Vorlesungsfreie Zeit

Das Klischee vom faulen Studenten

Nichts zu tun in den Semesterferien? Von wegen – viele Geisteswissenschaftler verbringen ihre Zeit in der Bibliothek.

Nichts zu tun in den Semesterferien? Von wegen – viele Geisteswissenschaftler verbringen ihre Zeit in der Bibliothek.

Der Begriff Semesterferien ist eine Mogelpackung, denn Ferien sind aber nicht gleich Ferien. Zeit, mit einem Klischee aufzuräumen, meint unsere Autorin.

Studenten haben es gut – das Klischee vom ausschlafenden Langzeitstudenten kennt jeder. Und dann auch noch diese wahnsinnig langen Semester-ferien: Zwischen acht und zehn Wochen sind es zum Beispiel an der Universität Bonn, und das zwei Mal pro Jahr. Über diese knapp 20 Wochen Semesterferien kann man als Berufstätiger zunächst nur den Kopf schütteln. Was sind schon 30 Urlaubstage gegen fünf Monate Ferien?

Ferien sind aber nicht gleich Ferien. Wie auch Lehrer in den Schulferien trotzdem zeitweise arbeiten müssen, sind Semesterferien ebenso wenig monatelange Freizeit: Da wäre zum Einen die allseits gefürchtete Klausurphase, meist gegen Ende des Semesters. Doch schon hier gibt es große Unterschiede: An der Philosophischen Fakultät werden oft bereits in der letzten Sitzung die Klausuren geschrieben. Für die Studierenden bedeutet das zwar, dass sie eine Woche weniger Zeit zum Lernen haben, aber eben auch eine Woche früher Ferien.

Bei vielen Naturwissenschaftlern sieht das anders aus: Eine richtige Prüfungsphase kennen sie meist nicht, ihre Klausuren verteilen sich bisweilen über die ersten fünf Wochen der Ferien. Zeit, um Familie und Freunde zu besuchen, bleibt so vielleicht noch. Für einen Urlaub oder ein Praktikum hingegen reicht es oft nicht.

Während sich die Naturwissenschaftler wochenlang durch ihre Prüfungen quälen, füllen vor allem Geisteswissenschaftler die Bibliotheken: Sie suchen nach Lektüre für ihre Hausarbeiten. Das können seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge auch schon einmal drei oder fünf Ausarbeitungen von 15 bis 20 Seiten sein – pro Semester.

Selbstbestimmtes Lernen und Arbeiten

Wohl deshalb heißen die Wochen im Winter und Spätsommer auch offiziell nicht Ferien, sondern „Vorlesungsfreie Zeit“. Angesichts eines verschulten Studiums mit wenig Wahlmöglichkeiten ermöglicht ausgerechnet diese Zeit des Jahres, die Studierende nicht in Seminaren oder Vorlesungen verbringen, das, was ein Studium verspricht: selbstbestimmtes Lernen und Arbeiten.

Doch wer es nicht gewohnt ist, sich seine Zeit frei einzuteilen, hat mitunter Probleme damit, sich so gut zu organisieren, dass er neben etwas Freizeit auch die universitären Aufgaben gut erledigen kann. Wohl alle Studierenden kennen jemanden, der eine Hausarbeit erst eine Woche vor der Abgabefrist begonnen hat, oder sie haben diese Erfahrung schon selbst gemacht. Damit es nicht mehr so weit kommt, dass jemand in Eigenregie über irgendetwas schreibt, das ihm gerade in den Sinn gekommen ist, müssen Studierende und Dozenten an der Uni Bonn seit drei Jahren gemeinsam das Thema der Hausarbeit festlegen und unterschreiben.

Vollzeitjob ohne Wochenende

Auch die für alle verbindliche Abgabefrist mag sinnvoll sein, schließlich beginnt kurz darauf das nächste Semester. Und währenddessen noch weiter an den alten Hausarbeiten zu schreiben, ist wenig sinnvoll und zugleich stressig. Wer aber gut organisiert ist, arbeitet oder ein Praktikum macht, den setzt die einheitliche Frist Ende März erheblich unter Druck – neben einem (oft unbezahlten) Praktikum am Wochenende mehrere Hausarbeiten zu schreiben, entspricht einem Vollzeitjob ohne Wochenende. Die Unis können dazu beitragen, dass die „Vor-lesungsfreie Zeit“ sich auch mal wie Ferien anfühlt – durch flexible Fristen beispielsweise. Angebote zum Zeitmanagement, die es an der Uni Bonn bereits gibt, können denjenigen helfen, die Probleme damit haben, selbstorganisiert zu arbeiten.

Als Ausgleich zum Studium sind die Semesterferien unerlässlich: In diesen Wochen können sich Studierende ausprobieren, eine neue Sprache lernen, reisen, an anderen Orten leben, sich engagieren und dabei viel über sich selbst herausfinden. Persönlichkeitsbildung findet kaum zwischen Hörsaal und Bibliothek statt – gerade, wenn das Studium zu einem Großteil aus dem bloßen Reproduzieren bestimmter Daten, Fakten oder Formeln besteht. 20 Wochen Ferien im Jahr braucht es dazu sicherlich nicht, aber einige Wochen ohne Klausuren oder Hausarbeiten fördern nicht nur den Blick über den eigenen Tellerrand, sondern auch die Motivation für das nächste Semester.

GA-Mitarbeiterin Maike Walbroel ist 22 Jahre alt und seit sechs Jahren Studentin an der Uni Bonn. Langeweile hatte sie in den Semesterferien noch nie.