Internet-Wirtschaft

Unternehmergeist statt Ruhestand

Rund 500 verschiedene Ausstechförmchen hat Karin Schröder im Sortiment.

Rund 500 verschiedene Ausstechförmchen hat Karin Schröder im Sortiment.

Bonn. Karin Schröder betreibt mit 74 Jahren in Bonn einen Online-Shop für Back-Zubehör. Damit ist sie eine Ausnahme. Nach einer aktuellen Studie gründen ältere Menschen deutlich seltener Unternehmen.

Karin Schröder hat einen Online-Shop, ein Blog und immer wieder 18-Stunden-Arbeitstage. Karin Schröder wurde von der amerikanischen Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zwei Mal persönlich nach Berlin eingeladen, um über ihre Unternehmensseite in dem Online-Netzwerk zu berichten. Und: Karin Schröder ist 74 Jahre alt.

Die Unternehmerin aus Neunkirchen-Seelscheid ist der höchst lebendige Beweis dafür, dass nicht nur jugendliche Gründer mit Schirmmütze und Turnschuhen im Online-Business Erfolg haben können. Die Geschäftsfrau kennt sich zwar erst im Internet aus, seit sie mit 70 einen Tablet-Computer geschenkt bekam. Aber sie sie kann auf Jahrzehnte unternehmerischer Erfahrung zurückblicken. Als ihr Sohn ihr vorschlug, ihr Back-Zubehör-Geschäft ins Netz auszuweiten, zögerte sie nicht lange. „Angst darf man natürlich keine haben“, sagt die zierliche und resolute Dame. „Aber man sollte sich so einen Schritt schon gut überlegen, schließlich erfordert er hohe Investitionen“.

Die Back-Unternehmerin ist eine Ausnahme: Die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen, sinke ab 40 Jahren deutlich, so eine gestern vorgestellte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Angesichts der alternden deutschen Gesellschaft fürchten die Forscher daher um die Innovationskraft der Wirtschaft. Gründungsförderung müsse sich daher stärker auch auf Ältere beziehen, fordern sie.

Im Bonner Lagerraum von Schröders Firma „Bakerware“ stapelt sich die Ware: Rund 500 verschiedene Plätzchenformen, dazu kommen Pinsel, Waagen, Lebensmittelfarbe und anderes Back-Zubehör. Bei Schröder kaufen Hobby-Bäcker und vor allem Hobby-Dekorateure. „Torten werden heute sogar mit speziellen Airbrush-Techniken verziert, dazu kommen bunte Perlen oder Spitze aus einer Art Esspapier“, sagt sie. „Das wird immer ausgefeilter.“ Eine Mitarbeiterin unterstützt Karin Schröder in Bonn bei ihrem Online-Business.

Den herkömmlichen Part des Back-Geschäfts erledigt sie mit ihrem gleichaltrigen Mann weiterhin eigenhändig: Mehrmals im Monat bepacken sie in den frühen Morgenstunden ihr Auto und fahren zu Märkten und Kreativmessen, wo sie ihre Kundschaft mit Kuchenformen und Zuckerperlen versorgen. „Damit haben wir uns einen Namen gemacht, und können uns im Internet besser gegen die Konkurrenz behaupten“, sagt die Unternehmerin. Back- und Dekorier-Seminare in Neunkirchen-Seelscheid sollen das Angebot abrunden.

Die ehemalige Zahnarzthelferin hat sich auf dem Weg zur Internet-Unternehmerin nicht geschont: „Nach der Familienpause habe ich mit Promotionständen für Kosmetikfirmen angefangen“, erzählt sie. Auf die Kunden direkt zuzugehen, sei ihr Anfangs schwer gefallen. „Aber da muss man halt durch“, sagt die resolute, zierliche Geschäftsfrau.

Später hätten ihr die Erfahrungen für den Aufbau ihres Unternehmens genutzt. „Man kann einen Online-Shop nur erfolgreich aufbauen, wenn man sich in der Branche bereits auskennt“, ist sie überzeugt. Im Alter, werde der Unternehmeralltag allerdings doch anstrengend, räumt Schröder ein. Sie plant, den Online-Shop zu verkaufen und nur noch ihren Marktstand zu betreiben und Seminare zu organisieren. Backen soll mehr Beruf als Hobby bleiben. „Man muss ja aktiv sein“, sagt sie. Zu Hause auf dem Sofa sitzen und die selbst gebackenen Kekse essen – keine Option für Karin Schröder.