GA-Serie "Bonn macht erfinderisch" - Folge 10

Von kreativ-schüchtern bis offen

Bonn. Mehr als nur ein Lebensgefühl: Was bietet die Start-up-Szene von Bonn und der Region im Bereich Lifestyle? Ein Rundgang erkundet die kreative Seite Bonns.

Jede Stadt hat ihr ganz besonderes Flair. Ihren Lebensstil. London ist cool. Berlin hip. Paris chic. München elegant. Und Bonn? Bundesstadt. Beethovens Geburtsstätte. Behördensitz. „Bonn ist kreativ-schüchtern“, sagt Andrew Triebe nach einem kurzen Moment des Überlegens. Der 35-Jährige ist Mitbegründer und Organisator des Designmarktes „Strich & Faden“.

Die Veranstaltung in der Kunstgalerie „Fabrik 45“ bringt junge Textildesigner, Modelabels, Fotografen und Illustratoren aus Bonn und der Region zusammen und gibt ihnen eine Plattform für ihre Arbeiten. Hier mischen sich junge Start-ups und Künstler. Denn die meisten haben mit ihrem Freizeitlabel noch nicht den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und gehen stattdessen einem anderen Beruf nach.

Drei Mal haben Triebe und Mitbegründer Sven Bieber seit 2015 die „Strich & Faden“ schon veranstaltet. Hier gibt es Mode, Schmuck, Lampen, Postkarten und kulinarische Spezialitäten. Die Organisatoren sehen den Markt daher als „Lifestyle-Messe“. Und die liegen im Trend: In Köln und Umgebung finden solche Märkte bereits seit Längerem statt. Auch in Bonn gibt es einen weiteren Designmarkt, „Birds & Kisses“, im BaseCamp Bonn. Triebe und sein Team suchen ständig nach neuen Anbietern.

Bei der Premiere war nur knapp ein Dutzend dabei, mittlerweile sind es 23. „Es ist manchmal schwierig, neue Leute zu finden“, sagt der Organisator jedoch. Laut des Deutschen Startup Monitors hat sich die Zahl neuer Start-ups aus dem Bereich Medien- und Kreativwirtschaft im Vergleich zum Vorjahr halbiert.

Auf dem Designmarkt können die Künstler testen, wie ihre Kreationen ankommen und mit Käufern ins Gespräch kommen. Ein Hersteller beispielsweise baut Hängeleuchten aus alten Spraydosen. Bisher hatte er seine neonfarbenen Produkte nur über das Internet vertrieben und wenig über die Meinung der Kunden erfahren. Von dem Feedback war er einfach nur begeistert. Mittlerweile hängen seine Lampen in einem Laden in der Bonner Altstadt – „SCHN!“ lautet der Name des Geschäftes. Seit Spätsommer bieten Triebe und sein Team hier die Produkte des Designmarktes als permanentes Sortiment an.

„Aus der Strich & Faden ist das Storekonzept entstanden: nur Bonner Locals oder regionale Anbieter“, sagt Triebe und schaut sich im Verkaufsbereich um. An den Wänden hängen unterschiedlich große, gerahmte Poster. Auf dem Tisch im Zentrum des Raumes stehen Papierschachteln mit filigranem Goldschmuck. An einem Ständer baumeln mehrsträngige Armbänder.

„Das ist ja fast wie in Berlin“

Im hinteren Teil des Ladenlokals verbinden sich Lifestyle- und Foodbranche der Bonner Gründerszene: Sein Agenturbüro teilt Triebe mit Philipp Nehren, zuständig für Vertrieb und Marketing von Siegfried Rheinland Dry Gin, und Julia Huthmann, Gründerin von „JackyF“, die mit der Jackfruit einen veganen Fleischersatz aus Asien importiert. Co-Workingspace nennen sie ihre Bürogemeinschaft. Beim Betreten des Ladens sagt eine Kundin: „Das ist ja fast wie in Berlin“.

Über einem Kleiderständer thront ein gerahmtes Bild. In weißer Schrift auf schwarzem Grund stehen die Städtenamen Paris, London, Tokyo und Bonn – es ist der Schriftzug des Bonner Modelabels „Altstadt Apparel“. Auf den T-Shirts, Kapuzenpullis und Jutebeuteln reiht sich die Stadt am Rhein in die Riege der Weltmetropolen ein. Was fehlt Bonn, um mithalten zu können? „Viel mehr Produkte mit Nachhaltigkeit“, antwortet Nehren. „Kleinere Stores“, sagt Triebe.

Den Sprung vom kleinen Label zum Jungunternehmen hat David Schirrmacher mit seinem Start-up „Von Floerke“ bereits gemeistert: Seine farbintensiven Accessoires stellt der Gründer nicht mehr nur in seinem kleinen Showroom in der Innenstadt aus. Mittlerweile verkaufen mehr als 50 Filialisten und Einzelhändler deutschlandweit seine Fliegen und Schleifen zum Selberbinden sowie Krawatten, Einstecktücher und Socken. „Wir haben das Kernprodukt nicht neu erfunden, sondern modern gemacht“, sagt der 24-Jährige. Zum Grundsortiment zählen fünf Farben, die untereinander und mit wechselnden Kollektionen kombiniert werden können.

Mit diesem Konzept überzeugte Schirrmacher auch die Investoren in der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ im vergangenen Jahr. In seinem Showroom liegen gerade die beiden neuen Kollektionen aus: Schleifen mit Weihnachtsmotiven und die Pariskollektion. Kleine Eiffeltürme und andere Pariser Wahrzeichen in Miniaturform schmücken Einstecktücher und Fliegen. „Die Welt ein bisschen bunter machen, ein bisschen mehr Mut zeigen, mehr wagen“, so das Credo.

Für die besonderen Anlässe

Die Idee für das Unternehmen entstand gewissermaßen aus der Not heraus: Für eine Uni-Veranstaltung in der Frankfurter Oper brauchte der Student eine Fliege zum Smoking. Im Handel fand er zwar keine passende für unter 130 Euro – aber eine Marktlücke. Seine Mode ist allerdings nicht nur was für Opernbesuche und Abschlussbälle.

Auch in der Businessmode möchte er Akzente setzen: „Die meisten tragen dunkelblaue, schwarze oder braune Anzüge.“ Seine Accessoires sollen dem Träger ermöglichen, mehr Persönlichkeit und Modegeschmack zu zeigen, ohne den formellen Dresscode zu durchbrechen. „Wenn ich so rausgucke, dann dürfen sich die Bonner ruhig mehr trauen“, sagt der Gründer.

Mit besonderen Anlässen und eleganter Kleidung hängt auch das junge Unternehmen von Evi Hagenlocher und Bettina Arnett zusammen. Bei ihnen dreht sich alles um Hochzeiten. Die beiden Schwestern liefern mit ihrem Start-up Pinpoint-Designs von der Einladungskarte über Reistütchen bis hin zu Gästebüchern alles in einem einheitlichen Hochzeits-Design. Auch bei den gebürtigen Österreicherinnen hat sich die Geschäftsidee eher durch einen Zufall entwickelt: Als die Designerinnen 2012 die Hochzeitspapeterie für Freunde entwarfen, landeten die Bilder auf einem Hochzeitsblog und die ersten Anfragen bei Arnett und Hagenlocher.

Als sich die Bestellungen häuften, gründeten sie parallel zwei Unternehmen, da die beiden Schwestern damals jeweils in Salzburg und San Antonio lebten. Seitdem hat jede ihren Arbeitsbereich: Hagenlocher ist für Kommunikation, Druck und Versand zuständig, Arnett für die Entwürfe. Seit Sommer 2015 hat Pinpoint-Designs seinen Sitz in Bonn. Im Dezember lancierten sie ihren Onlineshop, den sie in Eigenregie erstellten, als ein Programmierer absprang. „Als wir 2012 die erste Papeterie auf braunem Öko-Kraftpapier gedruckt haben, war das für manche erschreckend“. Heute zählt das Set zu den Bestsellern. Und wie sehen sie Bonn? „Offen“, sagt Hagenlocher. Offen für kreative und neue Ideen.