Ein Vorzeigefach feiert Jubiläum

50 Jahre Theoretische Chemie an der Uni Bonn

Zwei Koryphäen der Theoretischen Chemie: Nobelpreisträger Robert S. Mulliken ist eine Gedenktafel am nach ihm benannten Center in Bonn gewidmet worden, Sigrid Peyerimhoff war einst Mullikens Schülerin und hatte sich für das Center eingesetzt.

Zwei Koryphäen der Theoretischen Chemie: Nobelpreisträger Robert S. Mulliken ist eine Gedenktafel am nach ihm benannten Center in Bonn gewidmet worden, Sigrid Peyerimhoff war einst Mullikens Schülerin und hatte sich für das Center eingesetzt.

BONN. Die renommierte Theoretische Chemie der Universität Bonn besteht seit 50 Jahren und kann sich bis in die Gegenwart mit herausragenden Wissenschaftlern schmücken. Großes Lob gibt es dafür auch vom Rektor.

Komplexe Sachverhalte einfach erklären – Stefan Grimme beherrscht das. Wie sein Fach funktioniert? „Chemie geht im Reagenzglas, aber eben auch im Computer“, sagt der Professor vom Institut für Theoretische Chemie der Universität Bonn, das in diesen Tagen sein 50-jähriges Bestehen feiert. Unter dem Namen Mulliken Center for Theoretical Chemistry sitzen die Wissenschaftler seit mehr als zehn Jahren in der Beringstraße – samt kleinem Rechenzentrum mit Supercomputer, ohne Reagenzgläser.

„Wir schreiben Programme und wenden sie auch selbst an, etwa in der Pharma-Forschung“, sagt Grimme, der 2015 den Leibniz-Preis gewonnen hat. Statt aufwendige Testreihen durchzuführen, wird in der Theoretischen Chemie etwa berechnet, welche Molekülveränderungen in Medikamenten dazu führen, dass sie wirkungsvoller werden. Oder Materialien entwickelt, die ganz besondere Eigenschaften haben – etwa Leuchtdioden für Oled-Fernseher.

Studierende bekommen nicht nur eine naturwissenschaftliche Ausbildung, sondern erlangen auch großes Wissen im IT-Bereich. „Wir versuchen, Experimente zu ergänzen oder sie überflüssig zu machen“, sagt Grimme.

"Weltweite Strahlkraft"

Im Gegensatz zum heutigen Fokus auf große Moleküle war 1967, am Anfang der theoretischen Chemie in Bonn, die Quantenchemie zentrales Thema. Und schnell betrat eine junge Expertin die Bildfläche, die das Fach nicht nur in Bonn, sondern weltweit über 30 Jahre mitprägen sollte: Sigrid Doris Peyerimhoff.

„Sie hat einer randständigen Disziplin mit nur einem Lehrstuhl große weltweite Strahlkraft gebracht“, sagte Uni-Rektor Professor Michael Hoch – selbst Naturwissenschaftler – am Rande einer Festveranstaltung am Freitag. „Heute ist die Theoretische Chemie das Kernfach der Chemie. Als Rektor bin ich stolz und beeindruckt von der Tradition und Anerkennung, die wir hier haben.“

Peyerimhoff, die sich nicht nur durch große Fachkompetenz, sondern auch durch ein persönliches Verhältnis zu den Studierenden ausgezeichnet hat, ist auch heute noch – mit 80 Jahren – präsent, besucht Vorlesungen und berät Studierende, obwohl sie bereits 2002 emeritiert wurde. „Sie hat die Theoretische Chemie durch ihre Forschung nachhaltig verändert“, sagt Grimme, der vor 25 Jahren nach Bonn kam und „fantastische Arbeitsbedingungen“ vorgefunden hat.

Ein Nobelpreisträger ging ein und aus

In ihrer 30 Jahre währenden Amtszeit habe Peyerimhoff den Lehrstuhl „national wie international zu großer Blüte geführt“. Das belegen nicht nur die mehr als 2000 Publikationen und 100 000 Zitationen, die auf fünf Professoren zurückgehen, sondern auch die häufigen Besuche des Chemie-Nobelpreisträgers von 1966, Robert S. Mulliken, in Bonn. Peyerimhoff war dessen Studentin in Chicago gewesen, bevor sie im Rheinland ab 1972 selbst exzellenten Nachwuchs ausbildete.

Um diese enge Bindung zu würdigen, wurde auch das neue Zuhause der Theoretischen Chemie auf Initiative von Peyerimhoff und Frank Neese, einst Professor in Bonn und heute Leiter des Max-Planck-Instituts für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr, nach Mulliken benannt. Neese ist 2010 mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet worden und seit seinem Wechsel 2011 noch Honorarprofessor in Bonn.

Aktuell laufen am Mulliken Center mehr als 20 Projekte, die entweder von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Als der Lehrstuhl 1966 als einer der ersten seiner Art in Deutschland ins Leben gerufen wurde, war das sicherlich noch nicht absehbar gewesen.

Drei Leibniz-Preisträger aus einem Institut

Doch die guten Arbeitsbedingungen und der rege Austausch mit internationalen Einrichtungen und Forschern, herauszuheben die mehr als 35-jährige freundschaftliche Verbindung mit der University of New Brunswick in Kanada, zahlte sich aus. So wurde Bonn dank der Arbeit von Peyerimhoff etwa führend im Berechnen von kleinen schwierigen Molekülen, etwa von Ozon.

Mit dem Leibniz-Preis 1989 „waren wir dann auch alle finanziellen Sorgen los und konnten in märchenhafter Freiheit arbeiten“, sagte Peyerimhoff am Freitag, gewohnt sachlich, bei ihrer Rückblende auf 50 Jahre Theoretische Chemie in Bonn. Mit unverkennbarem württembergischen Akzent hatte sie vorher kurz und knapp erwähnt, wer diese oft als deutschen Nobelpreis bezeichnete Auszeichnung gewonnen hatte – sie selbst.