Erwerbungen aus Kolonialzeit

Expertin spricht an Bonner Universität über Kunstraub

Bonn. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Debatte über das koloniale Erbe verschärft, die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy spricht am Dienstag darüber in der Bonner Universität

Für die einen ist Bénédicte Savoy die Jeanne d'Arc der Kunstraubdebatte, die, die sich traut, Widersprüche als solche zu erkennen und markant in Worte zu fassen. Für die anderen ist die französische Kunsthistorikerin und Provenienz-Expertin spätestens seit ihrem spektakulären Ausstieg aus dem wissenschaftlichen Beirat des Berliner Humboldtforums ein rotes Tuch.

Aus Protest gegen den aus ihrer Sicht zu halbherzigen Umgang mit Erwerbungen aus der Kolonialzeit hatte Savoy im Sommer 2017 nicht nur den Beirat verlassen. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ legte sie auch publizistisch nach. Das Humboldtforum, in dem eines Tages die ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz präsentiert werden sollen, sei „wie Tschernobyl“, monierte die Französin, weil es seine Malaisen wie „Atommüll“ unter einer Bleidecke begrabe. Der Preußenstiftung attestierte Savoy eine „totale Sklerose“, was die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit angehe.

Das Ende der kolonialen Amnesie

Die Vermutung, dass beträchtliche Teile des insbesondere im 19. Jahrhundert zusammengetragenen Kulturguts aus Afrika, Nord- und Südamerika, die eines Tages ihren Platz im rekonstruierten Berliner Schloss finden sollen, weder aus fairen noch aus gerechten Transaktionen stammen, teilt nicht nur Savoy. Die Erforschung dieser Hintergründe, Provenienzforschung genannt, geht der 45-Jährigen beim Berliner Prestigemuseum zu zögerlich vonstatten.

Sie spricht von einer wahren „Provenienz-Amnesie“ und hat als Reaktion an der Technischen Universität (TU) in Berlin, wo sie lehrt, mit einem eigenen Team das Projekt „Translocations“ ins Leben gerufen, das eine „Weltgeschichte des Kunstraubs“ entwickeln soll. Savoy selbst, die auch Professorin am Collège de France ist, hat unter anderem den französischen Kunstraub unter Napoleon akribisch erforscht. Ihre Ergebnisse flossen etwa in die grandiose Napoleon-Ausstellung ein, die Savoy unter dem Titel „Traum und Trauma“ 2010 in der Bonner Bundeskunsthalle präsentierte.

In einem Artikel, der parallel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in „Le Monde“ erschien, brach sie unter dem Motto „Ende der kolonialen Amnesie“ eine Lanze für den offenen und beherzten Umgang mit dem Thema. „In Frankreich wie auch anderswo in Europa löst allein das Wort »Re-stitution« einen Abschottungs- und Abwehrreflex aus“, schrieb sie und zählte Objekte auf, die durch Militärs, Missionare, Schmuggler und Händler aus afrikanischem Besitz in europäische Sammlungen gelangten: Rund 200 000 Stücke lagern, so Savoy, im British Museum, 180 000 im Musée Royale de l'Afrique in Belgien, 70 000 im Pariser Musée du Quai Branly, 75 000 im zukünftigen Berliner Humboldtforum und 37 000 Werke im Wiener Weltmuseum.

Marcron formuliert das bislang Unaussprechliche

Wer diese Zahlen liest und sie mit den überschaubaren Beständen hochkarätiger Kunst in Museen des afrikanischen Kontinents vergleicht, erkennt die Dimension dieser „kolonialen Amnesie“. Unter dem Titel „Die Eigenschaft von Worten – Geteiltes Erbe, Kulturbesitz, Provenienz, unsere Museen und wir dazwischen“ wird sich Savoy am heutigen Dienstag in der Bonner Universität intensiv mit dem Thema befassen.

Savoy hat für ihre Initiative einen sehr prominenten Mitstreiter. In einer spektakulären Rede vor Studenten in Ouagadougou im westafrikanischen Burkina Faso formulierte der französische Präsident Emmanuel Macron das bislang Unaussprechliche: „Ich möchte, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika geschaffen werden.“ Er gehöre einer Generation von Franzosen an, für die, so der Präsident, „die Verbrechen der europäischen Kolonialisierung unbestreitbar und Teil unserer Geschichte sind“.

Starke Worte, die in Berlin wie ein tektonisches Beben ankamen, wie Savoy bemerkte. Vergangene Woche hat Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kunstbesitz, in der FAZ auf Macrons Initiative reagiert. Sein Tenor: „Ohne internationale Regeln gibt es keine fairen Lösungen.“ Zwischen den Zeilen liest man, dass dem Berliner Museumsmann Macrons Tempo eindeutig zu scharf ist; er findet, dass das Thema bereits bearbeitet werde, es ein Bewusstsein gebe, dass „selbstverständlich“ die Entstehung der europäischen Völkerkundemuseen „im Kontext der kolonialen Weltaneignung“ zu sehen seien.

Stiftungspräsident Parzinger warnt vor Populismus

Die Bestände dieser Häuser samt und sonders als Raubgut zu bezeichnen, sei Populismus und gehe am Kern der Sache vorbei. Im Berliner Ethnologischen Museum sei Ende 2017 ein Vorhaben gebilligt worden, das die vollständige Digitalisierung und Erschließung sämtlicher Erwerbungsakten des Museums „von Anbeginn bis 1947“ ermöglichen werde. Von einem Zeitkorridor wie bei Macron ist bei Parzinger keine Rede. Eher von nötigen Leitlinien für den Umgang mit kolonialem Erbe – in Analogie zu den Washingtoner Prinzipien von 1998, die den Umgang mit NS-Raubkunst regeln.

Gemeinsam mit seinen Mitintendanten des Humboldtforums, Neil MacGregor und Horst Bredekamp, hat sich Parzinger übrigens vehement gegen Savoys Vorwürfe gestellt. Provenienzforschung sei gewissermaßen „die DNA des Forums“, ließ das Trio vermelden. Savoy selbst weigerte sich im ZDF beharrlich, den harten Vergleich des Humboldtforums mit Tschernobyl zurückzunehmen. „Als Intellektuelle hat man nur die Sprache als Werkzeug“, sagte sie. Und wenn man merke, dass wieder und wieder nichts passiere, „greift man zu schärferen Mitteln – es hat funktioniert.“

Vortrag von Bénédicte Savoy: „Die Eigenschaft von Worten. Geteiltes Erbe, Kulturbesitz, Provenienz, unsere Museen und wir dazwischen.“ Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal IX, 30. Januar, 20 Uhr. Einführung durch Anne-Marie Bonnet