GA-Serie: Lehrstellen-Check

So sieht die Arbeit eines Plastikers aus

Bonn. Elena Sebening hat einen Tag lang in den Beueler Theaterwerkstätten mitgearbeitet und den Beruf des Plastikers kennengelernt – ein künstlerischer und abwechslungsreicher Job.

Eine meterlange Pistole wird über den Flur geschoben. Sie ist so groß, dass die Flügeltür zu den Räumen der Plastiker auf beiden Seiten geöffnet werden muss. Doch dieser Anblick scheint niemanden zu wundern. Denn hier – in den Theaterwerkstätten in Beuel – entstehen täglich Requisiten und Bühnenbilder für das Bonner Schauspiel und die Oper. Für mich skurril wirkende Eimer mit der Aufschrift „Marx unverdünnt“ stehen ganz selbstverständlich herum. Auch die Frage: „Können wir den Baum mal kurz aufhängen?“ und „Wo ist denn die Wolke geblieben?“ lösen keine Verwunderung aus. Vielmehr arbeiten alle konzentriert an ihren Aufträgen.

Mit Hinblick auf das Stück „Marx in London – das aktuell im Bonner Opernhaus zu sehen ist – laufen die Vorbereitungen während meines Besuchs im November auf Hochtouren. Einen Tag lang darf ich als Auszubildende bei den Plastikern mitarbeiten und den Arbeitsalltag kennenlernen. „Dürfen deine Klamotten dreckig werden?“, fragt mich die Abteilungsleiterin Bettina Göbel direkt als erstes.

Arbeitsschuhe gehören hier genauso dazu wie Kleidung, die den ein oder anderen Leim- und Farbspritzer abbekommen darf. Schließlich sind die Plastiker für fast alles mitverantwortlich, was während der Aufführungen auf der Bühne steht und vorher modelliert werden muss. Einer der Aufträge ist ein Zeppelin. Als ich ankomme, hat Plastikerin Maria Brandt schon einen riesigen Styroporblock zurechtgeschnitten. „Mit der Kettensäge habe ich alles grob in Form gebracht und weiter zurechtgeschnitzt“, erzählt die 29-Jährige.

Requisiten aus Styropor und Holzleim

Dann geht es an die sogenannte Kaschur. Beim Kaschieren werden mehrere Lagen gleicher oder unterschiedlicher Materialien miteinander verbunden. In unserem Fall bepinseln wir den Styroporzeppelin mit Holzleim, legen Seidenpapier darauf und streichen eine weitere Portion Leim darüber. „Styropor hält sonst kaum Gewicht aus. Nachdem wir es behandelt haben, können Personen darauf rumlaufen – es kann also bespielt werden“, erklärt Brandt.

Styropor ist wegen seiner Leichtigkeit ein beliebtes Material für die Bühne. „Die Requisiten müssen ja noch beweglich sein“, sagt die Plastikerin. Vor zwei Jahren hat Brandt die begehrte Ausbildung abgeschlossen. Deutschlandweit gibt es jährlich nur wenige Ausbildungsplätze, dafür aber mehrere hundert Bewerber. Doch wer einen der Plätze ergattert, leistet mehr als nur das Pflichtprogramm.

„Es gibt viele Mitarbeiter, die in ihrer Freizeit eigene Projekten umsetzen“, erzählt Auszubildender Niko Weber. Im September vergangenen Jahres hat er mit der Ausbildung begonnen, dafür ist er von Berlin nach Bonn gezogen. „Ich habe schon vorher einige Praktika in dem Bereich gemacht “, erzählt er. Etwas selbst handwerklich und realistisch herzustellen mache für ihn den Reiz des Berufs aus.

Der Weg ist das Kreative

So sieht das auch Maria Brandt: „Da wir oft konkrete Aufträge von den Bühnenbildnern und Regisseuren bekommen, müssen wir die Sachen nach ihren Vorstellungen umsetzen. Das Kreative daran ist der Weg, der die Umsetzung überhaupt ermöglicht.“ Kaum eine Herstellung sei wie die andere. „Wir funktionieren Vieles um. Besonders beliebt ist die Gemüseraspel, die kommt regelmäßig zum Einsatz.“

Aktuell gibt es drei Auszubildende bei den Plastikern, zwei Festangestellte und regelmäßig Praktikanten. Viele versuchen sich durch die Praktika unter den anderen Bewerbern hervorzuheben. Mir gefällt, wie schnell wir während der Arbeit unsere Fortschritte sehen. In weniger als einer Stunde haben wir den Zeppelin umrundet und komplett mit Seidenpapier und Holzleim kaschiert.

Auch die überdimensional große Pistole ist schnell bearbeitet. In einem ersten Arbeitsschritt streicht Niko Weber eine Schicht Holzleim auf die Seiten der Pistole, ich bringe dann eine Lage mit Filz darauf an. Im nächsten Schritt pinseln wir verdünnten Leim auf den Filz – ist dieser getrocknet, entsteht eine steinharte Schicht.

Eine Extraschicht "Marx unverdünnt"

Natürlich gibt es auch deutlich aufwendigere Prozesse: „Die Frage ist immer, muss es nur hübsch aussehen oder bespielbar sein?“, sagt Maria Brandt. Im Lager zeigt sie mir alte Requisiten. Neben Beethoven steht ein lebendig wirkender Fuchs und dahinter eine fleischfressende Pflanze. Es wirkt wie ein Paradies für Kulturinteressierte. Denn jedes der Requisiten erzählt eine Geschichte – war Teil eines Theater- oder Opernstücks. Meine nächste Station ist wieder in den Plastiker-Werkstätten.

Für „Marx in London“ wird ein Baum auf der Bühne benötigt. Nachdem die Schlosser ein Gerüst in entsprechender Form gefertigt hatten, ging das Modell zu den Plastikern. Mario Hansen, ebenfalls seit zwei Jahren als Plastiker in den Beueler Werkstätten, hat das Gerüst mit Styropor ummantelt und Stamm sowie Äste daraus geformt. Er ist gelernter Holzbildhauer und kam als Quereinsteiger an die Werkstätten. Ich helfe ihm dabei, den Baum wie einen Baum aussehen zu lassen.

Dafür pinsel ich eine Lage „Marx unverdünnt“ – also Holzleim – auf das Styropor. Hansen und Brandt schichten anschließend Hanffasern darüber. So entsteht die Optik, die den Baum täuschend echt aussehen lässt, noch bevor er seine finale Station bei den Malern hatte. Um zu sehen, ob alles passt, ziehen wir den Baum an einem Haken in die Höhe und stellen ihn auf. Die Äste sind abnehmbar, damit der Baum durch Türen passt und zum Opernhaus transportiert werden kann.

Gemeinsam mit den Malern, Schreinern, Schlossern und Dekorateuren erschaffen die Plastiker in wenigen Monaten das Bühnenbild und die Requisiten für Opern und Theaterstücke.

Volontäre und freie Mitarbeiter verlassen für die Serie "Job oder Flop - Lehrstellen-Check" ihren Schreibtisch und werfen sich für einen Tag mitten ins Ausbildungsleben. Sie geben in ihren Reportagen Einblicke in den Alltag der vielfältigen Berufe, die sie selbst erlebt haben.