Die Autoschlangen im Berufsverkehr nehmen zu

Was Städte gegen den Stau tun können

Leidgeprüfte Autofahrer: Stau auf der Rheinuferstraße in Köln-Deutz.

Leidgeprüfte Autofahrer: Stau auf der Rheinuferstraße in Köln-Deutz.

Berlin. Verschwendete Lebenszeit: Fast drei Tage pro Jahr stehen durchschnittliche Autofahrer in Köln im Stau. Mit 69 Stunden ist die Stadt am Rhein damit Stillstand-Sieger in Deutschland.

Dicht auf folgten 2014 Stuttgart, Karlsruhe und Düsseldorf. Im deutschen Durchschnitt verbringen die Autofahrer allerdings nicht ganz so viel nutzlose Zeit in ihren Fahrzeugen, hat die Verkehrsinformationsfirma Inrix ermittelt: nur anderthalb Tage pro Jahr.

Der Autoverkehr hierzulande nimmt zu - und damit wachsen auch die Staus. Wissenschaftler im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums bilanzierten, dass der motorisierte Individualverkehr 2014 um 1,4 Prozent zunahm. Für dieses Jahr rechnen sie mit einem Plus von 1,7 Prozent.

Denn neuerdings ballen sich die Ursachen. Eine davon ist die gute Wirtschaftsentwicklung. Weil mehr Menschen arbeiten und Geld verdienen, sind zusätzliche Wege zu erledigen. Mehr Personen leisten sich einen Wagen. Außerdem spielen weitere Faktoren eine Rolle, wie Michael Schreckenberg, Verkehrswissenschaftler der Universität Duisburg-Essen, weiß: "Es kommen zusätzliche Zuwanderer nach Deutschland, und der Verkehr aus dem Ausland wird stärker. Hinzu tritt eine ausgeweitete Bautätigkeit, um beispielsweise marode Brücken zu sanieren."

Viele Straßen in den Großstädten können nicht mehr ausgebaut werden. Es ist einfach kein Platz vorhanden. So stellt sich die Frage: Was tun Kommunen sonst, um den wachsenden Verkehr zu lenken?

Mehr Busse und Bahnen: Wer öffentlichen Personennahverkehr nutzt, muss nicht mit dem Auto fahren. Aber hat der ÖPNV auch eine ausreichende Qualität? Wissenschaftler Schreckenberg: "Heute ist das Grundangebot oft armselig. In manchen Ruhrgebietsstädten fallen viele Verbindungen aus, weil die Fahrzeuge wegen Geldmangels nicht schnell genug repariert werden. Die kommunalen Verkehrsunternehmen müssten dringend die Qualität ihrer Dienstleistungen steigern."

Kürzere Taktzeiten auf bestehenden Linien können ebenfalls dazu beitragen, Autofahrer in die Busse und Bahnen zu locken. Außerdem spielt das Preissystem eine Rolle. Oftmals ist es unattraktiv, weil gerade Tickets für kurze Strecken zu teuer sind. Abhilfe könnte hier etwa ein Vorhaben des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr schaffen. Statt Standardfahrscheine zu kaufen, könnten Passagiere künftig die tatsächlich gefahrenen Kilometer per Smartphone abrechnen und so Geld sparen.

Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten: Rund 240 000 Pendler kommen werktäglich von außen in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf, weiß das dortige Amt für Verkehrsmanagement. Um die Autolawine etwas einzudämmen, hat man ein "kostenloses Internetportal für die Bildung von Fahrgemeinschaften" gegründet. Wer regelmäßig Plätze in seinem Wagen frei hat, findet auf diese Art Mitfahrer. Unter der Internetadresse pendlerportal.de gibt es eine ähnliche Dienstleistung für zahlreiche deutsche Städte und Landkreise.

Besseres Car- und Radsharing: Manche Arbeitspendler wollen auf den eigenen Wagen nicht verzichten, obwohl sie aus dem Vorort mit der Bahn schnell in die Stadt kämen. Der Grund: Auch tagsüber müssen sie flexibel sein, finden für die schnelle innerstädtische Mobilität aber kein bequemes Angebot. Hier kann das kurzfristige Mieten von Autos oder Rädern helfen. Die Münchner Stadtverwaltung will deshalb die Zahl der Parkplätze für Carsharing-Fahrzeuge zur Kurzzeit-Miete erhöhen - auf Kosten normaler Abstellflächen. Ein Carsharing-Auto ersetze drei Privatwagen, hat unlängst die Technische Uni Dresden in einer Studie für die Stadt München ermittelt.

Denselben Zweck erfüllen Fahrräder, die man an öffentlichen Stationen im Stadtgebiet spontan entleihen kann. So plant der Berliner Senat das Netz der Stationen auszubauen. Hamburg will sein Angebot der sogenannten Stadträder um 25 Prozent erhöhen.

Parkraum-Bewirtschaftung: Viele Kommunen gehen dazu über, die Parkplätze in den Innenstädten zu verknappen und kostenpflichtig zu machen. Das soll die Autofahrer, die von außen kommen, motivieren, über andere Beförderungsmöglichkeiten nachzudenken. "Parkraumbewirtschaftung kann dazu beitragen, dass Pendler eher den öffentlichen Nahverkehr nutzen", sagt Städtetag-Geschäftsführer Stephan Articus. München und Köln sind in dieser Hinsicht schon recht weit. Die Hauptstadt habe dagegen Nachholbedarf, so Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin: "In großen Teilen des Berliner S-Bahn-Rings existiert heute keine Bewirtschaftung des Parkraums." Dies sind nur einige der Ideen, um die Straßensituation in den Ballungsräumen zu entspannen. Trotzdem meint Verkehrswissenschaftler Knie: "In den Ballungsräumen passiert zu wenig, um den wachsenden Autoverkehr zu bewältigen. Wir brauchen einen verkehrspolitischen Aufbruch, der gegenwärtig jedoch auf sich warten lässt."