Pro und Contra Nord Stream 2

Sind wir abhängig von russischem Gas?

Vor der Insel Rügen verlegt ein Schiff Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2. Ende des Jahres könnte sie fertig sein.

Vor der Insel Rügen verlegt ein Schiff Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2. Ende des Jahres könnte sie fertig sein.

Düsseldorf. Der Streit um die Ostsee-Pipeline eskaliert. Der US-Botschafter droht mit Sanktionen, die Bundesregierung hält an Nord Stream 2 fest. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Nord Stream 2 soll Gas aus dem russischen Wyborg nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern bringen. Die Pipeline wird von einem Konsortium gebaut, an dessen Finanzierung auch deutsche Unternehmen beteiligt sind: die BASF-Tochter Wintershall und das Düsseldorfer Energieunternehmen Uniper. Der russische Staatskonzern Gazprom stemmt 50 Prozent der Investitionskosten von 9,5 Milliarden Euro, Uniper und Wintershall zusammen mit drei anderen westlichen Versorgern (OMV, Engie, Shell) den Rest, jeder von ihnen 950 Millionen Euro. Chef des Aktionärsausschusses ist der frühere Kanzler Gerhard Schröder.

Wie weit ist der Bau?

Die 1200 Kilometer lange Pipeline befindet sich kurz vor der Fertigstellung. Die Einweihung des ersten Strangs war 2011, Ende 2019 könnte sie fertig sein. Die Röhren verlaufen unterirdisch durch die Ostsee. Dänemark verweigert eine Nutzung seiner Hoheitsgewässer.

Wird Deutschland von Russland abhängig?

„Deutschland ist total von Russland kontrolliert“, behauptet US-Präsident Donald Trump. Das ist falsch. Laut Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft kommen „nur“ 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases aus Russland. Norwegen liefert 29 Prozent, die Niederlande 23 Prozent. Deutschland importierte im vergangenen Jahr 54 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Gazprom, so viel wie nie. Allerdings deckt Deutschland nur ein Viertel seines Energiebedarfs mit Erdgas. Erdöl steht für ein Drittel, wobei auch hier Russland der wichtigste Lieferant ist. Ein weiteres Drittel der deutschen Energie stammt aus Ökostrom und Kohle. Fazit: Deutschland ist der größte Abnehmer russischen Erdgases in Europa, aber im Gegenzug ist Deutschland auch der wichtigste Gazprom-Kunde. Eine einseitige Abhängigkeit existiert nicht.

Nutzt Russland seine Energielieferungen für politische Zwecke?

Staaten wie die Ukraine haben erlebt, dass in politisch schwierigen Phasen plötzlich die Energielieferungen aus Russland aufhörten. Offiziell wegen ausstehender Zahlungen. Die Ukraine fürchtet nun, dass durch die Ostsee-Pipeline ihr Gasgeschäft mit Russland eingeschränkt wird. Die Polen sind verärgert, dass sie nicht einbezogen wurden. Deutschland erlebte keine Lieferengpässe. „Wir sind seit 40 Jahren im Russland-Geschäft tätig. In dieser Zeit gab es den Kalten Krieg und Afghanistan-Interventionen vom Westen und vom Osten. Die Geschäftsbeziehungen sind in all den Jahren konstant gut geblieben“, stellte Eon-Chef Johannes Teyssen 2014 fest.

Warum hält die Bundesregierung an der Pipeline fest?

Offiziell heißt es, Nord Stream 2 sei ein rein wirtschaftliches Projekt. Allerdings hatte Kanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch vor Monaten in der Ukraine betont, dass sie die ukrainischen Bedenken berücksichtigen wolle.

Wie stehen die deutschen Parteien zur Pipeline?

Die Grünen sprechen sich für einen Stopp aus. Auch die CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen und Elmar Brok sehen das Geschäft kritisch. 2018 hatten hundert namhafte Politiker aus Europa in einem Brief an die Kanzlerin für ein Ende des Projekts plädiert. „Es läuft den Zielen der Europäischen Energieunion zuwider und gibt Russland zusätzlichen strategischen Einfluss auf die EU“, heißt es. Die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich noch nicht geäußert. Die SPD, die Linke und die AfD verteidigen das Projekt.

Was sagen andere EU-Staaten?

Die meisten lehnen die Pipeline ab, vor allem Osteuropa-Staaten. Das Europäische Parlament hat sich mehrheitlich gegen Nord Stream 2 ausgesprochen.

Warum sind die USA so vehement gegen die Pipeline?

Zum einen warnen die USA davor, dass Russland die Gasgelder für ihre Kriege, etwa in der Ost-Ukraine oder in Syrien einsetzen könnte. Außerdem könnte laut US-Botschafter Richard Grenell Russland Europa unter Druck setzen oder Länder gegeneinander ausspielen. Kritiker der USA glauben, dass der Widerstand gegen die Pipeline so intensiv sei, weil die USA ihr eigenes Gas in Europa absetzen wollen.