Lösung gegen den Welthunger?

Bonnerin will essbare Insekten populär machen

Bonn. Die Bonner Agrarsoziologin Sarah Nischalke erforscht in Myanmar die Produktion von essbaren Insekten. So seien beispielsweise Mistkäferlarven eine wahre Delikatesse.

Eine ganze Forschungsreise im Zeichen der Insekten: Sarah Nischalke war für zwei Monate in Myanmar und Thailand unterwegs. Die Mitarbeiterin vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn (ZEF) wollte dort herausfinden, wie und unter welchen Bedingungen die Produktion von essbaren Insekten gestartet oder gesteigert werden kann.

„In der Forschung ergibt sich oft eins zum anderen, und so sind wir den Insekten gefolgt“, erzählt die Agrarsoziologin. In Gesprächen mit Bauern und Kleinunternehmern wollte sie herausfinden, wie die Produktion von Insekten aussehen kann und welche Sorten sich überhaupt dafür eignen. „Es gibt bereits viel Wissen in Thailand, das wir in Myanmar gerne etablieren möchten“, erzählt die 36-Jährige. Im ländlichen Raum Myanmars sprach die lokale Bevölkerung von deutlichen Populationsrückgängen bestimmter Insektenarten, weil diese gesammelt und gegessen werden. „Aber selbst das ist für die Menschen vor Ort immer nur eine saisonale Ernährungsquelle.“

Das Projekt „Production and Processing of Edible Insects for Improved Nutrition“ (Procinut auf Deutsch: Produktion und Verarbeitung essbarer Insekten für eine verbesserte Ernährungslage) wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanziert. Mit einem entsprechenden Technologieaustausch könnte es künftig für viele Menschen in Myanmar möglich sein, ihre eigenen Insekten zu produzieren. Bereits jetzt gibt es laut Nischalke eine beachtliche Vielfalt: „Ich war beeindruckt, was die Menschen dort bereits alles gegessen haben.“

Mistkäferlarven gelten in Myanmar als Delikatesse

So seien beispielsweise Mistkäferlarven eine wahre Delikatesse. Nischalke probierte ebenfalls gewürzte Seidenraupen und aß frittierte Grillen als Chipsersatz. Es gehe während des Projekts aber nicht darum, in Deutschland entsprechendes Wissen zu nutzen sondern darum, die Menschen vor Ort zu unterstützen. „Hier in Deutschland sind die Temperaturbedingungen nicht ideal. Da stellt sich die Frage, ob der Energieaufwand wirklich ökologischer wäre.“

In Myanmar und auch in Madagaskar (einem weiteren Land, das von dem gesammelten Wissen profitieren soll) herrschen jedoch die richtigen Temperaturbedingungen zur Insektenproduktion. „Außerdem werden hier bereits seit Generationen Insekten gegessen.“ Somit sind für das dreijährige Projekt besonders Schulungen und Trainings angedacht. „Es geht um einen Technologieaustausch und die weitere Erforschung von Produktionsbedingungen“, so Nischalke.

Vieles sei aktuell noch unerforscht. Etwa die Frage, wie die Insekten am wenigsten qualvoll getötet werden können: Darauf gibt es noch keine endgültige Antwort. „Es wird angenommen, dass Einfrieren am Schonendsten ist. Aber viele werfen die Insekten auch einfach ins kochend heiße Fett“, erzählt Nischalke. Bei der Forschung geht es aber auch darum, Infektionen vorzubeugen. Aktuell werden in der Produktion die Insekten rund 48 Stunden lang ausgehungert. In dieser Zeit soll sich ihr Darm entleeren, weil der vor der Verarbeitung der Tiere nicht entfernt wird.

Eine Hitzebehandlung ist laut Nischalke jedoch deutlich effektiver. „Aber da stecken die Studien noch in den Kinderschuhen.“ Die in Thailand schon besonders dynamische „Insektenindustrie“ soll anderen Ländern zugutekommen. „Dort gibt es bereits Kochbücher und eine Vielzahl von Zubereitungsmöglichkeiten und Gerichten.“

Wer die Insekten nicht selbst sammelt, muss viel Geld für sie bezahlen

In Myanmar werden die Insekten lediglich frittiert und gesalzen. Werden sie allerdings nicht selbst gesammelt, kosten sie auf dem Markt für die Burmesen mehr als Fleisch und sind dementsprechend keine kostengünstige Alternative. Deswegen ist ein weiteres Ziel des Procinut-Projektes, dass durch die Produktion und leichtere Verfügbarkeit auch die Preise sinken und gleichermaßen durch mehr Produzenten Arbeitsplätze geschaffen werden.

Ob Wasserkäfer in Thailand oder Wespennymphen in Myanmar – die Forscher wollen herausfinden, welche Insektengattungen überhaupt für eine Produktion geeignet sind. Bereits von Grille zu Grille gibt es große Unterschiede: Eine Hausgrille hat einen Lebenszyklus von sechs Wochen, eine Riesengrille hingegen bis zu zehn Monaten. Zudem bräuchten sie eine sehr proteinreiche Ernährung: „Da kommt wieder die Frage der Nachhaltigkeit ins Spiel, wenn ich die Insekten mit Fischmehl füttere“, erklärt Nischalke.

Dennoch seien viele Insektenarten leicht zu produzieren. Denn sie brauchen wenig Fläche und Nahrung. Laut der Forscherin brauche man eigentlich lediglich einen geschützten Standort, eine gesicherte Konstruktion und entsprechende Plastik- oder Holzboxen mit Luftzufuhr. Bis 2021 sollen Bauern und Interessierte in Myanmar und Madagaskar an das Thema Insektenproduktion herangeführt und ausgebildet werden.