Agrarmesse

Internationale Grüne Woche in Berlin eröffnet

Verbraucherschutzminister Gerd Müller und Model Toni Garrn bei der Grünen Woche.

Verbraucherschutzminister Gerd Müller und Model Toni Garrn bei der Grünen Woche.

BERLIN. Der Auftakt der Grünen Woche bewegt sich zwischen Verbraucherschutz, Tierwohl und Digitalisierung.

Gerd Müller hat gerade „fair“ gefrühstückt. Lebensmittel, sauber produziert, niemand ausgebeutet, Tierwohl beachtet. Schöne heile Welt. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus. Oft fehlt es Verbrauchern an Zeit, Geld oder Wissen, um so zu essen wie der Bundesminister für Entwicklungszusammenarbeit am Eröffnungstag der Internationalen Grünen Woche in Berlin. Nur hat der CSU-Politiker bei allem, was er tut, auch die Brille der Dritten Welt auf, wo er Kinder mit Hungerbäuchen und untragbare Bedingungen bei der Produktion von Kakao, Kaffee oder Baumwolle für Textilien kennt. Er mahnt: „Es darf nicht sein, dass wir weiterhin Güter nach Europa importieren, in denen ausbeuterische Kinderarbeit steckt.“ Und es darf nicht sein, dass in Deutschland, wo es Essen im Überfluss gibt, Umwelt und Tiere gnadenlos ausgebeutet werden. Damit wird Müllers Kabinettskollegin, Agrar- und Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), auf der Grünen Woche konfrontiert. Alles eine grundsätzliche, finanzielle und ethische Frage: Was ist wirklich fair?

Bewussterer Umgangmit Nutztieren

Das Fotomodell Toni Garrn ist mit Müller mitgekommen. Die Frau isst kein Fleisch. Zum Ausgleich verzehrt sie Insekten. „Das ist eine Super-Protein-Source“, sagt sie an einem Stand mit Heuschrecken, Mehlwürmern und Grillen. Gut sieben Milliarden Menschen Weltbevölkerung könne man „nicht über Fleisch, Fleisch, Fleisch“ ernähren, sagt Müller. Das ist auch nicht nötig. Denn immer mehr Menschen in Deutschland wollen bewussteren Konsum von Fleisch. Vielen ist es nicht mehr egal, wie das Tier vor seinem Tod gelebt hat. Sie möchten mit gutem Gewissen, Schweine-, Rindfleisch- oder Hühnerfleisch essen. Die Supermarktketten Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe wollen ab 1. April Packungsaufdrucke mit der Aufschrift „Haltungsform“ in die Läden bringen. Das von Klöckner geplante staatliche Tierwohllabel wird wohl erst 2020 starten. Die Verbraucher regeln gerade selbst den Markt: Sie greifen im Supermarkt nach Fleisch, das nicht aus Massentierhaltung kommt.

Der Trend zum bewussteren Umgang mit dem Nutztier spiegelt sich auch durch solche Stände auf der Grünen Woche wider: Ein Jahr haben sich Chefköche und Forscher eines Lebensmittelkonzerns an einem neuartigen Burger versucht. Er ist zu 100 Prozent pflanzlich – aus Sojaeiweiß, Weizeneiweiß, Raps- und Kokosnussöl und Roter Beete. Die Zielgruppe: die sogenannten „Flexetarier“, Menschen also, die weniger Fleisch essen, aber nicht auf den Geschmack verzichten wollen. Der Markt dafür ist in Europa und Nordamerika groß. Nichts für Afrika, nichts für die arme Welt.

In Deutschland gibt es derart viele Marken und Produkte, dass Verbraucher den Überblick verlieren, erst recht darüber, was im Essen drin ist. Zu viel Fett, zu viel Zucker, zu viele, zu ungesunde Kalorien. Die Krankenkassen beklagen hohe Kosten wegen der Folgen von Übergewicht und Diabetes – zunehmend auch bei Kindern. Verbraucherschützer fordern deshalb eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln. Der Geschäftsführer der Organisation Foodwatch, Martin Rücker, sagt unserer Redaktion: „Was den Bürgerinnen und Bürgern wirklich helfen würde, weniger nach zuckerhaltigen und fetten Produkten zu greifen, wäre eine verständlichere Kennzeichnung der Waren, eine Lebensmittelampel.“ Klöckner hingegen findet, die Ampel würde Menschen in die Irre führen. Die Ernährungsministerin will bis zum Sommer Vorschläge für eine deutlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln vorlegen – immerhin auf der Vorderseite der Produkte.

Und dann ist da noch die Digitalisierung. Für die Bauern ein Riesenthema, ebenso für die Ministerin und die Kanzlerin. Angela Merkel sagt beim Treffen mit Agrarministern aus aller Welt: „Roboter können ziemlich viel in den Ställen. 2025 wird jede zweite Kuh – in Westeuropa zumindest – von einem Roboter gemolken.“

5G tatsächlich an jeder Milchkanne? Ja, unbedingt, sagen die Landwirte. Wer hat noch ein gutes Gefühl, wenn Bauern auf Feldern Gift spritzen, um Unkraut und Schädlinge zu vernichten? Sollte die Technik so ausgefeilt werden, dass darauf verzichtet werden kann, weil eine schnelle Arbeit durch eine präzise gesteuerte Ackerhacke das Gift ersetzt, freuen sich nicht nur Biobauern. Bei aller Digitalisierung müsse aber berücksichtigt werden, dass das immense Datenvolumen auch in jedem kleineren Betrieb beherrschbar bleibe. Letztlich werde es weiter auf den Landwirt, sein Herz und seinen Verstand ankommen, sagt der Agrarexperte der Grünen, Biobauer Friedrich Ostendorff. Er erinnert an seine Großmutter. „Das Auge des Herrn mästet das Vieh“, habe die gläubige Bäuerin immer gesagt, erzählt Ostendorff. Und das gelte auch heute noch. Auch das ist eine Frage der Fairness.