Theologie-Professorin Cornelia Richter

Bonnerin erforscht Phänomen der Resilienz

Cornelia Richter weiß: „Es ist hilfreich, Worte und Bilder für das zu finden, was uns bedrückt.“ FOTO: WESTHOFF

Cornelia Richter weiß: „Es ist hilfreich, Worte und Bilder für das zu finden, was uns bedrückt.“ FOTO: WESTHOFF

Bonn. Die Bonner Theologie-Professorin Cornelia Richter erforscht mit einem Team das Phänomen der Resilienz und geht Fragen nach, was diese fördert. Es geht den Wissenschaftlern vor allem um die Rollen, die Religion und Spiritualität dabei spielen.

Mal wieder ein aufgespannter Regenschirm auf dem Cover eines Buches? Das heißt häufig: Darin gibt es jede Menge Tipps, wie sich die Menschen doch bitte gegen die Probleme des Lebens wappnen mögen. Also positiv denken, und wenn möglich nicht jammern. Dabei ist oft vom Zauberwort „Resilienz“ die Rede. Sie soll uns laut der Ratgeberliteratur vor existenziellen Krisenerfahrungen bewahren und im – eigentlich zu vermeidenden – Bedarfsfall dabei helfen, sie leichter durchzustehen.

Genau darin besteht für Cornelia Richter das Problem. „Resilienz erscheint häufig als neoliberaler Leistungsbegriff. Dann wird sie als präventive Schutzhülle gegen die Tiefschläge des Lebens verstanden, die dafür sorgt, dass uns die Krisen gar nicht so richtig tangieren“, sagt die Professorin für Evangelische Theologie an der Uni Bonn.

Das ist für die Wissenschaftlerin der falsche Ansatz, denn: „Die bittere Starterkenntnis bei der Frage »Bin ich ein resilienter Mensch oder nicht?« ist die Erfahrung einer bereits erlebten existenziellen Krise. Eigentlich wäre es vielen Menschen lieber, sich diese Frage gar nicht zu stellen. Denn wenn wir das tun, sind wir schon mitten in den Tiefen des Lebens angekommen.“ Und nur um die wenigsten Menschen machten schwere Schicksalsschläge einen großen Bogen.

Es fließen zwei Millionen Euro Fördergeld

Richter leitet ein Forscherteam, das wegen dieser Kritik nun genauere Fragen zu Resilienz – speziell dazu, was diese fördert – stellen und am liebsten auch beantworten möchte. Es geht den Wissenschaftlern vor allem um die Rollen, die Religion und Spiritualität dabei spielen. Dieses Vorhaben fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in den kommenden drei Jahren mit rund zwei Millionen Euro.

Resilienz (vom lateinischen Verb resilire = abprallen) ist die manchen Menschen eigene Widerstandskraft, schwere existenzielle Lebenskrisen – wie zum Beispiel den Tod eines Angehörigen, eine Scheidung, den Verlust des Arbeitsplatzes, eine schwere Krankheit oder einen unfreiwilligen Umzug – stabiler zu überstehen als andere.

Zu den bisher erforschten Resilienzfaktoren, die diese Fähigkeit fördern, gehören laut der Theologin unter anderem eine angemessene Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Erwartung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können (Fachleute sprechen von „Selbstwirksamkeitserwartung“), und soziale Kompetenz.

„Das sind sicher alles zutreffende Resilienz-Faktoren, aber sie werden allesamt als eher aktiv verstanden“, erklärt Richter. Aus der Perspektive von Religion und Spiritualität seien „medio-passive“ (also halb-passive) und passive Faktoren ebenso wichtig.

„Sie zeigen sich in der Art, wie wir unseren Krisenerfahrungen in Angst und Verzweiflung, Schmerz und Trauer Raum geben, sie zulassen und nicht gleich wegschieben und unsichtbar machen wollen“, so die 48-Jährige.

Eine medio-passive Haltung nähmen die Menschen zum Beispiel dann ein, wenn sie sich mit ihrer Leiderfahrung aufgehoben wüssten im großen Ganzen des Lebens. Auch beim Gebet oder in der Meditation gehe es darum, eine Haltung einzunehmen, bei der man sich zugleich dem, was sei, hingebe.

„Im Gebet sprechen wir aus, was uns bedrückt, sinnen ihm nach und geben es an eine höhere Macht weiter – zum Beispiel an Gott“, erklärt Richter. Und rät: „Wie auch immer wir unsere schmerzvolle Erfahrung zum Ausdruck bringen – durch Herausschreien, Erzählen oder durch das Malen eines Bildes – in jedem Fall ist es hilfreich, Worte und Bilder für das zu finden, was uns bedrückt. Denn nur so stellen wir es uns und anderen vor Augen und können es bearbeiten.“

Zwei Wochen tiefe Trauer sind zu wenig

Dieser Raum für das Aushalten und Gestalten der Krisenerfahrung ist wichtig. Deshalb ist es nach Richter problematisch, wenn von einem Hinterbliebenen erwartet wird, dass er nach zwei Wochen tiefer Trauer zurück ins Leben findet. „Wenn das nicht gelingt, kann man krankgeschrieben werden. Das ist als Schutz gedacht. Aber zugleich wird die Trauer damit pathologisiert. Das ist aus theologischer Sicht völlig absurd, weil die Trauer um einen geliebten Menschen einfach Teil des Hinterblieben wird. Wer trauert, ist nicht krank, sondern nimmt Abschied und braucht dafür Worte und Zeit“, sagt die Österreicherin.

Richter und ihre Kollegen interessieren sich für individuelle existenzielle Lebenskrisen. Mit Befragungen von rund 500 Patienten, Angehörigen und Trauernden, Therapeuten und Ehrenamtlichen an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie und der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn sowie am Klinikum der Universität München wollen sie herausfinden, ob und wie Religion und Spiritualität den Betroffenen beim Umgang mit ihrer Situation helfen können. Dieser Bereich sei in der medizinisch, psychologisch und sozialwissenschaftlich geprägten Resilienzforschung bisher noch zu wenig untersucht worden.

Zu der von der DFG geförderten Forschungsgruppe gehören neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Disziplinen Theologie, Philosophie, Psychosomatik und Psychotherapie, Palliativmedizin und Spiritual Care (Letzteres ist nahe an der Seelsorge, aber konfessionell weiter gefasst).

Richter bezeichnet das Vorhaben als „große Chance für den wissenschaftlichen Nachwuchs“, da jeder der Experten ein bis zwei neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür rekrutieren wird. Das Team will unter anderem eine präzisere Definition von Resilienz erarbeiten, ein interdisziplinäres Ausbildungsmodul etablieren und die Forschungsergebnisse später auch als Handreichungen in die therapeutischen Praxen bringen.

Start der Resilienz-Gruppe: Eine „Kick-off-Konferenz“ der neuen Resilienz-Gruppe ist für September geplant. In den kommenden Semestern stellt das Team sein Projekt beim Dies academicus der Uni Bonn und in der Reihe „Gott im Café“ vor. Geplant sind auch gemeinsame Lehrveranstaltungen der Evangelischen und der Katholisch-Theologischen Fakultät und Vortragsabende in ganz Bonn.