Arbeit, Verkehr und Netzabdeckung

Vier Perspektiven für die regionale Wirtschaft 2019

Bonn. Das Jahr 2019 steht vor der Tür. Was bringt es für die Wirtschaft? Ein Dax-Konzernchef, eine Auszubildende, ein Gewerkschafter und ein Einzelhandelsvertreter aus der Region haben für den GA den Blick in die Glaskugel gewagt.

Rainer Bohnet (60)

stellvertretender Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bonn/Rhein-Sieg

"Was regionale Themen betrifft, haben für uns die Schaffung von Wohnraum und Mobilität in der Region oberste Priorität. Vor allem beim Verkehr sind wir guten Mutes, dass sich 2019 etwas tut - und dieses Thema von der Politik nicht mehr nur halbherzig behandelt wird. Es besteht schon unabhängig von der Dieselthematik Handlungsdruck: Man sieht es an den täglichen Verkehrsproblemen.

Unsere Hoffnung ist, dass das Projekt ,Lead City' Früchte trägt und mehr Menschen auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen - der natürlich verbesserungswürdig ist. Was die Rolle der Gewerkschaften angeht, sehen wir Veränderungen. Wir werden wieder stärker nachgefragt, weil wir es in einigen Bereichen mit prekären Arbeitsverhältnissen zu tun haben. Die sind vor allem in der Logistikbranche desaströs, aber auch die Pflegeberufe brauchen eine nachhaltige Aufwertung. Da gibt es 2019 viel zu tun. Bei den Hochqualifizierten sieht es zum Teil nicht besser aus: Es gibt Wissenschaftler, die nie einen unbefristeten Vertrag bekommen - da entsteht ein Prekariat auf höherem Niveau."

Julia Koch (25)

Auszubildende, Glasfachschule Rheinbach

"2019 wird für mich ein spannendes Jahr, denn dann schließe ich meine Zusatzqualifikation als Glaserin ab. Davor habe ich schon meine Gesellenprüfung als Glasmalerin abgelegt und besuche in dem Fach neben der Schule einen Meisterkurs. Ich würde im nächsten Jahr gerne eine Stelle als Glasmalerin finden. Obwohl sich der Beruf für viele Menschen exotisch anhört, stehen die Chancen gar nicht so schlecht. Man muss allerdings flexibel sein. In Deutschland gibt es nur noch wenige alteingesessene Betriebe für Glasmalerei. Die fertigen Auftragsarbeiten für Privatleute, Kirchen oder Museen an. Restaurierungen machen einen wichtigen Teil der Arbeit von Glasmalern aus.

In einer großen Werkstatt wie der Kölner Dombauhütte zu arbeiten, das wäre natürlich ein Traum. Man kann in meinem Beruf gleichzeitig Neues schaffen und Altes bewahren. Eigentlich wollte ich früher Rechtsmedizinerin werden. Aber bei einem Tag der offenen Tür der Glasfachschule Rheinbach hat mich ein Bild des Heiligen Bonifatius so begeistert, dass ich selber das Handwerk lernen wollte. Und ich bin von der Glasmalerei immer noch fasziniert."

Jannis Ch. Vassiliou

Vorsitzender Einzelhandelsverband Bonn Rhein-Sieg Euskirchen

"2018 war für den Bonner Handel ein schwieriges Jahr. Die Testphasen des Planungsamtes im ersten Quartal im City-Bereich haben sich voll negativ auf die innenstädtische Wirtschaft und Verkehrspolitik ausgewirkt. Das hat die Verwaltung zur Kenntnis genommen und fortgesetzt. Viele unnötig lange Baustellen, die zum Teil für den Bürger nicht nachvollziehbar waren (siehe z. B. die Sperrung eines Fahrstreifens am Belderberg vor der Diskothek Falle), haben immer wieder, man würde meinen bewusst, den Verkehr lahmgelegt. Auf Bitte des Einzelhandelsverbands an Oberbürgermeister Ashok Sridharan und mit dessen Einfluss wurden diese in der letzten Woche vor Weihnachten aufgehoben. 2019 hat man sich vorgenommen: Alles soll besser werden.

Aber wie? Der Handel wird auch im nächsten Jahr mit der Erreichbarkeit, mit Baustellen (Cityring, Reuterstraße, Godesberger Tunnel usw.) und auch mit dem Internet zu kämpfen haben. Ein Problem bleibt die Gewerkschaft Verdi, welche nicht mit der Zeit geht und sichere Arbeitsplätze verspielt. Wir brauchen die verkaufsoffenen Sonntage und weitere Veranstaltungen, um die Attraktivität der Innenstadt und das vorhandene Angebot den Menschen nahe zu bringen. Vorausgesetzt, das alles würde sich verbessern, dann hat der Handel gute Perspektiven.

Menschen, die in Innenstadtnähe wohnen, sollten mehr auf das Fahrrad umsteigen. Damit würden sie für Verbraucher von außerhalb Platz schaffen und die Attraktivität Bonns betonen. Die gewerblichen Immobilienbesitzer haben den Puls der Zeit erkannt, und die Mieten sind stabil. Die Stadtwerke Bonn und die Bonner City Park GmbH als Betreiberin der Bonner Innenstadt Garagen ermöglichen ein großes und faires Angebot von modernen Parkhäusern. Dies alles sind gute Vorboten für eine gute Wirtschaft im neuen Jahr. Was noch fehlt, ist die gute Erreichbarkeit der Innenstadt."

Timotheus Höttges (56)

Vorstandschef der Telekom

"2019 beginnt mit zwei zentralen Themen: Europa und 5G. Europa ist die Heimat der Telekom. Darum schauen wir gespannt auf die Europawahlen und die Bildung einer neuen EU-Kommission. Bei aller Kritik: Europa hat in der Vergangenheit viel richtig gemacht. Nirgends sonst bilden Demokratie, Rechtsstaat, wirtschaftlicher Erfolg und soziale Sicherheit so eine starke Einheit. Das gilt es, zu erhalten. Wir müssen in Europa endlich aufwachen. Jeder fordert laut seine maximale, individuelle Position. Wichtiger wäre ein gesellschaftlicher Konsens des Machens, des mutigen Veränderns.

In einem globalen Wettbewerb helfen weder Abschottung, Stillstand oder Pessimismus, sondern nur mutiger Veränderungswille: Ob bei Cloud- und Internetmodellen, Infrastruktur, Mobilität, High Tech wie 5G, KI, Nanotechnologie oder smart cities. Wir haben in unserer Geschichte immer wieder diesen Mut zur Veränderung bewiesen. Deshalb weniger klagen, mehr anpacken. Dazu zählen ein digitaler Binnenmarkt und eine Politik, die Investitionen in Infrastruktur fördert.

Wichtig ist das auch für den neuen Netzstandard 5G. Für die Industrie ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten wie die Vernetzung von Produktionsanlagen. Die anstehende Frequenzauktion stellt dafür die Weichen. Je mehr wir investieren können, desto besser. Fünf Milliarden Euro werden es 2019 in Deutschland. Damit verlegen wir Glasfaser. Damit schließen wir Funklöcher. 2000 neue Antennen bauen wir. Auch 2019 bleibt sich die Telekom also treu: Wir wollen die besten Netze bauen. Wir wollen, dass viele dabei sind. Und nicht nur wenige. Der zentrale Begriff 2019 ist darum für mich: Teilhabe."