Moderne Weltenbummler

Was digitale Nomaden bewegt

Bonn/ Conil de la Frontera. Digitale Nomaden sind Arbeitnehmer, die keine feste Arbeitsstätte benötigen. Sie können ihrem Job weltweit nachgehen. So wie Fabian Unger aus Bonn und Christoph Hübner.

Starkregen im Sommer 2017. In einem Neubau am Alexanderplatz in Berlin läuft der Keller voll. In diesem Keller hatte Fabian Unger (29) ein paar Möbelstücke untergestellt. Es war das letzte, was von seinem eigenen Haushalt noch übrig geblieben war. Ortsunabhängig hat der Bonner zu diesem Zeitpunkt allerdings schon länger gearbeitet. So wie Fabian lebt, fällt er unter die Gruppe der Digitalen Nomaden, auch wenn er sich selbst so nicht bezeichnet. Seinen Job als Entwickler erledigt er ohne an einem einzigen Ort zu leben – zuletzt war er für ein paar Wochen in Andalusien an der Atlantikküste.

Die Orte wählt er so, dass er regelmäßig seinen Hobbys Kitesurfen und Wellenreiten nachgehen kann. Im April war er in Berlin bei seiner Freundin. Den Mai verbringt er in Den Haag, wo er im letzten Jahr schon für zehn Monate war. Dabei hat er nur das nötigste: Kleidung, sein Macbook und seine Ausrüstung zum Kitesurfen. Dass Fabian so leben möchte, wurde ihm 2014 klar. Nachdem er sein Geografie-Studium in Bonn geschmissen hat und den Jakobsweg gelaufen ist. 1000 Kilometer mit dem Rucksack: „Da habe ich gemerkt, wie wenig man eigentlich braucht“, erzählt er.

Danach war er eine Zeit lang auf Teneriffa. 2015 studierte er erneut in Berlin Webdevelopment. Parallel war er aber immer wieder unterwegs und übernahm Projekte. Unterwegs arbeitet Fabian gerne in Coworking Spaces – Büroräume, in denen sich Selbstständige flexibel zeitweise Arbeitsplätze mieten können. Laut Statista gibt es bis 2020 geschätzt weltweit insgesamt mehr als 26 000 Coworking Spaces – 2016 waren es knapp über 11.000.

Auch in Andalusien, in Conil de la Frontera, wurde Fabian fündig: Hier betreiben Nuria Pérez Morillo und Roberto Vázquez González, ein junges Paar Anfang 30, das Corker Space seit etwa zwei Jahren. Roberto ist Entwickler wie Fabian, Nuria ist Industriedesignerin. Sie teilen ihre hellen Büroräume, wenige Straßen vom Meer entfernt mit anderen Selbstständigen und Freelancern. Darunter Designer, Webentwickler und ein Headhunter. Freitags mittags gehen alle zusammen Tapas essen. Einige sind nur auf der Durchreise, andere bleiben länger – so wie die 38-jährige Maklerin für Kinderkrankenversicherungen. Im Gegensatz zu Fabian ist sie fest angestellt bei einem Unternehmen aus Leverkusen. Arbeiten darf sie allerdings dauerhaft im Homeoffice. Ihr Chef, Geschäftsführer von Kinder-privat-versichern, ein Spezialvermittler von Kinderkrankenversicherungen, Christoph Hübner, sitzt auch nicht in Leverkusen, sondern in Singapur.

Hübner, der aus Berlin kommt, hat keinen Wohnsitz mehr in Deutschland. Die letzten Monate war er auf Bali, in Thailand, Vietnam und Kambodscha. Südostasien ist bei Digitalen Nomaden oft sehr beliebt, weil das Leben sehr günstig und es das ganze Jahr warm ist. Die Sommermonate verbringt Hübner überwiegend in Zypern.

Seine Mitarbeiter sind in Europa verteilt. Am Firmensitz selbst sitzt nur sein Mitgesellschafter. Hübner verfügt über eine digitale Staatsbürgerschaft in Estland, weil er so sein komplettes Leben digital ortsunabhängig organisieren kann, was in Deutschland nicht möglich ist. Wegen seiner Offenheit ist Fachkräftemangel für Hübner kein Thema: „Gerade in der Versicherungsbranche ist es extrem schwer, gutes Personal zu finden.“ Indem er ortsunabhängiges Arbeiten anbiete, finde er gute Mitarbeiter. Und weil Hübner selbst aus der Versicherungsbranche kommt, weiß er, worauf diejenigen achten sollten, die mit ihrem Job durch die Welt bummeln.

Ein Sprecher der Axa, einer der größten Versicherer weltweit, gibt zu bedenken, dass außerhalb der EU keine gesetzliche Krankenkasse mehr greift. Wer außerhalb der EU reise, brauche eine private Auslandskrankenversicherung. Eventuell notwendige Rücktransporte würden grundsätzlich auch innerhalb der EU von der Gesetzlichen nicht übernommen. Große Versicherer wie die Allianz und Axa verweisen zwar auf Angebote, die auch für Digitale Nomaden infrage kommen. Speziell zugeschnittene Versicherungen gebe es bisher allerdings noch nicht, weil das Kundensegment aktuell noch „nicht signifikant groß sei“.

Wer eine private Krankenversicherung abschließt und sich von der gesetzlichen befreien lässt, hat laut Hübner kein Rückkehrrecht, wenn er wieder nach Deutschland kommt. Das gelte allerdings nicht für die Pflegeversicherung. Die müsse einen nicht zurücknehmen. Bei der Haftpflichtversicherung verweisen große Versicherer darauf, dass einige nur gelten, wenn man einen festen Wohnsitz in Deutschland hat und nur für einen begrenzten Zeitraum im Ausland gelten. Wie lange Fabian noch unterwegs sein will, weiß er nicht. Allerdings steht für ihn heute schon fest: ein dauerhaftes Nomadenleben will er nicht führen.