Weltwirtschaftsforum von Davos

Oxfam weist auf wachsende soziale Gegensätze hin

Eine Bettlerin sitzt am Eingang der Katholischen Hofkirche in Dresden und bittet um Almosen.

Eine Bettlerin sitzt am Eingang der Katholischen Hofkirche in Dresden und bittet um Almosen.

Davos. Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums (WEF) von Davos präsentiert die Entwicklungsorganisation Oxfam auf ihren neuen Bericht zur sozialen Ungleichheit. Oxfam fordert darin höhere Steuern für Reiche und bessere Mindestlöhne.

Die Luftaufnahme zeigt im Vordergrund eine Slumsiedlung. Die einstöckigen Hütten stehen eng aneinandergedrängt, viele Dächer glänzen blau, weil die Bewohner sie mit Plastikplanen abdecken. Direkt angrenzend sieht man Wohnblocks und Hochhäuser, umgeben von Parks und Palmen – die Viertel der Mittelschicht und Wohlhabenden. Dort deutet das Blau auf Swimming-Pools hin.

Das Foto hat die Entwicklungsorganisation Oxfam auf ihren neuen Bericht zur sozialen Ungleichheit gedruckt, der alljährlich zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums (WEF) von Davos erscheint. Er trägt den Titel „Öffentliches Wohlergehen oder privater Reichtum“. Oxfam will darauf hinweisen, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich eklatant sind – und in mancher Hinsicht nicht ab, sondern zunähmen.

Mit diesen Studien versucht die Organisation Einfluss auszuüben auf die Debatten in Davos. Sie plädiert etwa für höhere Steuern auf große Einkommen und Vermögen. Oxfam-Direktorin Winnie Byanyima vertritt diese Thesen persönlich beim WEF.

Milliardäre steigern Vermögen

„Superreiche gewinnen 2,5 Milliarden Dollar pro Tag, die Hälfte der Weltbevölkerung wird ärmer“, lautet die Botschaft. Mit „superreich“ meint Oxfam die etwa 2000 Personen weltweit, die ein Vermögen von mehr als einer Milliarde besitzen. Deren Kapital habe im vergangenen Jahr um zwölf Prozent zugelegt, sagte Oxfam-Mitarbeiterin Ellen Ehmke. Demgegenüber erlitt die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung einen Vermögensverlust von elf Prozent. Diese Ansage beruht auf Statistiken der Schweizer Bank Credit Suisse und der Forbes-Milliardärsliste.

Ähnliche Tendenzen sehen die Kritiker für die Bundesrepublik. „Die deutschen Milliardäre konnten ihr Vermögen im vergangenen Jahr um 20 Prozent steigern“, heißt es in der Studie. Das reichste Prozent der Bevölkerung verfüge nun über ebenso viel Vermögen wie 87 Prozent der Bürger. Demgegenüber zeigen Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass die Einkommen der untersten zehn Prozent der Bundesbevölkerung abnehmen. Diese Zahlen reichen allerdings bisher nur bis 2015.

Zur Bekämpfung der Ungleichheit in Deutschland fordert Oxfam einen höheren Mindestlohn sowie eine stärkere Belastung von Vermögenden, Konzernen, Erbschaften und hohen Einkommen. „Der Mindestlohn ist zu niedrig, gerade in Ballungszentren“, sagte Ehmke. Die steigenden Mieten ließen sich mit dem derzeitigen Mindestlohn von 9,19 Euro pro Stunde oft nicht bezahlen.

So betrachtet nimmt die soziale Spaltung weltweit zu. Während Menschen mit guten Einkommen und Vermögen von steigenden Gehältern und Renditen profitieren, können andere ihre Position nicht halten. Dabei kann beispielsweise eine Rolle spielen, dass Löhne für einfache Tätigkeiten sinken, anstatt zu steigen.

Insgesamt geht Armut weltweit aber zurück

Gleichzeitig räumt Oxfam allerdings ein, dass die extreme Armut weltweit zurückgeht. Beispielsweise „zwischen 1990 und 2010 wurde sie halbiert“, erklärte Ehmke. Trotzdem hätten 2015 noch 736 Millionen Menschen weltweit mit weniger als 1,90 Dollar zurechtkommen müssen. Dies gilt als Definition von extremer Armut. Fortschritt und Rückschritt liegen also nah beieinander. Gemessen am Armutsbegriff wird die Welt gerechter – was den Abstand von Arm und Reich betrifft wird sie allerdings ungerechter.

Die Organisation gibt Rechenfehler in der Vergangenheit zu. Vor dem WEF 2017 erklärte sie, dass die acht reichsten Personen der Erde so viel Vermögen besäßen wie die ärmeren 50 Prozent der Weltgesellschaft. Diese Zahl wurde inzwischen korrigiert. Nun waren es angeblich 49 Personen, nicht acht.

Frauen sind Oxfam zufolge stärker von sozialer Ungleichheit betroffen. Global würden sie im Durchschnitt 23 Prozent weniger verdienen als Männer. „Sie verfügen über weniger Vermögen, und sie sind seltener in politischen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen vertreten“, heißt es.

Um die Ungerechtigkeiten zu verringern, fordert Oxfam eine andere Politik. „Konzerne und Superreiche können sich weiterhin in vielen Ländern um ihren gerechten Steuerbeitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens drücken“, sagte Oxfam-Mitarbeiter Jörn Kalinski. „Dieses Geld fehlt, um in öffentliche Bildungs- und Gesundheitssysteme zu investieren.“ Die Regierungen und Parlamente müssten durchsetzen, dass reiche Privatpersonen und Firmen einen größeren Beitrag an die Gesellschaft zahlten.