Uni Bonn erforscht ökonomische Entscheidungsverhalten

In einem neuen Uni-Institut in Bonn bringen Wissenschaftler Ökonomie, Hirnforschung und Psychologie zusammen.

Bonn. Mit möglichst wenig Aufwand den optimalen Nutzen erzielen - das nennt man das sogenannte ökonomische Prinzip. Aber verhalten sich Menschen wirklich immer so? Handeln sie nicht auch manchmal selbstlos, wie etwa beim Blutspenden? Wenn ja, warum? Und was kann man daraus lernen?

Das sind Fragen, mit denen sich die experimentelle Wirtschaftsforschung beschäftigt. In Bonn hat sie eine lange Tradition. Reinhard Selten baute an der Bonner Uni das Laboratorium für Experimentelle Wirtschaftsforschung auf und bekam für seine Studien auf dem verwandten Gebiet der Spieltheorie 1994 als bisher einziger Deutscher den Wirtschaftsnobelpreis.

Auf einem völlig anderen Gebiet ist die Forschung in den vergangenen Jahren ebenfalls weit vorangekommen: in der Hirnforschung. Welche Hirnregionen werden bei bestimmten Entscheidungen aktiviert, welche Hormone ausgeschüttet, welche Gene sind beteiligt?

An der Bonner Uni kam vor einigen Jahren der Gedanke auf, beide Wissenschaften miteinander zu verbinden und die Psychologie noch mit ins Boot zu nehmen. Seit Freitag sind Hirnforschung, Ökonomie und Psychologie im neuen "Center for Economics and Neuroscience" (CENs) der Universität Bonn unter einem Dach vereint.

Im renovierten früheren Verwaltungstrakt der Universitäts-Sportanlagen auf dem Venusberg können sich die Forscher ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Mehr als 20 Wissenschaftler erforschen am Nachtigallenweg 86, wie der Mensch in ökonomischen Situationen Entscheidungen trifft. "Die interdisziplinäre Ausrichtung des Zentrums auf Neurowissenschaften, Wirtschaftsforschung und Psychologie unter einem Dach ist in Deutschland einzigartig", sagt Markus Antony, Wissenschaftsmanager am CENs.

Das CENs wurde von dem Epileptologen Christian Elger, dem Ökonomen Armin Falk, dem Psychologen Martin Reuter und dem Neurowissenschaftler Bernd Weber gegründet. Weitere Institutionen der Universität Bonn sind eingebunden: Das Life & Brain-Zentrum auf dem Venusberg, die Abteilung Differentielle und Biologische Psychologie, die Abteilung für Empirische Wirtschaftsforschung und das von Selten aufgebaute Laboratorium für Experimentelle Wirtschaftsforschung. Dort absolvieren Probanden in separaten Kabinen Aufgaben in Form von Simulationsspielen.

Die CENs-Forscher untersuchen in dem Laboratorium das ökonomische Entscheidungsverhalten der Testpersonen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass der Mensch kein absoluter "Homo oeconomicus" ist. Er lässt sich bei seinen Entscheidungen also nicht rein rational vom Maximieren des eigenen Nutzens leiten, sondern etwa auch von Fairness-Gedanken und von Vergleichen mit Kollegen.

So fanden die Forscher um den Ökonomen und CENs-Direktor Armin Falk zusammen mit der Universität Zürich heraus, dass starke Kontrolle durch Vorgesetzte verheerende Auswirkungen auf Leistung und Motivation der Mitarbeiter haben kann. Wenn in der Simulation die Chefs ihren Untergebenen freie Hand ließen, war der Arbeitseinsatz deutlich höher als in der stark kontrollierten Situation. "Wer der Leistung seiner Mitarbeiter misstraut, den bestrafen sie tatsächlich mit schlechten Leistungen", sagt Falk. "Wer ihnen freie Hand lässt, wird dagegen belohnt."

Die Forscher um den Psychologen Martin Reuter entdeckten bei ihren Untersuchungen ein "Altruismus"-Gen. "Eine winzige Änderung in einer bestimmten Erbanlage führte bei Probanden dazu, dass sie in einer Spielsituation deutlich mehr Geld spendeten als Testpersonen ohne diese Mutation", berichtet Reuter. Das Gen enthält den Bauplan für ein Enzym, das die Produktion von Dopamin im Gehirn beeinflusst. Dieser Botenstoff stimuliert positive Gefühle und erhöht die Bindungsfähigkeit von Menschen.