Neue Kunden im Visier

Commerzbank will expandieren

Die Commerzbank durchläuft einen großen Umbau. Das Geschäft ist nun in eine Privat- und eine Firmenkundensparte gegliedert. Mit Michael Reuther, im Vorstand für das Firmenkundengeschäft zuständig, sprach Claudia Mahnke.

Schläft man als Bankmanager, der für das Firmenkundengeschäft zuständig ist, in diesen Niedrigzinszeiten noch gut?

Michael Reuther: Ja. Herausforderungen gibt es im Bankgeschäft immer. Jetzt sind es die Zinsen, geopolitische Unsicherheiten oder die Regulierung. Wichtig ist, dass man im Vergleich zu den relevanten Wettbewerbern gut durchkommt. Dann kann man gut schlafen.

Der Internationale Währungsfonds IWF hat vor einigen Monaten ein Drittel der europäischen Banken für nicht überlebensfähig erklärt. Ist das eine Dimension, die sie nachvollziehen können?

Reuther: Das ist schwierig zu sagen. Es gibt sicherlich in einigen Staaten noch Banken, die mit deutlich mehr Eigenkapital ausgestattet werden müssen. Auf ein Drittel würde ich mich nicht festlegen.

Warum wird die Commerzbank zu den überlebenden zwei Dritteln zählen?

Reuther: Weil wir eine topsolide Kundenbasis haben, sowohl im Privatkunden- als auch im Firmenkundengeschäft. Wir wachsen in beiden Bereichen seit Jahren. Und wir wollen bei der Digitalisierung der Gewinner sein, weil wir 80 Prozent der Vorgänge in der Bank digitalisieren. Das wird der Kunde spüren.

Woran?

Reuther: Alle Entscheidungen werden schneller gehen. Das ist ja zum Beispiel bei Kreditzusagen sehr wichtig. Gegenüber dezentral aufgestellten Bewerbern werden wir schneller sein, weil wir Initiativen und Prozesse bundesweit ausrollen können. Im vergangenen Sommer haben wir entschieden, uns nicht von der Digitalisierung treiben zu lassen, sondern sie selbst zu gestalten.

Dafür sind erst einmal hohe Investitionen nötig.

Reuther: Es geht um 700 Millionen Euro Investitionen in Digitalisierung und unsere IT pro Jahr. Das wird sich mittelfristig auszahlen.

Warum hat sich die Commerzbank vom Begriff Mittelstandsbank verabschiedet?

Reuther: In der Firmenkundenbank betreuen wir nicht nur Mittelständler, sondern auch viele Großkunden und Konzerne. Deshalb ist der Begriff Mittelstandsbank nicht mehr angemessen, auch wenn wir weiterhin die Bank für den Mittelstand bleiben werden. An unserem Bekenntnis zum Mittelstand hat sich nichts geändert.

Gleichzeitig wollen sie aber künftig stärker mit kleineren Mittelstandskunden ins Geschäft kommen?

Reuther: Ja, das ist richtig. Wir wollen bei Mittelständlern mit einem Umsatz von 15 Millionen bis 100 Millionen Euro unseren Marktanteil deutlich ausbauen. Im Moment sind wir Nummer zwei oder drei. Über 100 Millionen Umsatz sind wir ja schon Marktführer.

Warum halten sich die deutschen Unternehmen bei der Kreditnachfrage zurück, obwohl die Konjunktur gut läuft?

Reuther: Das ändert sich erfreulicherweise gerade. Schon im vergangenen Jahr ist die Kreditnachfrage angestiegen. Das stärkere Wachstum in der Eurozone fördert Investitionen. Außerdem denken viele Unternehmen, dass jetzt die Zinswende gekommen ist, und wollen sich zu günstigen Zinskonditionen eindecken. Deshalb haben wir ja unser Sechs-Milliarden-Euro-Kreditpaket angestoßen.

Die meisten neuen Firmenkunden kommen aus Bonn und Köln

Die Zeichen stehen auf Expansion?

Reuther: Auf jeden Fall. Wir wollen Marktanteile gewinnen. Nordrhein-Westfalen ist sowieso das Herzstück der Commerzbank im Firmenkundengeschäft. Bei der Neukundengewinnung pro Mitarbeiter sind Bonn und Köln aktuell bundesweit führend. Deshalb spielt die Region eine wichtige Rolle bei der Wachstumsstrategie der Bank. Wir wollen ja bundesweit in den nächsten vier Jahren mehr als 10 000 neue Kunden im Firmenkundengeschäft gewinnen.

Gleichzeitig werden Stellen im Firmenkundengeschäft abgebaut.

Reuther: Digitalisierung wird zu Effizienzgewinnen führen. Der Firmenkundenbetreuer wird so von administrativen Aufgaben entlastet und kann sich so noch stärker auf seine Kunden konzentrieren.

Mitarbeiter befürchten, dass es sich um 20 bis 25 Prozent der 5700 Stellen im Firmenkundengeschäft handelt. Können Sie sie beruhigen?

Reuther: Ich bitte um Verständnis, dass wir noch über keine Zahlen sprechen, weil wir gerade erst die Gespräche mit Arbeitnehmervertretern begonnen haben.

Welchen Stellenwert hat das Investmentbanking heute noch für die Commerzbank?

Reuther: Kapitalmarktprodukte und die Beratung sind wichtige Lösungen für unsere Firmenkunden. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Es werden zum Beispiel keine exotischen Derivate mehr angeboten.

Die Commerzbank ist gemessen an der Bilanzsumme nicht mehr die zweitgrößte Bank in Deutschland, sondern nur noch die viertgrößte. Was heißt das für das Renommee?

Reuther: Das spielt gar keine Rolle. Die Bilanzsumme ist kein Maßstab für den Erfolg einer Bank. Für uns ist das Volumen des Geschäfts mit Kunden entscheidend. Hier werden wir weiter wachsen.

Commerzbank beteiligt sich an Start-up

Wie entwickelt sich „Main Funders“, die von der Commerzbank 2016 vorgestellte Kreditplattform, auf der Kunden und Kreditgeber privat zusammenfinden?

Reuther: Da sind wir weiterhin in der Testphase. Die Qualität der Kreditnehmer und die Renditeerwartungen der Kreditgeber passen manchmal nicht zusammen. So ist es in der Start-up-Szene: Ein paar Ballons fliegen schneller, andere langsamer. Wir sind zum Beispiel seit vergangenem Jahr an einem Start-up namens Bilendo beteiligt, das die Liquidät von Unternehmen optimiert und das gesamte Mahnwesen automatisiert. Bilendo hat gerade erst den renommierten FinTech des Jahres-Awards in der Kategorie Early Stage gewonnen.

Was unterscheidet die Region Köln/Bonn im Bankgeschäft von anderen Teilen Deutschlands?

Reuther: Die Region Köln/Bonn ist sehr international. Auch das Mediengeschäft spielt hier eine große Rolle. Wir haben zum Beispiel die Filme „Das weiße Kaninchen“ und „Toni Erdmann“ finanziert. Es gibt hier auch eine interessante Start-up-Szene. In Berlin haben wir „#openspace“, wo Mittelständler zusammen mit Start-ups an Digitalisierungsprojekten arbeiten. Das könnten wir uns auch bald für das Rheinland vorstellen.