Eine Bonner Post-Zustellerin berichtet

"Wir haben von Tag zu Tag mehr zu tun"

Hoch beladen sind die Fahrräder der Zusteller bei der Post. FOTO: DPA

Hoch beladen sind die Fahrräder der Zusteller bei der Post.

BONN. Anna Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist 28 Jahre alt und arbeitet seit acht Jahren als Briefzustellerin für die Deutsche Post in der Briefniederlassung Bonn. "Wir haben von Tag zu Tag mehr zu tun", berichtet sie.

Die Bezirke, für die ein Postbote zuständig ist, würden von Jahr zu Jahr größer. "In unserem Stadtteil wird auch noch viel gebaut", sagt Schmidt. Der Zuschnitt der Bezirke, für die ein Zusteller zuständig ist, würde jährlich neu angepasst. "Mit mir spricht aber niemand, wenn der Bezirk neu zugeschnitten wird", so Schmidt. Dabei könne sie doch am besten einschätzen, in welchen Straßen neue Häuser hinzukommen.

85 000 Brief- und Verbundzusteller beschäftigt die Deutsche Post bundesweit sowie 14 000 Paketzusteller. Besonders die Paketzusteller stehen derzeit im Fokus, da die Post neue Stellen nur noch in Tochtergesellschaften schafft. Ein Kernpunkt des Konflikts ist der Aufbau von 49 Regionalgesellschaften für die Paketzustellung. Dort arbeiten laut Post bundesweit mehr als 6000 Menschen. Bezahlt werden sie nicht nach dem Haustarif des Konzerns, sondern nach dem in der Regel niedrigeren Tarif des Speditions- und Logistikgewerbes. Auch in Bonn ist die Ausgliederung in vollem Gange: "In der DHL Delivery Bonn GmbH sind jetzt auch schon mehrere Hundert Zusteller beschäftigt", sagt Adrian Klein, Postreferent bei der Gewerkschaft Dpvkom.

Zu einem "Tag des Zustellers" ruft die Gewerkschaft Dpvkom für kommenden Samstag auf. "Wir wehren uns dagegen, dass die Arbeit des Zustellers aus Sicht des Arbeitgebers immer weniger wert sein soll", sagt Bundesvorsitzender Volker Geyer. Er hofft, dass sich an diesem Tag möglichst viele Menschen bei ihrem Zusteller für die geleistete Arbeit bedanken. An diesem Tag genau 125 Jahren, wurde die Dpvkom als Verband Deutscher Postassistenten in Berlin gegründet.

Die zum Beamtenbund gehörende Dpvkom ist neben Verdi die zweite Gewerkschaft bei der Post. Sie fordert in den Verhandlungen mit der Post einen Bemessungstarifvertrag: "Die Mitarbeiter sollten ein Mitspracherecht bei der Bemessung der Bezirke erhalten", sagt Klein. Für ältere Postbeschäftigte will die Gewerkschaft Zeitzuschläge. Ziel sei es, die Arbeitsmenge gerechter zu verteilen und zu gewährleisten, dass die Beschäftigten gesund bis zum Renten- oder Pensionsalter arbeiten können.

Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaft und Sozialpolitik am Rhein-Ahr-Campus Remagen der Hochschule Koblenz, sieht deutliche Parallelen zwischen dem Streik bei der Post und dem Streik der Piloten bei der Lufthansa: "In Wahrheit richtet sich der Streik gegen die Strategie der Arbeitgeber, Stellen in in Billigtöchter auszulagern." Betriebswirtschaftlich habe der Arbeitgeber jeweils recht, aber volkswirtschaftlich mache die Strategie keinen Sinn. Er vergleicht die Situation der Arbeitnehmer mit einem Besucher in der Oper, der ganz hinten sitzt, nichts sehen kann und deshalb aufsteht. "Wenn alle anderen vor ihm auch aufstehen, dann gibt es wieder das gleiche Problem und noch ein zusätzliches, denn alle müssen die gesamte Zeit stehen statt sitzen." So sei das auch mit den Lohnsenkungen. Die Post argumentiert, dass die Wettbewerber wesentlich niedrigere Löhne zahlen.

"Ich kann es nachvollziehen, dass die Arbeitnehmer sich gegen die Pläne der Post wehren", sagt Sell. Doch die Gewerkschaften seien in einer schwierigen Position, da sich der Konflikt eigentlich nicht um das Thema drehe, über das verhandelt wird. Ein längeres Grundsatzverfahren sei absehbar.

Eine Möglichkeit, die Lohnspiralen nach unten zu durchbrechen, sieht Sell darin, mehr Tarifverträge als bisher durch die Tarifpartner für allgemeinverbindlich erklären zu lassen. Für allgemeinverbindlich erklärte Tarifverträge gelten auch für nicht tarifgebundenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Als Beispiel dafür nennt er den Einzelhandel, wo das bis zum Jahr 2000 so gewesen sei: "Es war eine sehr stabile Branche." Sell plädiert dafür, die Schwellen, ab wann Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden können, abzusenken. Bisher war für die Allgemeinverbindlicherklärung der Nachweis nötig, dass mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmer des Wirtschaftszweigs in einem tarifgebundenen Betrieb arbeiten. Dieser Wert müsse seiner Ansicht nach sinken.

Ultimatum von Verdi

Im festgefahrenen Tarifkonflikt bei der Deutschen Post drohen unbefristete Streiks. Die Gewerkschaft Verdi will die Verhandlungen für gescheitert erklären, wenn die Post ihr Angebot bis heute um 16 Uhr nicht annimmt. Das beschloss gestern die Tarifkommission. Verdi hatte den Arbeitgebern am Vortag ein Angebot gemacht. Im Gegenzug für eine Rückkehr ausgegliederter Paketzusteller in den Haustarifvertrag will sie für dieses Jahr auf eine lineare Lohnerhöhung verzichten. Dafür fordert sie aber eine Einmalzahlung und ein Lohnplus von 2,7 Prozent in 2016. Die Post hatte den Vorschlag als Mogelpackung bezeichnet.