Rektoratsgebäude an der Argelanderstraße sprach Gottschalk mit Moritz Rosenkranz.

Herr Gottschalk, bei dem Begriff Kanzler denken die meisten Menschen an Adenauer, Kohl oder Brandt. Was ist Ihre Aufgabe im universitären Umfeld?

Holger Gottschalk: Der universitäre Begriff des Kanzlers ist historisch gewachsen. Meine Rolle ist die des Counterparts zum Rektor, der Kanzler ist also für alle nichtakademischen Belange zuständig. Ich muss also als Leiter der Verwaltung dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre optimal sind. Schwerpunkte sind die Themen Personal, Immobilien, Finanzen und Studierendenadministration.

Und wie haben Sie die Universität Bonn vorgefunden?

Gottschalk: So, wie ich es erwartet und erhofft hatte: Ich habe ein tolles Team und fühle mich sehr wohl in der Stadt. Die Uni Bonn ist im Vergleich zu meiner vorherigen Station allerdings etwas traditionsbewusster.

Sie stammen aus dem Rhein-Main-Gebiet, haben in Frankfurt studiert und an der dortigen Uni Karriere gemacht. Warum sind Sie überhaupt gewechselt?

Gottschalk: Es gibt wenige starke Forschungsuniversitäten in Deutschland, Bonn ist da eine gute Adresse. Den Wechsel hierher hatte ich mir nach allein 17 Berufsjahren in Frankfurt explizit gewünscht. Hier Kanzler zu sein, ist eine Auszeichnung.

Was steht oben auf der Agenda?

Gottschalk: Ich sehe Bonn in einer Situation, in der sich sehr viel tut. Dazu möchte ich beitragen. Wir wollen einerseits im Rahmen der Exzellenzstrategie unsere Position im Wettbewerb mit anderen Universitäten behaupten. Andererseits stehen im Bereich Management und Verwaltung große Veränderungen mit Blick auf die Digitalisierung an.

Was heißt das konkret?

Gottschalk: Wir bereiten gerade unsere Anträge für die Exzellenzstrategie vor. Dafür braucht es nicht nur exzellente Forschung, sondern die gesamte Organisation muss auf ein solches Projekt vorbereitet werden. Da geht es auch in der Verwaltung um Internationalisierung, denn auch der Wettbewerb wird globaler, ein entsprechendes Umfeld müssen wir bieten.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Universität?

Gottschalk: Wir sind gerade als letzte Universität in NRW dabei, ein System einzuführen, mit dem wir unser Rechnungswesen von der Kameralistik auf die Doppik, also kaufmännisches Rechnungswesen umstellen. Damit sind große Veränderungen in der Universität verbunden, angefangen bei einer neuen Software. Vor allem aber werden wir nicht mehr nur unsere Ausgaben und Einahmen aufstellen, sondern auch unsere rund 370 Immobilien bewerten und Rücklagen bilden. Das ist ein riesen Kraftakt, aber wir sind da gut aufgestellt, die Vorbereitungen für diesen Prozess haben bereits 2009 begonnen.

Werden die Studierenden auch mehr digitalen Service bekommen?

Gottschalk: Wir haben die Hoffnung, dass sich die Informationen, die derzeit jeder Studierende recht umständlich in dem System Basis finden muss, durch ein neues Campusmanagementsystem deutlich leichter finden lassen. Da stehen wir aber noch am Anfang des Prozesses und suchen gerade einen neuen Anbieter. Die Umstellung wird mehrere Jahre dauern.

Was bedeuten diese Prozesse für die Verwaltungsangestellten?

Gottschalk: Solche Prozesse sind immer mit zahlreichen Änderungen verbunden, aber die Beteiligten sind in die Projekte natürlich eingebunden. Es wird darum gehen, sich in neue Systeme und Software hereinzuarbeiten. Das betrifft die Lehrenden allerdings genauso.

Sind Arbeitsplätze gefährdet?

Gottschalk: Nein. Sie werden an keiner Stelle in der Verwaltung feststellen, dass zu viel Personal vorhanden ist. Solche Prozesse sollen die Arbeit erleichtern. Wir schaffen es derzeit ja kaum, unsere Aufgaben zu bewältigen.

Sie sind auch für die zahlreichen Gebäude zuständig...

Gottschalk: Das ist eine große Herausforderung. Die Gebäude sind derzeit über die gesamte Stadt verteilt. Wir beschäftigen uns aber mit der Frage, ob wir die Universität auf einige wenige Standorte konzen-trieren können, um eine echte Campus-Atmosphäre zu schaffen.

Also mehr Neubauten?

Gottschalk: Ja. Allerdings muss man diese Standortentwicklung auf 10 bis 15 Jahre denken. In den kommenden Jahren würden wir neben den Campus Poppelsdorf allerdings gerne den in Endenich entwickeln. Zudem würden wir gerne den Innenstadtcampus weiter vorantreiben und mittelfristig auf dem Areal der Kinderklinik Neubauten errichten. So könnten wir angemietete Immobilien abgeben.

Was sind Ihre Ziele bei der Exzellenzstrategie?

Gottschalk: Wir wollen mindestens das Niveau halten, also die zwei Exzellenzcluster fortführen. Wir haben nach einem umfangreichen Prozess fünf eigene hervorragende Antragsskizzen eingereicht und sind an drei beteiligt. Alle bilden die Stärken und die Vielfalt der Uni Bonn ab. Im September wissen wir dann, wie viele zu Vollanträgen zugelassen werden. Wenn wir zwei erfolgreich einwerben, ist das die Eintrittskarte, mit der wir uns mit unserer Gesamtstrategie als Exzellenzuniversität bewerben können. Derzeit gibt es deutschlandweit elf davon. Es wäre eine Chance, zu den besten Universitäten aufzuschließen und besonders gefördert zu werden. Wenn man sich die eher dürftige Grundfinanzierung der Unis anschaut, kann das sehr weiterhelfen, sich im internationalen Wettbewerb von den anderen deutschen Unis abzusetzen. Wir wollen schließlich in der Forschung zu den besten gehören, also die besten Wissenschaftler und auch Studierenden anlocken. Das ist unser Anspruch.

Neue Finanzquellen zu erschließen, ist also ein wichtiges Zukunftsthema?

Gottschalk: Ja. Wenn man sich ansieht, nach welchen Mechanismen wir Gelder vom Land zugewiesen bekommen, gibt es eine interessante Beobachtung: 20 Prozent unseres Gesamtzuschusses von 177 Millionen Euro, also 34 Millionen, wandern in einen Topf und werden auf Basis von drei Parametern verteilt: Drittmitteleinwerbung, Absolventenzahlen und Gleichstellung. Und da verlieren wir pro Jahr 2,4 Millionen Euro. Konkret: Bei den letzten beiden Parametern verlieren wir mehr Geld als wir über unsere Forschungsstärke hinzugewinnen. Wir müssten unsere Gesamtzahl an Absolventen um 1300 jährlich und auch die der Professorinnen um 45 steigern, um keine Verluste mehr einzufahren, und dabei unsere Forschungsstärke nicht einbüßen. Wäre die Summe nicht auf 2,4 Millionen Euro gedeckelt – das sind übrigens 40 Stellen – würden wir sogar das Doppelte verlieren. Bei dieser Problematik müssen wir eng mit den Fakultäten zusammenarbeiten. Das Rektorat kann hier leider keine Änderungen anordnen (lacht).