Weltgrößtes Schausteller-Treffen im WCCB

Kirmes in Zeiten von Terroranschlägen

Bonn. Das 650. Jubiläum von Pützchens Markt steht kurz bevor. Im GA-interview spricht der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes nach dem Anschlag von Berlin über die neuen Herausforderungen der Kirmes-Branche.

Das größte Schaustellertreffen weltweit findet in diesem Jahr in Bonn statt. Ab Donnerstag treffen sich rund 1000 Schausteller und Gäste aus Politik, Verwaltung und Verbandswesen im World Conference Center, um die Weichen für die berufliche Zukunft des Schaustellergewerbes und der Volksfeste in Deutschland zu stellen. Mit dem Präsidenten des Deutschen Schaustellerbundes Albert Ritter sprach vorab über aktuelle Entwicklungen der Branche.

Herr Ritter, Weihnachtsmärkte machen für Schausteller mittlerweile ein Viertel des Umsatzes aus. Und der Rest?

Albert Ritter: Volksfeste wie die klassische Kirmes sind mit ihrer über 1200-jährigen Tradition immer noch das Hauptbrot der Schausteller. Weihnachtsmärkte haben sich nach und nach erst sehr stark entwickelt. Der Vorteil bei Weihnachtsmärkten ist zum einen der Standort: direkt in der Innenstadt. Volksfeste liegen auch mal etwas außerhalb. Dazu gehen Weihnachtsmärkte über vier oder fünf Wochen und die Leute haben mehr Geld zum Ausgeben, wenn sie ein 13. Monatsgehalt bekommen. Allerdings gibt es Weihnachtsmärkte nur im Dezember und Volksfeste im ganzen Jahr. Somit machen sie weiterhin den größten Teil des Umsatzes aus.

Wie viel ist das?

Ritter: Insgesamt setzt die Branche etwa 3,7 Milliarden Euro im Jahr um, rund 2,65 Milliarden Euro davon auf Volksfesten.

Deutsche Weihnachtsmärkte werden mittlerweile auch ins Ausland exportiert. Profitieren die deutschen Schausteller davon?

Ritter: Mir wäre es natürlich lieber, die Touristen kommen zu uns. Am schönsten ist doch das Original. Aber deutsche Weihnachtsmärkte sind tatsächlich bereits eine Marke im Ausland, das ist richtig – natürlich nur mit Bratwurst und Glühwein. Die Frankfurter Kongressgesellschaft zum Beispiel ist der Veranstalter des Deutschen Weihnachtsmarktes in London. Viele hiesige Schausteller reisen mittlerweile auch zu den rund 100 deutschen Weihnachtsmärkten weltweit – darunter nicht nur die Niederlande, Belgien und die Schweiz, sondern auch die USA. Das bedeutet für die Schausteller zusätzliche Termine und Verdienste. Das Nürnberger Christkindl zum Beispiel fährt einmal im Jahr nach Chicago.

Mit welchen Herausforderungen hat die Branche derzeit in Deutschland zu kämpfen?

Ritter: In Zeiten von Terroranschlägen, wie zuletzt auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, kommt mit dem Thema Sicherheit eine ganze Menge auf uns zu. Von uns Schaustellern wird jetzt viel erwartet und leider auch, dass wir die Kosten für mehr Sicherheit alleine tragen.

Von welchen Kosten sprechen Sie?

Ritter: Das reicht von zusätzlichen Sicherheitskräften, die uns vorgeschrieben werden bis hin zu Betonklötzen, die auf dem Boden installiert werden müssen, damit Autos oder Lkw das Gelände nicht passieren können.

Wie viel können solche Maßnahmen unter Umständen kosten?

Ritter: Da entstehen schnell Zusatzkosten von 60.000 bis 80.000 Euro pro Veranstaltung. Dazu steigen die Gebühren für die Schausteller bei Veranstaltungen generell. Was viele nicht wissen: Aus der Kasse der Schausteller werden zum Teil Beamte vom Ordnungsamt gezahlt, die Sondertaktung von Buslinien bei Veranstaltungen, aber auch die Aufwandsentschädigungen der Freiwilligen Feuerwehr. Dabei verdienen an Volksfesten alle mit: nicht nur die Verkehrsbetriebe, Hotels und Metzger, sondern auch Taxifahrer und Energieversorger.

Was schlagen Sie vor?

Ritter: Gerade, was die Sicherheit angeht, sollte ein großer Teil des Geldes aus dem staatlichen Topf gezahlt werden. Schließlich sind Volksfeste öffentliche Veranstaltungen auf öffentlichen Plätzen und die Sicherheit ist auch im Interesse des Staates.