Wirtschaftswachstum

Indien wächst weltweit am stärksten

Viele Inder mussten sich wochenlang ohne Bargeld durchschlagen: Um gegen Korruption vorzugehen, erklärte die indische Regierung die 500- und 100- Rupie-Scheine für ungültig.

Viele Inder mussten sich wochenlang ohne Bargeld durchschlagen: Um gegen Korruption vorzugehen, erklärte die indische Regierung die 500- und 100- Rupie-Scheine für ungültig.

Bangkok. Das asiatische Land Indien liegt im weltweiten Vergleich des Wirtschaftswachstums immer noch auf Platz eins. Die jüngste Bargeldreform brachte jedoch Jobverluste und Leid.

Indien bleibt mit seinem Wirtschaftswachstum vorerst die Nummer Eins in der Welt. Das zumindest verheißen die neuesten Wachstumszahlen des der Regierung unterstehenden „Central Statistical Office“ (CSO). Laut Dienstagnachmittag veröffentlichten Zahlen verzeichnete das Land in den letzen drei Monaten des vergangenen Jahres ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von sieben Prozent – trotz der „Demonetarisierung“, in deren Rahmen die Regierung von Premierminister Narendra Modi über 500 und 1000 Rupie-Scheine ungültig erklärte und 86 Prozent der Währung vom Markt nahm. Arvind Subramanian, der oberste Wirtschaftsberater der Regierung in Delhi, kippte freilich bereits vor der Verkündung einen Wermutstropfen in das rosige Bild der hindunationalistischen Regierung: „Die offiziellen Wachstumszahlen reflektieren wahrscheinlich nicht das wirkliche Leid, das Indiens informeller Sektor wegen der Demonetarisierung erlebte. Neun von zehn Indern sind in diesem Bereich beschäftigt.

Laut der Modi-Regierung soll aber auch diese Pein bald vorüber sein. „Ab April wird die Wirtschaft wieder deutlich anziehen, hieß es in einer Erklärung des Finanzministeriums in Delhi. Die CSO prognostiziert für das komplette Finanzjahr, dass Ende März 2017 endet, ein Gesamtwachstum von 7,1 Prozent. Vor einem Jahr waren noch 7,4 Prozent angestrebt.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut dem Subkontinent freilich nur 6,6 Prozent Wachstum zu. Der Missionschef für Indien Paul A. Cashin hatte Modis Entschluss, die Banknoten über Nacht aus dem Verkehr zu ziehen, als „Staubsauger“ bezeichnet, der Bargeld auffresse und nur langsam wieder ausspucke. Allerdings würde Indien, derzeit Asien drittgrößte Wirtschaft, auch mit 6,6 Prozent immer noch knapp vor China liegen. Viele Inder schenken nach Monaten der Entbehrungen den rosigen Prophezeiungen Delhis nur wenig Glauben. Wochenlang mussten sie stundenlang anstehen, um ihre Bargeldvorräte vor dem Verfall zu retten. Außerhalb der Städte waren Kleinbauern und Tagelöhner wochenlang gezwungen, sich bargeldlos durchzukämpfen. Viele Inder verloren ihre Jobs, weil ihre Unternehmen sie mangels Geld nicht bezahlen konnten. „Die Demonetarisierung löste ein völliges Umdenken bei den Leuten aus, sagt ein Unternehmer, der sich gar an Jahrzehnte spartanischer Sparsamkeit vor der Wirtschaftsliberalisierung Anfang der 90er Jahre erinnert fühlte, „plötzlich will jeder nur noch Geld für Dinge ausgeben, die unbedingt nötig sind. Manche Firmen verzeichneten Umsatzeinbußen von 50 Prozent oder mehr. „Selbst wenn die Lage sich wieder verbessert“, sagt Ravi Jain, dessen Firma Badewannenarmaturen produziert, „niemand weiß, wie lange die Kundschaft lieber auf ihrem Geld sitzenbleiben will.

Anhänger der regierenden hindunationalistischen „Bharatiya Janata Party“ feiern Modis „Demonetarisierung“ als wichtigen Schritt im Kampf gegen Korruption. Aber das Ziel, Schwarzgeld auszuräuchern, scheint verfehlt worden zu sein. Jedenfalls legen Zahlen nahe, dass die Millionen, die daheim in Kopfkissen versteckt worden waren, mit gewissen Abschlägen umgetauscht worden sind. Selbst Regionalpolitiker in Indiens Bundesstaaten, die Anfangs um ihren Wahlkampfkassen gefürchtet hatten, scheinen auf keine Umtauschprobleme gestoßen zu sein.

So muss Premierminister Modi gegenwärtig eine Art Volksabstimmung über seine „Demonetarisierung“ bei der Regionalwahl gegen selbstbewusstere Regionalparteien bestehen, die er eigentlich schwächen wollte.