Interview mit NRW-Umweltministerin

"Binnenschiffe müssen wie Diesel-Pkw umgerüstet werden"

Binnenschiffe liegen im Hafen in Niehl. In Köln stammen 20 Prozent der Stickoxid-Emissionen aus der Schifffahrt.

Binnenschiffe liegen im Hafen in Niehl. In Köln stammen 20 Prozent der Stickoxid-Emissionen aus der Schifffahrt.

Düsseldorf. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser spricht im GA-Interview über Wege zur Vermeidung von Fahrverboten und die Gefahr von Mikroplastik

Es müsse Geld in die Hand genommen werden, damit die Binnenschifffahrer Anreize bekommen, ihre Motoren zu modernisieren, fordert NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser im Interview. Die Fragen stellte Christian Schwerdtfeger.

Gibt es noch Alternativen zu Fahrverboten?

Ursula Heinen-Esser: Selbstverständlich, Fahrverbote können unter der Maßgabe der Verhältnismäßigkeit nur die Ultima Ratio sein. Vom Autoverkehr bis zum Zugfahrplan - das Paket der Maßnahmen ist vielfältig. Die Bezirksregierungen arbeiten derzeit mit Hochdruck an den Fortschreibungen der Luftreinhaltepläne und prüfen Maßnahmen und Potenziale. Und ja, dabei müssen wir auch neue Ansätze finden, um die Emissionen zu reduzieren. Neben dem Pkw müssen wir auch andere Emittenten, zum Beispiel die Binnenschifffahrt, stärker in den Blick nehmen.

Also auch Fahrverbote für alte Binnenschiffe?

Heinen-Esser: Nein. Man muss sie, wie Diesel-Pkw auch, umrüsten. Damit kann man die Stickoxid-Emissionen der Schiffsmotoren um bis zu 70 Prozent reduzieren. Und das müssen wir auch. In Köln etwa stammen 20 Prozent der Stickoxid-Emissionen aus der Schifffahrt, in Düsseldorf sogar 30 Prozent. An der Messstelle Corneliusstraße stammen immerhin noch sieben Prozent der Stickstoffdioxid-Konzentration aus dem Schiffsverkehr. Wir als Land NRW fordern daher, dass Geld in die Hand genommen wird, um den Binnenschifffahrern Anreize zu schaffen, ihre Motoren zu modernisieren. Wir brauchen eine Ausweitung der bestehenden Umrüstprämien für Binnenschiffer. Zu dem Thema werden wir auf der anstehenden Umweltministerkonferenz einen entsprechenden Antrag einbringen.

Meinen Sie, die Binnenschifffahrt wäre dazu bereit?

Heinen-Esser: Ich werde das in Kürze mit Vertretern der Binnenschifffahrt besprechen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das positiv sehen. Aber wie gesagt: Der Umstieg muss sich für sie über die Jahre gerechnet lohnen. Schiffe sind wichtige Transportmittel. Und sie sind von uns auch umweltpolitisch gewollt. Wir sehen derzeit, wie die Schifffahrt durch die niedrigen Wasserstände massiv beeinträchtigt ist, teils mit gravierenden Folgen.

Nicht nur die Luft ist schlecht. Das Thema Mikroplastik ist in aller Munde. Wie betroffen ist der Rhein?

Heinen-Esser: Wir finden Mikroplastik überall: in Meeren und Fließgewässern, in Gewässerorganismen - aber auch in Böden oder im Menschen. Ein Pilotprojekt mit fünf Bundesländern hat im vergangenen Jahr gezeigt: Rund 99 Prozent der in den untersuchten Binnengewässern gefundenen Kunststoffpartikel waren kleiner als fünf Millimeter. Im Rhein wurden eher niedrige bis mittlere Konzentrationen gefunden. Fakt ist: Mikroplastik beeinträchtigt zunehmend unsere Gewässerqualität.

Wie gefährlich ist Mikroplastik?

Heinen-Esser: Wir stehen in der Erforschung von Mikroplastik, dessen Eintragswege und dessen Wirkungen noch ganz am Anfang. Daher gibt es auch noch keine validen Studien zu dem Thema, obwohl alle darüber sprechen. Das ist ein großes Versäumnis. Wir müssen diese Wissenslücken schließen, um darauf aufbauend agieren zu können - im Schulterschluss mit den Aktivitäten auf Bundes- und EU-Ebene. Daher werden wir das Thema im Rahmen der Umweltministerkonferenz erneut deutlich zur Sprache bringen.