Gescheiterte Erdklima-Retter

Mit wachsendem Sonnenabstand sinkt die durchschnittliche Temperatur der Planeten? Ende der 1970er Jahre funkten Sonden Daten von der Venus, die dieser Regel widersprachen. Was war da los? Bald war klar: Ein gigantischer Treibhauseffekt machte die Venus zur Gluthölle. Der Nasa-Forscher James Hansen verstand sofort, welches Risiko sich durch die Öl- und Kohleverbrennung auf der Erde zusammenbraut.

Mit wachsendem Sonnenabstand sinkt die durchschnittliche Temperatur der Planeten? Ende der 1970er Jahre funkten Sonden Daten von der Venus, die dieser Regel widersprachen. Was war da los? Bald war klar: Ein gigantischer Treibhauseffekt machte die Venus zur Gluthölle. Der Nasa-Forscher James Hansen verstand sofort, welches Risiko sich durch die Öl- und Kohleverbrennung auf der Erde zusammenbraut.

Vor 30 Jahren waren einige Amerikaner kurz davor, den Klimawandel abzuwenden - schreibt Nathaniel Rich auf mehr als 60 Seiten im Magazin der New York Times. Aber sie "versagten". Über das Warum streiten nun weltweit die Klimaschützer. 16 Tage nach der Veröffentlichung hat der Apple-Konzern die Filmrechte an Story und Recherche-Ergebnissen erworben

Dass mehr als 68 Seiten Text zum Klimawandel es schaffen, Debatten auszulösen, ist nicht selbstverständlich in einer Welt, die wider besseres Wissen über die Folgen immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre bläst.

Damit das komplette Magazin der New York Times zu füllen, spiegelt auch einen gewissen Mut, der möglicherweise erst durch einen Präsidenten wie Donald Trump entsteht, der zwar seit einigen Tagen den Klimawandel nicht mehr als Hirngespinst einstuft, aber dass vom Menschen freigesetzte Treibhausgas-Schwaden ihn ausgelöst haben.

Verlorene Erde - wie wir vor 30 Jahren fast das Erdklima gerettet hätten" ist der längste Artikel, der jemals in der New York Times zum Thema am 5. August veröffentlicht wurde. Sätze aus dem monumentalen "Losing-earth"-Beitrag von Nathaniel Rich: "Dass wir als Zivilisation dem Bruch unseres Selbstmordpaktes mit fossilen Brennstoffen so nahe gekommen sind, ist den Bemühungen einer Handvoll Menschen zu verdanken, darunter einem hyperkinetischen Lobbyisten und einem arglosen Atmosphärenphysiker, der mit großen persönlichen Kosten versuchte, die Menschheit vor dem zu warnen, was kommen würde. Sie riskierten ihre Karriere in einer schmerzhaften, eskalierenden Kampagne, um das Problem zu lösen, zuerst in wissenschaftlichen Berichten, später durch konventionelle politische Überzeugungen und schließlich mit einer Strategie der öffentlichen Beschämung. Ihre Bemühungen waren klug, leidenschaftlich, robust. Und sie haben versagt. Was folgt, ist ihre und unsere Geschichte."

Was von 1979 bis 1989 passierte, hat Rich recherchiert. Dazu interviewte er alle heute noch Lebenden - amerikanische Wissenschaftler, Klimaaktivisten, Politiker - des ersten organisierten Kampfes gegen den menschengemachten Klimawandel und wühlte in Tausenden Seiten in verstaubten Archiven. Eine 18-monatige Recherche, die das Pulitzer Center unterstützt hatte.

Rich skizziert, wie ein Haufen Amerikaner vor 30 Jahren, als einige Demokraten und Republikaner beim Klimawandel noch im Gleichschritt marschierten, kurz davor waren, das menschenfreundliche Erdklima zu retten - und die USA bereit waren, als Schutzmacht der Erdatmosphäre voranzugehen.

Was Spiegelonline kürzlich "Journalismus von einem anderen Stern" nannte, kaufte der Apple-Konzern, der nach eigener Mission die Welt verbessern will, 16 Tage später - für das Recht, daraus einen Film zu machen. Genauer: eine Serie. 1979:

Die Daten aus der kosmischen Nachbarschaft, von amerikanischen und sowjetischen Sonden zur Erde gefunkt, gehen James Hansen nicht aus dem Kopf: "Warum ist die Venus so heiß?", fragt sich der Nasa-Physiker und Astronom. Merkur 167 Grad Celsius, Venus 464 Grad, obwohl Venus weiter von der Sonne entfernt liegt als Merkur.

Bald ist klar: Ein extremer Treibhauseffekt hat Venus die Gluthölle beschert. Hansen beginnt zu realisieren, welche Macht das Kohlendioxid (CO2) über die Temperatur eines Planeten hat. Und was es bedeutet, wenn die Menschheit weiterhin immer mehr Kohle, Öl und Gas verbrennt und dabei irrwitzige CO2-Mengen freisetzt.

Dass aus dieser fossilen Energieproduktion Ungemach droht, hatte der Schwede Svante Arrhenius zwar schon 88 Jahre vorher vermutet, aber die Daten von der Venus waren keine Annahme, sondern Fakten, eine Messung aus der Gegenwart der kosmischen Nachbarschaft. Im selben Jahr fragt Rafe Pomerance, Vize-Direktor der Non-Profit-Organisation Friends of the Earth und damit ein Lobbyist des Planeten, eine Bürokollegin, ob sie jemals etwas von einem menschengemachten Treibhauseffekt gehört habe. Sie schüttelt mit dem Kopf: Nein, sie habe bisher nicht davon gehört.

Rafe Pomerance war ein Absatz auf Seite 66 einer regierungsamtlichen Publikation zur Kohle aufgefallen. Dort war zu lesen, dass die weitere Nutzung fossiler Brennstoffe binnen 20 bis 30 Jahren zu schädlichen Veränderungen in der globalen Lufthülle führen könnte. Hansen, "der arglose Atmosphärenphysiker", und Pomerance, "der hyperkinetische Lobbyist", sind die Hauptakteure in dieser Dokumentation, die sich wie ein Krimi liest - in einer amerikanischen Zeit, in der einige Demokraten und einige Republikaner (zumindest in dieser Frage) hinter den Kulissen gemeinsam mit besorgten Wissenschaftlern agierten.

Wären da nicht der von der Ölindustrie gesponserte US-Präsident George W. H. Bush, der in seinem Wahlkampf 1988 den "White House Effect" gegen den "Greenhouse Effect" setzte, und sein Stabschef John Sununu gewesen. Beide verhinderten den großen Wurf der Rettungsaktion. Am 7. November 1989, zwei Tage vor dem Mauerfall in Berlin, verweigerten sich die USA im niederländischen Noordwijk, als die Delegierten aus 60 Ländern einen ersten Vertrag gegen die Treibhausgase schließen wollten.

Noch schlimmer: Sununu, so Rich, überzeugte die Delegierten aus Japan und der Sowjetunion, den USA zu folgen. Und so kam es. Auszug aus dem New-York-Times-Report: "Als ich John Sununu nach seiner Rolle in dieser Geschichte fragte - ob er sich persönlich dafür verantwortlich fühlte, die beste Chance für einen wirksamen Vertrag gegen die globale Erwärmung zu töten, sagte er mir: »Es konnte nicht passieren, denn, offen gesagt, waren die Führer der Welt zu dieser Zeit in einer Phase, in der sie alle darauf bedacht waren, die Politik zwar zu unterstützen, ohne harte Verpflichtungen eingehen zu müssen."

Die Staatschefs wollten nur den Anschein wahren, sie würden das Klima schützen, ohne sich konkret zu verpflichten. Rich zitiert Sununu: "Ehrlich gesagt, stehen wir auch heute noch an diesem Punkt." Rich bezeichnet die Dekade 1979 bis 1989 als jene, in der die Menschheit den Klimawandel fast gestoppt hätte. 30 Jahre liegen zwischen damals und heute - eine Zeit, die heute zum Gegensteuern fehlt, weil die Emissionen ungedrosselt weiter gestiegen sind.

Detailliert beschreibt er die millionenschweren Desinformationskampagnen der US-Ölindustrie, aber auch die grundsätzlichen Betrachtungen von Ökonomen, Politikwissenschaftlern und Philosophen vor 30 Jahren. Der Yale-Ökonom William D. Nordhaus, einst Mitglied der Beratercrew von US-Präsident Jimmy Carter und kürzlich mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet, habe damals eine Kohlenstoffsteuer vorgeschlagen, aber gleichzeitig eine internationale Vereinbarung dazu für unwahrscheinlich gehalten.

Und Michael Glantz, 1979 Politologe am nationalen US-Center für atmosphärische Forschung, "argumentierte, dass demokratische Gesellschaften verfassungsrechtlich nicht in der Lage seien, mit dem Klimaproblem umzugehen. Der Wettbewerb um Ressourcen bedeutet, dass keine Krise jemals das öffentliche Interesse so lange befriedigen kann", wie es der Klimawandel über Jahrzehnte erfordere.

Viele dieser Theorien teilten, so Rich, ein gemeinsames Prinzip: "Dass Menschen, ob in globalen Organisationen, Demokratien, Industrien, politischen Parteien oder als Individuen, nicht in der Lage sind, den gegenwärtigen Komfort zu opfern, um eine Strafe für künftige Generationen zu verhindern." Sein letzter Satz ist eine Frage: "Ist es ein Trost oder ein Fluch - das Wissen, dass wir das alles hätten vermeiden konnten?"

Richs Fazit, dass die Rettung des Erdklimas damals nicht von einem "Schuldigen", etwa von Republikanern oder der Ölindustrie, verhindert worden ist, sondern letztlich von einem unausgesprochenen Konsens über den Erhalt des Komforts auf Basis fossiler Brennstoffe, hat unter Klimaschützern eine Kontroverse ausgelöst.

Einige Auszüge. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, wann die von Öl- und Autoindustrie finanzierten und professionell gemanagten Klimawandelleugner-Kampagnen in den USA genau starteten. Weckte erst James Hansen am 23. Juni 1988 mit seinem Vortrag vor dem US-Kongress die fossile Lobby auf?

Einen Tag später erschien die globale Erwärmung erstmals auf Seite eins der New York Times. Oder fühlte die ihre Interessen von US-Präsident Ronald Reagan (1981-1989) bereits ausreichend geschützt? Schließlich hatte schon Reagan alle Umweltschutz-Budgets und die für die Solarenergie-Förderung rigoros zusammengestrichen, auch durfte die Industrie bereits damals - wie heute unter Trump - Umweltschutzstandards mitformulieren.

Wenn es denn in den 1980er Jahren einen großen, aber eher zufälligen Gegner des Klimaschutzes gegeben habe, dann sei dies die Idee der Marktderegulierung gewesen, schreibt die kanadische Publizistin und Kapitalismus-Kritikerin Naomi Klein. George Bush sen. und Margaret Thatcher seien damals die eifrigsten Fürsprecher der Vorstellung gewesen, dass der freie Markt für jedes Problem die preisgünstigste Lösung finde.

Ähnlich sehen es die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes (Harvard Universität) und Erik Conway (California Institute of Technology), die in ihrem in mehrere Sprachen übersetzten Buch "Händler des Zweifels" (2010) akribisch die Instrumente der Klimawandelleugner entlarvt hatten. Sie verweisen darauf, dass oft übersehen werde, dass es eine der stärksten Triebfedern von Klimaskeptikern sei, staatliche Lenkungsmaßnahmen maximal abzulehnen.