Stellenabbau in Wuppertal

Vorwerk stellt Thermomix-Produktion in Deutschland ein

Blick in die Produktion des Thermomix von Vorwerk im Werk in Wuppertal.

Das Familienunternehmen Vorwerk muss Stellen abbauen - wegen dem Thermomix.

Wuppertal. Der Thermomix TM5 hat die Umsätze von Vorwerk rasant steigen lassen. Die Macher setzten darauf, dass es so weiter geht. Doch es kam anders. Nun muss gespart werden – durch Stellenabbau und Geschäfte in Steueroasen.

Als der Heilsbringer erschien, war da nur Staunen. Er schwebte hinab zu den Menschen, einfach so, von der Decke. Überflüssig zu erwähnen, dass diese Erscheinung in einer Messe stattfand, oder? Doch was würde er bringen? Erlösung? Oder zumindest steigende Verkaufszahlen? Wunder kann der Heilsbringer nicht vollbringen, das ahnten die Menschen, aber dafür bei 160 Grad Rösten und Anbraten.

Die Symbolik hätte kaum größer sein können, als Vorwerk am 8. März seine besten Thermomix-Verkäufer einlud. Jedes Jahr werden sie bei einer Gala wie jener in einer Halle der Kölner Messe geehrt. Doch in diesem Jahr präsentierten die Wuppertaler dazu noch eine Weltneuheit: den TM6, der plötzlich von der Decke herabschwebte.

Und dann: Überraschte Gesichter, Applaus – und vibrierende Smartphones. Noch während die Verkäufer den neuen Thermomix bestaunten, meldeten sich bei den Ersten aufgebrachte Kunden per Whatsapp. So erzählen es jedenfalls Teilnehmer, die in Köln dabei waren. Die Kunden hatten zeitgleich aus dem Internet vom neuen Modell der Küchenmaschine erfahren. Vorwerk hatte den TM6 parallel auch Bloggern vorgestellt, die ihr Wissen schnell teilten und damit eine Welle der Wut heraufbeschworen. Denn viele Kunden hatten vor kurzer Zeit erst den Vorgänger gekauft und mussten nun feststellen, dass die mehr als 1000 Euro teure Investition über Nacht veraltet war.

Vielleicht war es nur ein Missgeschick, aber es passt zur momentanen Lage in Wuppertal. Noch vor einigen Jahren schwebte das Unternehmen von Erfolg zu Erfolg, praktisch alles schien zu gelingen. Davon ist man heute weit entfernt. Neue Produkte wie der rund 650 Euro teure Werkzeugkoffer Twercs und der rund 600 Euro teure Teekocher Temial floppten. Und weil gleichzeitig auch die Umsätze mit dem Thermomix und den Kobold-Staubsaugern einbrachen, wird nun alles auf den Kopf gestellt. Am Firmensitz in Wuppertal werden Arbeitsplätze abgebaut, der Neubau der Firmenzentrale verzögert sich, die Führungsspitze wird teilweise ausgetauscht.

Hype des Thermomix begann 2014

Es herrscht viel Unruhe in dem ansonsten doch so stillen Familienunternehmen – und vielleicht wünscht sich Vorwerk-Chef Reiner Strecker manchmal, noch einmal in das Jahr 2014 zu reisen und einiges anders zu machen.

Damals wurde Deutschland Fußball-Weltmeister und eine Küchenmaschine aus Wuppertal entfachte einen unfassbaren Hype. Vom "iPhone aus Wuppertal" war in der Presse über das Thermomix-Modell TM5 zu lesen. Tolle Technik, edles Design, hoher Preis und frenetische Anhänger – die Ähnlichkeiten zu den Smartphones von Apple waren frappierend.

Zeitweise steigerte sich der Absatz im Jahresvergleich um 50 Prozent, um die langen Lieferzeiten zu reduzieren, bauten sie bei Vorwerk die Fertigung auch am Stammsitz in Wuppertal massiv aus. Schon bald, verriet Strecker 2015 bei der Vorstellung der Bilanz, sollten zwei Millionen Thermomix in Deutschland und Frankreich vom Band rollen.

Doch die wurden nie benötigt. Offensichtlich hatten sie bei Vorwerk zu optimistisch kalkuliert. Der Hype ebbte ab, neue Märkte wie die USA entwickelte sich eher langsam, während Konkurrenten in Europa günstigere Alternativen auf den Markt brachten und einen Verdrängungswettbewerb entfachten, während in Wuppertal angesichts die Umsätze sanken und wegen Investitionen in die Digitalisierung die Kosten für Personal und Investitionen stiegen.

"Natürlich fragen sich die Kollegen, wie es weitergeht", sagt Vorwerk-Gesamtbetriebsratschef Ralf Hüttemann. Seit Monaten wussten sie von den Beratern von Boston Consulting und ihrem Plan mit dem so wohlklingenden Namen "New Horizon", der neben neuen Horizonten laut Betriebsrat ursprünglich auch den Wegfall von rund 700 Stellen in ganz Deutschland beinhaltete – unter anderem wegen der Überkapazitäten beim Thermomix.

Thermomix-Produktion in Wuppertal wird eingestellt

In Wuppertal wird der Bau der Küchenmaschine daher eingestellt. "Die Thermomix-Produktion am Standort Wuppertal läuft voraussichtlich im Dezember 2019 aus", teilt das Unternehmen mit. Gleichzeitig soll jedoch eine neue Thermomix-Fertigung im chinesischen Shanghai entstehen. Soll ein Teil der Produktion und Arbeitsplätze aus Kostengründen also einfach verlagert werden?

Nein, heißt es vonseiten des Unternehmens und des Betriebsrats unisono. Größter Produktionsstandort bleibt laut einem Vorwerk-Sprecher weiterhin das Werk in Frankreich, wo die Geräte für die großen europäischen Märkte gefertigt werden. "Wir hatten Überkapazitäten beim Thermomix in Europa, die Wachstumschancen liegen in Asien", fasst Betriebsratschef Ralf Hüttemann die Situation zusammen. Laut dem Gesamtbetriebsratschef gab es vonseiten der Behörden in China sogar die Vorgabe, dort eine Produktion vor Ort aufzubauen. Ähnliches hört man auch immer aus der Auto-Industrie, frei nach dem Motto: Ohne Produktion kein Verkauf. Die Betriebsräte versuchen, das Beste aus der Situation zu machen: "Wir hoffen, dass die Produktion in China hochfährt und wir dadurch auch in Wuppertal mehr Motoren und Messer für den Thermomix exportieren können." Denn die sollen weiterhin aus dem Bergischen kommen, bis 2023 gilt für die Vorwerk-Holding (Verwaltung) und Elektrikwerke (Produktion) zudem eine Beschäftigungssicherung am Standort Wuppertal.

Das ist ein Ergebnis der Verhandlungen zwischen Unternehmensführung und Betriebs rat, für die sich die Arbeitnehmer im Vorfeld mit dem auf Personalwirtschaft spezialisierten Ökonom Heinz-Josef Bontrup sogar einen eigenen Experten zur Seite geholt hatten, um die Pläne durchzurechnen. Ein anderes: Statt 700 sollen nun maximal 200 Vollzeitstellen wegfallen. Die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen wird auf maximal 85 gedeckelt. "Wir haben uns das nicht leicht gemacht", sagt Vorwerk-Chef Strecker: "Aber es ist eine Entscheidung, die wir treffen mussten, um uns weiterhin zukunftsfähig aufzustellen." Das wissen auch die Betriebsräte, dennoch hoffen sie darauf, dass das parallel laufende Freiwilligenprogramm mit Abfindungs- und Frühruhestandsregelungen Wirkung zeigt. "Mit ein bisschen Glück gelingt es uns, ganz ohne Entlassungen auszukommen", sagt Stefan Stastny, Betriebsratschef der Vorwerk-Holding.

Von den Gesellschaftern ist nur noch einer übrig

Andere Abgänge in Wuppertal wurden bereits vollzogen – an höchster Stelle. Seit 2015 leiteten drei persönlich haftende Gesellschafter die Geschäfte der Vorwerk-Gruppe: Reiner Strecker (seit 2009 im Amt), Frank van Oers (seit 2013) sowie Rainer Christian Genes. Davon ist nur noch Strecker übrig. Der Niederländer van Oers hat sich – wie es offiziell heißt – hingegen dazu entschieden, schon mit 60 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Mitarbeiter erzählen hingegen, dass der Abschied nicht ganz so freiwillig war. Und auch Genes ist nicht mehr in Wuppertal. Ein Zerwürfnis mit dem Manager gab es allerdings nicht – im Gegenteil.

Der frühere Daimler-Manager zieht für Vorwerk inzwischen in der Schweiz die Fäden, wie man im dortigen Handelsregister nachlesen kann. Denn auch dort ist momentan einiges in Bewegung bei Vorwerk International.

Das Unternehmen war bislang im schweizerischen Freienbach angesiedelt, seit Mitte Mai ist der offizielle Sitz laut Handelsregister Wollerau. Gibt man den Namen bei der Suchmaschine Google ein, erscheint dort automatisch die Ergänzung "Steuern". Und auch auf der eigenen Internetseite wirbt die Stadt damit, "seit Jahren zu den steuergünstigsten Gemeinden der ganzen Schweiz" zu gehören. Davon will offenbar auch Vorwerk profitieren. Selbst mit dem "iPhone aus Wuppertal" braucht man anscheinend ein bisschen bilanzielle Optimierung aus den Alpen.

Laut einem Sprecher steuere man über Vorwerk-International seit mehreren Jahrzehnten die internationalen Märkte für Haushaltsgeräte. "Wir haben aber auch in vielen anderen Ländern Gesellschaften zur Steuerung unserer regionalen oder weltweiten Vertriebe und natürlich zahlen wir in all diesen Ländern auch Steuern." Spricht man mit Mitarbeitern über die Schweizer-Filiale, sind diese nicht überrascht und auch nicht empört: Na und, das sichert am Ende doch auch unsere Arbeitsplätze hier in Deutschland.

Verbundenheit von Vorwerk und Wuppertal ist groß

Die Verbundenheit zu dem 1883 gegründeten Familienunternehmen ist mindestens so groß wie die Heimatverbundenheit der Eigentümerfamilie Mittelsten Scheid – so paradox das angesichts solcher Geschäfte in Steueroasen klingt. In Wuppertal wurde ein Lehrstuhl an der Hochschule gestiftet und eine Pinguin-Anlage im Zoo. Und als zuletzt ein imposanter Neubau geplant wurde, der die alte Firmenzentrale aus den 1950ern im Stadtteil Barmen ersetzen sollte, entschied man sich trotz der damit verbundenen Umstände, ihn am alten Standort zu errichten. Zumindest irgendwann mal. Denn die sinkenden Umsätze (von mehr als drei Milliarden ging es zuletzt runter auf knapp 2,8 Milliarden) und Gewinne (zu denen das Unternehmen allerdings traditionell keine Angaben macht) haben die Baumaßnahmen auf der Prioritätenliste offenbar etwas nach hinten geschoben.

Laut "Westdeutscher Zeitung" sollte eigentlich schon Ende 2018 der Gewinner eines Architekten-Wettbewerbs feststehen. Doch bis jetzt gibt es nur zwei Finalisten – ein Architekturbüro aus München und den bekannten Düsseldorfer Architekten Ingenhoven. Auf Anfrage teilte Vorwerk mit, man wolle voraussichtlich noch in diesem Monat eine Entscheidung treffen.

Immerhin: Trotz Stellenabbau soll es schon in diesem Jahr wieder aufwärts gehen, auch dank dem neuen Heilsbringer TM6 rechnen sie bei Vorwerk für 2019 mit einem Umsatzwachstum. Das Geschäft laufe "sehr gut", heißt es bei Vorwerk. Ähnliches erzählen auch Verkäuferinnen. Eins verstehen sie aber nicht. "Es wird oft gefragt, warum es den Thermomix nicht in verschiedenen Farben gibt", sagt eine Verkäuferin. Doch ein Heilsbringer in mintgrün oder schwarz statt strahlendem Weiß? So weit wollen sie beim 136 Jahre alten Unternehmen dann doch nicht gehen.