Dunkle Zeit in kühlen Kammern

Bunker-Ausstellung zur NS-Zeit an der Universität Bonn

BONN. Eine Sonderausstellung der Universität Bonn beleuchtet deren Rolle im Nationalsozialismus in einer kaum bekannten Bunkeranlage an der Konviktstraße. Dabei wird klar: Die Uni hat teilweise eine unrühmliche Rolle gespielt.

Zunächst ist nicht ganz klar, warum die zwei kleinen Postkarten in der großen Vitrine ausgestellt sind. Zu sehen ist das Hauptgebäude der Universität in der Totalen, schwarz-weiß. Erst bei genauerer Betrachtung ergeben die Exponate Sinn: Mitten auf dem Gebäude ist eine Hakenkreuz-Flagge gehisst, einmal auf Halbmast. Es sind dies zwei von nur sehr wenigen bekannten Fotografien, die die Zeit des Nationalsozialismus an der Universität dokumentieren. Eine Sonderausstellung beleuchtet nun alle Aspekte dieser dunklen Jahre.

Julia Reuschenbach, die Projektleiterin, hat rund ein Jahr an der Ausstellung gearbeitet und gemeinsam mit Studierenden des Instituts für Geschichtswissenschaft der Uni Bonn viele Stunden Fleißarbeit geleistet, um das Thema in aller Breite darzustellen. Denn die Quellenlage ist äußerst dürftig. Nur ein weiteres Foto gibt es beispielsweise, auf dem die Universität klar erkennbar mit Hakenkreuz-Flaggen „geschmückt“ ist – ein Zufallsfund aus einer Fachzeitschrift für Zahnärzte, in der damals ein Kongress in Bonn beworben wurde.

„An vielen Stellen war es Detektivarbeit, Exponate ausfindig zu machen“, sagt Reuschenbach. Und doch macht die Ausstellung mit vielen Schaubildern deutlich, dass die nationalsozialistische Ideologie an der Hochschule überaus präsent war – behandelt wird etwa die Propaganda in der Lehre, die Bücherverbrennung 1933 oder das universitäre Leben während der Nazizeit.

Sterilisationen wegen "Schwachsinn"

Belegt ist beispielsweise, dass die Medizinische Fakultät schon sehr früh sehr offen war für nationalsozialistisches Gedankengut – und entsprechend gehandelt hat: „Professoren waren an der systematischen Ermordung von Behinderten beteiligt. Zudem wurden viele Zwangssterilisationen an der Uniklinik durchgeführt“, sagt Reuschenbach. Dies belegt ein penibel geführtes Operationsbuch der Jahre 1935 bis 1937, das in der Ausstellung zu sehen ist. In diesem werden die Gründe für die Sterilisationen aufgeführt – von Alkoholismus über Epilepsie bis hin zu Schwachsinn. „Man weiß von etwa 700 Fällen, Experten schätzen aber, dass es Tausende gegeben hat“, sagt Reuschenbach.

Das Besondere der Ausstellung ist neben Exponaten wie diesem und den zugehörigen Geschichten vor allem der Ort: Der ehemalige Luftschutzbunker unter dem Garten des Instituts ist bisher nur wenigen Menschen bekannt gewesen. Von außen ist die Anlage nur zu erahnen, da auf ihrer Fläche oberirdisch keine Bäume gewachsen sind.

Sichtbar ist mittlerweile der freigelegte Notausgang, der mitten im Garten emporragt. Diesem ist auch zu verdanken, dass noch weitere Exponate den Weg in die acht kühlen Räume (verteilt auf rund 180 Quadratmeter) finden können, denn die Luftfeuchtigkeit dort ist nicht so hoch wie befürchtet – die Umgebung somit nicht schädlich, beispielsweise für alte Kleidungsstücke oder Originaldokumente.

Der Bunker blieb lange unbeachtet

Ob der Bunker während des Zweiten Weltkrieges überhaupt von Universitätsangehörigen genutzt wurde, ist allerdings völlig unklar, denn das Gebäude ist bis 1969 als Oberbergamt genutzt worden, war also Sitz einer von den Preußen gegründeten Behörde, die für den Bergbau zuständig war. Auch der heutige Universitätsclub gehörte dazu und diente dem Vorsteher der Behörde als Haus. Dieses war mit dem Amtsgebäude durch den Luftschutzbunker verbunden, der bereits 1938 als solcher ausgewiesen wurde. Ob er auch von der benachbarten Universität genutzt wurde, lässt sich nicht rekonstruieren.

Erst 1970 ist das Amtsgebäude dann in den Besitz der Universität übergegangen und zum Historischen Seminar geworden. Der Bunker blieb über Jahrzehnte aber stets relativ unbeachtet. Dementsprechend mussten zunächst auch alle Räumlichkeiten gesäubert und insbesondere von Spinnweben befreit werden, bevor Reuschenbach und ihr Team die Ausstellung in Angriff nehmen konnten. „Wir wollten die Räume möglichst authentisch zeigen, daher haben wir nichts verändert. Einzig die Schilder mit den Fluchtwegen mussten wir anbringen lassen“, sagt Reuschenbach.