Arbeitnehmer fallen im Job häufiger aus

Mehr Fehltage wegen Seelenleiden

Manfred Lütz

Manfred Lütz

Berlin. Jeder Zweite wird durch Lebenskrisen weniger leistungsfähig. Eine AOK-Studie kommt zu dem Ergebnis: Zwei Drittel der Betroffenen fühlten sich unzufrieden bei der Arbeit oder haben sich häufiger krank gemeldet.

Jeder zweite Arbeitnehmer hat sich wegen einer Lebenskrise in den vergangenen fünf Jahren im Beruf als weniger leistungsfähig erlebt oder ist krank zur Arbeit gegangen. Laut Fehlzeitenreport der AOK ist die Zahl der psychischen Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen – um 79,7 Prozent. Noch zu selten gingen Unternehmen laut dem Bericht auf die Sorgen und Nöte ihrer Mitarbeiter ein.

Der Krankenstand ist mit 5,3 Prozent im Vergleich zu 2015 gleich geblieben. Im Schnitt haben Arbeitnehmer im vergangenen Jahr an 19,4 Tagen gefehlt. Je Krankheitsfall dauerten die Ausfallzeiten bei psychischen Erkrankungen im Schnitt 25,7 Tage, bei körperlichen Erkrankungen waren es 11,7 Tage.

Unter den 2000 Beschäftigten zwischen 16 und 65 Jahren, die die Krankenkasse befragt hat, gaben 53,4 Prozent an, wegen einer krisenhaften Situation im Berufsleben eingeschränkt gewesen zu sein. Zwei Drittel der Betroffenen fühlten sich unzufrieden bei der Arbeit oder haben sich häufiger krank gemeldet.

Als Lebenskrisen gelten etwa schwere Erkrankungen in der Familie, belastende Konflikte im Privaten, die Trennung vom Partner oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Streit oder Mobbing am Arbeitsplatz kommen erst an fünfter Stelle unter den Situationen, die eine Lebenskrise auslösen können.

Unterschiede zwischen Jung und Alt

Während jüngere Menschen eher unter Konflikten oder stressigen Situationen am Arbeitsplatz leiden, kommen bei älteren Menschen naturgemäß häufiger Belastungen durch schwere Erkrankungen oder den Tod des Ehepartners vor. Immerhin 80 Prozent der Befragten haben ihre Lebenskrise gegenüber Arbeitskollegen, fast die Hälfte sogar gegenüber seinem direkten Vorgesetzten zum Thema gemacht. Dies war besonders bei Beschäftigten der Fall, die ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef haben. Stand der Arbeitgeber mit Rat und Tat zur Seite, konnte sich das Arbeitsverhältnis nach der Krise sogar verbessern.

„Kritische Lebensereignisse bei Beschäftigten können ein ,Stresstest' für die Stabilität der beiderseitigen Beziehung zwischen Unternehmen und Mitarbeiter sein“, sagte Helmut Schröder, Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AOK. Hilfen können in Gesprächen und verstärkter Rücksichtnahme bestehen, manchmal ist auch der vorübergehende Wechsel zu flexiblen Arbeitszeiten oder Teilzeit notwendig.

Kleine Firmen haben Nachholbedarf

Betriebliche Gesundheitsangebote sind mit 8,5 Prozent der angebotenen Hilfen noch nicht in allen Betrieben Alltag. „Vor allem kleine Firmen haben Nachholbedarf“, so Schröder. Aufgrund der alternden Gesellschaft müssten Arbeitgeber künftig verstärkt damit rechnen, dass ihre Mitarbeiter krisenhafte Lebenssituationen zu bewältigen haben.

Größere Unternehmen wie etwa die Deutsche Bahn bieten bereits in der Ausbildung verpflichtende Seminare für ihr Zugpersonal an. Ein bis zwei Mal in seinem Berufsleben wird etwa ein Lokführer Zeuge eines Personenunfalls auf den Gleisen. Meist handelt es sich dabei um Selbsttötungen. Die Deutsche Bahn bietet umfassende Betreuungsangebote an. Die meisten Menschen in Deutschland sind allerdings in deutlich kleineren, mittelständischen Unternehmen beschäftigt. Hier schlägt die AOK vor, sich mit anderen Unternehmen zu vernetzen und gemeinsame Angebote zu machen.