Interview DocMorris

„Wir haben keinen Steuervorteil“

Bonn. Die Versandapotheke DocMorris verwahrt sich gegen den Vorwurf, ihre Rabatte mit Tricks zu finanzieren. Was Vorstandsmitglied Max Müller auch sonst noch von Gesetzesplänen in der Bundesregierung hält, sagt er in diesem Interview.

Seit 14 Jahren ist der Arzneimittel-Versandhandel und damit DocMorris in Deutschland gesetzlich erlaubt. In dieser Zeit haben sich immer wieder Gerichte bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof mit der Frage beschäftigt, ob DocMorris deutsches Recht verletzt und deutsches Recht europakonform ist. Mit Max Müller, Mitglied des Vorstandes bei DocMorris, sprach Matthias von Arnim.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die bislang in Deutschland geltende Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneien für Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland aufgehoben. Apotheken in Deutschland dagegen dürfen keine Rabatte geben. Haben die europäischen Richter den Wettbewerb zu Gunsten ausländischer Versandapotheken verschoben?

Max Müller: Im Gegenteil. Es ging darum, einen Wettbewerbsnachteil für Versandapotheken auszugleichen. Das hat der EuGH in seinem Urteil deutlich betont.

Welchen Wettbewerbsnachteil?

Müller: Im Gegensatz zu uns können die Apotheken mit ihrer Präsenz und dem Service vor Ort um die Kunden werben.Wenn wir Kunden gewinnen wollen, müssen wir sie nicht nur im Internet erreichen, sondern auch motivieren, ihre Gewohnheiten zu ändern. Wenn sie bei uns im Internet etwas bestellen wollen, müssen sie erst einmal zum Briefkasten gehen, um das Rezept einzusenden. Mit der Möglichkeit, Boni auf verschreibungspflichtige Arzneimittel anbieten zu können, haben wir die Chance, potenzielle Kunden mit zu überzeugen.

Deutsche Versandapotheken haben diese Chance nicht.

Müller: Das kritisieren wir auch. Es sollte in diesem Punkt keine Rolle spielen, ob eine Versandapotheke in den Niederlanden oder in Deutschland residiert.

Statt Rabatte für alle zu erlauben, gibt es Bestrebungen in der Bundesregierung, den Versandhandel mit Arzneimitteln ganz zu verbieten. Verstehen Sie diese Reaktion?

Müller: Das kann man nur verstehen, wenn man unterstellt, dass es Politiker gibt, die sich nicht den Kunden, Patienten und Wählern verpflichtet fühlen, sondern lediglich einer kleinen, aber lauten Berufsgruppe.

Profitierten nicht gerade niederländische Versender, die nach Deutschland liefern, von den unterschiedlichen Steuerregelungen der beiden Länder?

Müller: Das wird gerne von der Apothekerlobby unterstellt. Durch die Wiederholung werden die ungerechtfertigten und nachweislich falschen Vorwürfe aber nicht wahrer. Wahr ist: Wir rechnen die Arzneimittel genau wie die deutschen Apotheken über die Apothekenrechenzentren mit den Krankenkassen ab. Der einzige Unterschied besteht darin, dass deutsche Apotheken selbst die hiesige Mehrwertsteuer an das zuständige Finanzamt abführen, also brutto abrechnen, während dies bei EU-ausländischen Versandapotheken netto erfolgt, da die jeweilige Krankenkasse die Steuer abführt. Fiskalisch sind damit beide gleichgestellt.

Wie finanzieren Sie die Rabatte?

Müller: Jedenfalls nicht mit einem Steuervorteil oder gar einem Trick. Wir geben von unserer Marge einen Teil an den Kunden ab.

Können Sie nicht Ihre Einkaufsmacht als Großhändler auch nutzen, um die Preise zu drücken?

Müller: Zunächst: Wir sind kein Großhändler, sondern eine Apotheke mit lediglich ein Prozent Marktanteil. Wir können keine Preise drücken, schon weil die Kassen und die Pharmaunternehmen die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente aushandeln. Darauf haben wir gar keinen Einfluss. Wir kaufen die Medikamente bei denselben Herstellern zu denselben Konditionen ein wie die deutschen Apotheken vor Ort. Der Spielraum für Boni ist in Deutschland deshalb eng beschränkt auf die gesetzlich festgelegte Apothekervergütung pro Medikament. Nur darum geht es bei der ganzen Preisdiskussion.

Die niedergelassenen Apotheker warnen davor, dass durch das EuGH-Urteil die flächendeckende Arzneimittelversorgung vor Ort in Gefahr geraten könnte, wenn die Online-Apotheken massiv mit Preisnachlässen werben. Gerade in ländlichen Gebieten müssten immer mehr Apotheken aufgeben, weil sie im Preiskampf nicht mithalten können.

Müller: Wenn es auf dem Land tatsächlich irgendwann einmal zu wenige Apotheken geben sollte, dann liegt das mit Sicherheit nicht an den Online-Apotheken, sondern an falschen Anreizen, die das System setzt.

Was meinen Sie konkret?

Müller: Das starre Preissystem bedeutet für Apotheker, dass ihr Umsatz und Gewinn fast ausschließlich von der Zahl der Ärzte in der Nähe abhängen, die Rezepte ausstellen. Da es in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern keine gesetzlich geregelten, regionalen Beschränkungen gibt, die dafür sorgen, dass die Bevölkerung auch flächendeckend mit Arzneimitteln versorgt wird, machen die Apotheker in Deutschland das aus ihrer Sicht Nachvollziehbare: Sie konzentrieren sich auf die Innenstädte. Mehr Ärzte und Laufkundschaft bedeuten eben mehr Gewinn. Und umgekehrt.

Eine flexiblere Preisgestaltung könnte hier helfen?

Müller: Es ist jedenfalls ein mögliches Instrument. Es gibt Erfahrungswerte. In Frankreich beispielsweise kämpfen die Apotheken in den Innenstädten auch preislich um die Kunden. Die Landapotheke ist in der Regel nicht im Preiswettbewerb, zumal der Preis nach oben zum Schutz der Patienten gedeckelt ist. Das schafft für Apotheker einen Anreiz, eine Filiale außerhalb der Metropolen zu betreiben.