Lernräume neu gedacht

Alanus-Hochschule arbeitet an Schul-Architektur der Zukunft

Die Schule ist für viele Kinder so etwas wie ein alternativer Wohnraum geworden.

Die Schule ist für viele Kinder so etwas wie ein alternativer Wohnraum geworden.

ALFTER. Die Zeiten, in denen die Schule als reine Lehr-Institution angesehen wurde und ab dem frühen Nachmittag weitgehend verwaist war, sind seit einigen Jahren vorbei. Das wirft ganz neue Fragen für die Architektur auf. Die Alanus-Hochschule will diese nun beantworten.

In vielen Ländern verbringen Jugendliche inzwischen den Großteil ihres Tages in der Schule, und auch in der Bundesrepublik nimmt der Wunsch nach einer entsprechend langen Betreuung des Nachwuchses immer mehr zu. Das stellt jedoch ganz neue Anforderungen an die Architektur, müssen doch so neben Lern- eben auch Wohn- und vor allem Freiräume geschaffen werden, in denen sich Kinder und Jugendliche entfalten können.

Die Alanus-Hochschule in Alfter hat zu diesem Zweck zusammen mit verschiedenen Universitäten und Schulverwaltungsämtern in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz das im Rahmen des EU-Förderprogramms Erasmus+ eingebettete Pilotprojekt PULS+ initiiert, in dem die Beziehung zwischen Schulkultur und pädagogischer Praxis analysiert und ein Master- sowie ein Weiterbildungskurs für Architekten, Lehrer und Schulträger entwickelt werden soll.

„Adäquater Schulraum kann nur entstehen, wenn alle Beteiligten mit im Boot sind“, betont Professor Nikolaus von Kaisenberg, Architekt, Stadtplaner und Mitbegründer zweier Studiengänge an der Alanus-Hochschule. „Früher hat das Land einen Bauauftrag erteilt, ein Architekt hat diesen ausgeführt, und Lehrer oder gar Schüler wurden überhaupt nicht gefragt. Dabei müssen sie doch hinterher in dem Gebäude lehren und lernen. Insofern war und ist es uns wichtig, sie bei unserer Arbeit einzubeziehen und so neue Ansätze zu entdecken.“

Die Vorstellungen gehen schnell auseinander

Die Zeit dafür ist offenbar perfekt: „Momentan erleben wir eine Schulbauwelle wie zuletzt vor 50 Jahren“, erklärt Dr. Petra Regina Moog, Geschäftsführerin der am Projekt beteiligten Sophia-Akademie Düsseldorf und Expertin für nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung. „Europaweit werden bis 2030 rund 100 Milliarden Euro investiert, in den deutschsprachigen Ländern werden es wahrscheinlich mehr als 67 Milliarden Euro sein. Doch weder die Architekten noch die Mitarbeiter des kommunalen Gebäudemanagements besitzen in der Regel das Know-how, um den veränderten Bedürfnissen einer Schule in angemessener Weise Rechnung zu tragen. Lange Flure mit Klassenzimmern zu beiden Seiten sind zum Beispiel nicht länger zeitgemäß, nicht zuletzt auch wegen der Inklusion. Dafür benötigen wir einfach andere Räume.“

Wie aber müssen diese aussehen? Da gehen die Vorstellungen schnell auseinander. „Ein Lehrer möchte zum Beispiel gerne alles im Blick haben, weil er ja eine Aufsichtspflicht hat“, führt von Kaisenberg aus. „Schüler wollen dagegen auch mal unbeobachtet sein.“ In welcher Form auch immer. „Das ändert sich von Jahrgang zu Jahrgang“, gesteht Moog lachend. „Wenn Sie Schüler fragen, wie sie sich einen Freiraum vorstellen, dann wollen Siebtklässler am liebsten ein gemütliches Zimmer, in dem sie chillen können – und Fünftklässler ein Baumhaus zum Toben.“ Dabei müsse eine Schule im besten Fall sowohl dem Wunsch nach Ruhe als auch dem nach Bewegung Rechnung tragen können.

„Früher haben wir all das zu Hause oder eben im Wald ausgelebt“, sagt von Kaisenberg. „In einer Ganztagsschule muss eben diese die entsprechenden Möglichkeiten bieten. Wir stellen fest, dass zum Beispiel die Beheimatung in der Schule immer wichtiger wird. Sie ist für viele Kinder inzwischen tatsächlich so etwas wie ein alternativer Wohnraum, in dem sie oft mehr Zeit verbringen als in den eigenen vier Wänden. Also sollten wir Schulen so gestalten, dass die Kinder sich in ihr wohlfühlen und dort nicht nur lernen, sondern sich auch aus-leben können.“