Armut in Deutschland

Die verlogene Debatte um die Essener Tafel

Ein alltägliches Bild – in Essen und überall in Deutschland: Warteschlange vor dem Ladenlokal der „Tafel“ schon lange vor Öffnung.

Ein alltägliches Bild – in Essen und überall in Deutschland: Warteschlange vor dem Ladenlokal der „Tafel“ schon lange vor Öffnung.

Bonn. Vor 25 Jahren wurde in Deutschland die erste Tafel aufgemacht. Da wird es im Jubiläumsjahr 2018 aber auch mal höchste Zeit, eine der größten sozialen Bewegungen Deutschlands zu rügen. Wo kämen wir da hin, wenn sich jeder gemeinnützig betätigen könnte, wie es ihm gerade passt?

Das hätte ein schönes Jubiläumsjahr 2018 werden können. Vor 25 Jahren wurde in Berlin die erste „Tafel“ aufgemacht. Die ebenso schlichte wie bestechende Idee: Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum geringfügig überschritten oder deren Verpackung leicht beschädigt ist, landen nicht mehr in den Müllcontainern der Supermärkte, sondern werden von ehrenamtlichen Helfern abgeholt, sortiert, in Ladenlokalen ansehnlich präsentiert und an Bedürftige abgegeben – kostenlos oder aber aus pädagogischen Gründen gegen einen kleinen Obolus.

Was 1993 als bescheidene lokale Aktion mit einer Handvoll Helfern begann, hat sich zu einer der größten sozialen Bewegungen Deutschlands entwickelt. Allein in Berlin verteilen heute rund 2000 Ehrenamtliche monatlich 660 Tonnen Lebensmittel an 125.000 Bedürftige. All das, was unsere Wegwerfgesellschaft nicht mehr haben will und auf dem Müll gelandet wäre. Neben Lebensmitteln zum Beispiel auch Deo-, Shampoo- und Duschgelflaschen, die Passagiere am Flughafen Tegel bei der Sicherheitskontrolle abgeben mussten.

Bundesweit sind aktuell 937 Tafeln als eigenständige gemeinnützige Vereine beim Dachverband „Die Tafeln“ organisiert. 1,5 Millionen Menschen in Deutschland nutzen das Angebot regelmäßig; Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Rentner, Arbeitslose, finanziell minderbemittelte Studenten – und zunehmend auch Flüchtlinge.

Gnadenlose Hetzjagd

Das hätte so ein schönes Jubiläumsjahr werden können. Hätte nicht der Leiter der Essener Tafel in seiner schieren Not und Verzweiflung bekanntgegeben, Neuberechtigungen zum Empfang von Lebensmitteln vorübergehend nur noch an Bürger mit deutschem Ausweis auszugeben. Seither findet gegen Jörg Sartor und seine 120 Freiwilligen eine gnadenlose Hetzjagd statt.

Auf den weißen Lieferwagen der Essener Tafel hat jemand mit schwarzer Lackfarbe „NAZIS“ gesprüht. Hunderte Mails seit Ende vergangener Woche. Unzählige Kommentare in den sogenannten „sozialen Netzwerken“ wie Facebook oder Twitter. Darunter auch ekelhafter Applaus von Leuten, die gerne sämtliche Ausländer nicht nur aus dem Essener Ladenlokal, sondern gleich aus Deutschland jagen würden. Ferner wilde Hasstiraden von Menschen, die den 61-jährigen Leiter der Essener Tafel als miesen „Rassisten“ beschimpfen – natürlich ohne ihn näher zu kennen.

Die „Netzgemeinde“ steht jedenfalls Kopf. Die „Netzgemeinde“, das ist eine unbekannte Zahl von Menschen, die einen Großteil ihrer Freizeit damit verbringen, im Internet zu allem und jedem und möglichst auf der Stelle ihre bedeutende persönliche Meinung kundzutun. Gern auch anonym.

Weil sie mit dieser Tätigkeit, also dem Verbreiten ihrer persönlichen Meinung zu allem und jedem in Schriftform, so sehr beschäftigt sind, fehlt ihnen bedauerlicherweise die Zeit, um sich aktiv an der Änderung der gesellschaftlichen Zustände, die sie beklagen, zu beteiligen – also zum Beispiel den Laptop oder das Smartphone aus der Hand zu legen und sich bei der nächstgelegenen Tafel ehrenamtlich zu engagieren. Dann wüssten sie, was dort inzwischen los ist. Nicht nur in Essen.

Zahl der Bedürftigen hat sch verdoppelt

Die Zahl der Menschen in den Warteschlangen vor den Tafeln hat sich bundesweit seit 2015 vielerorts verdoppelt; die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht. Bei den Kunden der Tafel in Essen beträgt der Ausländeranteil inzwischen 75 Prozent. Was dazu führte, dass sich alleinstehende Rentnerinnen und junge Mütter unter fremdsprachigen Männern mit schlechten Manieren in den Warteschlangen am alten Wasserturm an der Steeler Straße zunehmend unwohl, unerwünscht, beiseitegedrängt fühlten – und schließlich gar nicht mehr erschienen. Der Gang zur Tafel fällt alten Menschen ohnehin schwer, weil sie sich für ihre Armut schämen. „Mangelnden Respekt gegenüber Frauen“ beobachteten die Helfer. Und zogen die Notbremse.

Machen wir uns nichts vor: Die größte Flüchtlingsgruppe stellen nicht gebildete Paare mit reizenden Kindern, sondern junge, allein reisende Männer. Weil sie weniger Bindung an die Heimat, körperliche Durchsetzungskraft und somit die größte Chance haben, die gefährliche Flucht zu überleben. Nicht wenige sind traumatisiert und seelisch verroht, nicht wenige haben unterwegs gelernt, dass egoistisches, rücksichtsloses Handeln das Überleben erleichtert. Warum sollten sie dieses Verhalten in der Warteschlange ablegen? Das mag man bedauern oder rügen oder schönreden. Leugnen lässt es sich nicht.

Tafeln: Schule des Lebens

Auch die traditionellen Medien sind seit der atemlosen Internet-Konkurrenz nicht mehr vor Schnellschüssen gefeit. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Meinungsressorts der angesehenen Süddeutschen Zeitung in München, bemächtigte sich ebenfalls des Themas. „Natürlich kann und darf man die Verantwortlichen der Essener Tafel heftig kritisieren“, schreibt Prantl. „Die Essener Tafel hätte in dieser Situation eine klügere Entscheidung treffen können – sie hätte, zum Beispiel, die Tafel nur noch für Menschen öffnen können, die älter sind als sechzig.“

Was für ein Vorschlag! Neben den von Altersarmut betroffenen Rentnern sind vor allem alleinerziehende Mütter und kinderreiche Familien die Hauptzielgruppen der Tafeln.

Natürlich meldet sich auch die Politik stets rasch zu Wort, sobald die „Netzgemeinde“ ein Thema entdeckt. NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann meldete schon mal „Zweifel“ an der Essener Praxis an. Sicher ist sicher. Und Anfang der Woche missbilligte Angela Merkel die Entscheidung der Essener Tafel.

All jenen, die den Stab brechen, sei eine Hospitanz bei einer der 937 Tafeln in Deutschland anempfohlen. Eine Schule des Lebens, die nicht vom Staat gesponsort wird. Und den Politikern möchte man zurufen: Sorgt mit eurer Politik dafür, dass alle Tafeln in Deutschland überflüssig werden. Sorgt dafür, dass in diesem Land Rentner und Kinder, ob deutsch oder nichtdeutsch, sich Lebensmittel im Supermarkt leisten können.