Vom Arbeiterkind zum Akademiker

Bonner Initiative unterstützt Studieninteressierte

Protest gegen Studiengebühren in Düsseldorf im vergangenen November. Auch die Mitarbeiter der Initiative Arbeiterkind fordern einen niedrigschwelligen Zugang zum Studium.

Protest gegen Studiengebühren in Düsseldorf im vergangenen November. Auch die Mitarbeiter der Initiative Arbeiterkind fordern einen niedrigschwelligen Zugang zum Studium.

BONN. Eine Gruppe in Bonn möchte Studieninteressierten aus bildungsferneren Schichten den Weg an die Hochschule weisen. Sie fordert, dass die Hürden für ein Studium nicht zu hoch gelegt werden dürfen.

Die Statistik sagt alles: Von 100 Akademikerkindern in Deutschland nehmen 77 ein Studium auf – von 100 Nicht-Akademikerkindern sind es allerdings gerade einmal 23, die den Weg an die Hochschule finden. Die inzwischen mehrfach ausgezeichnete Initiative ArbeiterKind.de möchte dies ändern. 2008 von Katja Urbatsch ins Leben gerufen, gibt es neben 16 hauptamtlich Tätigen inzwischen 6000 ehrenamtliche Mitglieder in 75 lokalen Gruppen.

Die Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, Schülerinnen und Schüler aus einem nicht-akademischen Hintergrund beim Einstieg in das Studium und darüber hinaus zu unterstützen. Dies geschieht etwa durch Informationsveranstaltungen, Seminare sowie durch Vorträge in Oberstufen und Universitäten. Eine der 75 lokalen Gruppen befindet sich in Bonn. Die 15 Mitglieder treffen sich an jedem zweiten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im „Cafeleven“ an der Nassestraße 11 zum gemeinsamen Austausch. Kommen kann jeder, der Fragen hat oder sich einbringen möchte.

Zusätzlich bietet die Gruppe zwei Sprechstundentermine im Monat im Bonner Zentrum und in Bad Godesberg an. Dort werden etwa Fragen zur Studienfinanzierung oder zur Fächerwahl beantwortet. Die Gruppe existiert seit 2010 und wird von Sabrina Legies koordiniert. Sie ist fast seit Beginn an für ArbeiterKind.de aktiv. „Kurz nach Gründung der Initiative habe ich ein Interview mit Katja Urbatsch gelesen und mich entschlossen, die Bonner Ortsgruppe ins Leben zu rufen“, sagt sie.

Zugang zu Hochschulen soll niedrigschwelliger gestaltet werden

Legies möchte mit ihrer Arbeit junge Menschen dabei unterstützen, den Weg an die Hochschule zu finden. Auch wenn dies so gar nichts mit der Welt ihrer Eltern gemein hat und der Besuch einer Hochschule für sie eine viel größere Herausforderung sein kann als für Kinder aus einem akademischen Umfeld.

Auch Magnus Bolten, selbst „Arbeiterkind“ und Mitglied der Bonner Ortsgruppe, kennt die Herausforderungen, mit denen ein Studium für Menschen ohne akademischen Hintergrund verbunden sein kann. Er studiert den Studiengang „Politik und Gesellschaft“ im fünften Semester an der Universität Bonn und ist seit 2016 dabei. „Ich bin durch Freunde auf die Internetseite von ArbeiterKind.de aufmerksam geworden und habe nach einer Möglichkeit gesucht, mich zu engagieren“, sagt der Student.

Zwar habe er durch seine Biografie bisher im Studium nie bewusst Nachteile erlebt, dennoch musste er sich vieles erst selbst erarbeiten. Er erachtet es als wichtig, dass der Zugang zu den Hochschulen niedrigschwelliger gestaltet wird. „Die Möglichkeit eines Studiums muss schon in der Schule frühzeitig an die Kinder her-angetragen werden, auch die Eltern müssen mit ins Boot geholt werden“, sagt Bolten. Er macht deutlich, dass es vor allem aber wichtig sei, an sich zu glauben und den Mut zu fassen, ein Studium aufzunehmen, auch wenn die Eltern davon zunächst nicht begeistert sein sollten.

Diesen Rat möchte auch Maria Rentmeister, Masterstudentin der North American Studies in Bonn, an Abiturientinnen und Abiturienten weitergeben. Sie engagiert sich seit einem Jahr in der Bonner Ortsgruppe und ist während ihres Bachelorstudiums in Heidelberg auf ArbeiterKind.de aufmerksam geworden. Auch sie hat einen nicht-akademischen Hintergrund und verbindet dies an der Universität vor allem mit dem Gefühl, „sich mehr beweisen zu müssen als ihre Kommilitonen aus akademischen Elternhäusern“.

Anfangs war sie mit der verbalen Ausdrucksweise ihrer Mitstudenten nicht vertraut. Zudem gingen viele von ihnen anders mit Geld um, als sie es von zu Hause aus kannte. Mittlerweile sei sie angekommen an der Universität und wünscht sich, dass das System der Studienförderung verbessert werde, so dass der Hochschulzugang nicht an finanziellen Aspekten scheitern müsse. „Zudem ist es wichtig, sich zu trauen, Fragen zu stellen, wenn man etwas nicht weiß und beispielsweise Hilfe beim Ausfüllen eines Bafög-Antrages benötigt.“

Infos: www.arbeiterkind-bonn.de