Interview mit Bonner Agrar-Professor

"Tiere brauchen keine Berührungsbetreuung"

Bonn. Schrittzähler für die Kuh: Wie die Digitalisierung in den Ställen das Tierwohl verbessern kann, erklärt der Bonner Professor Wolfgang Büscher im Interview.

Beim Füttern und Melken setzen viele Landwirte heute schon auf die Hilfe von Robotern. Die Digitalisierung ist unter den Schlagworten „Smart Farming“ oder „Landwirtschaft 4.0“ in die Ställe eingezogen. Die Universität Bonn forscht unter anderem darüber, wie neue Techniken das Tierwohl verbessern können. Mit Professor Wolfgang Büscher von der landwirtschaftlichen Fakultät sprach .

Wie steht es um die Digitalisierung in deutschen Ställen?

Wolfgang Büscher: Die Tierhalter sind noch nicht so weit wie die Ackerbauern, aber auch hier schreitet die Digitalisierung voran. Ein Paradebeispiel ist das automatische Melken von Milchkühen. Ohne Melkautomaten muss der Bauer jeden Morgen und Abend im Stall arbeiten. Das ist für Menschen, die das jahrelang machen, eine enorme Belastung.

Wie funktioniert ein Melkroboter?

Büscher: Die Tiere tragen ein elektronisches Erkennungssystem und können ganz individuell zum Melkroboter gehen. Zur Motivation werden sie während des Melkens gefüttert. Das Tier lernt, dass es für das Melken belohnt wird. Ich schätze, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Milchkühe in Deutschland vollautomatisch gemolken werden.

Für die Landwirte ist das natürlich eine Arbeitserleichterung, aber wie geht es den Tieren dabei?

Büscher: Nach unseren Untersuchungsergebnissen haben die Tiere keinerlei Probleme mit Technik im Stall. Im Gegenteil: Sie bringt ihnen Vorteile. Nach der alten Methode mussten sich die Kühe nach den festen Melkzeiten richten. Zum Roboter können sie gehen, wann sie möchten. Sie gewinnen an Selbstbestimmung.

Was steuert die Forschung dazu bei?

Büscher: Wir nutzen an der Universität Bonn digitale Hilfsmittel, um Bedingungen für ein größtmögliches Tierwohl zu erforschen. Auf dem Versuchsgut Frankenforst in Königswinter-Vinxel. Die Kühe tragen Herzfrequenzmesser mit denen wir feststellen können, ob sie auf veränderte Haltungsbedingungen mit Aufregung reagieren. Wir beobachten das normale Verhalten der Tiere genau, um zu erforschen, ob sie etwa auf verschiedene Fußböden oder Lichtverhältnisse reagieren.

Was sind Ihre Erkenntnisse?

Büscher: Wir haben vor allem gemerkt, dass menschliche Vermutungen darüber, was Tiere gerne mögen, sehr selten zutreffen. Zuletzt haben sich alle darüber gewundert, dass es den Kühen ziemlich egal war, wenn ihr Weg zum Futter verändert wird. Wir hatten erwartet, dass sie sich aufregen, aber sie fanden den neuen Weg eher interessant. Das widerspricht der ursprünglichen Lehrmeinung, dass Laufgewohnheiten nicht unterbrochen werden dürfen.

Wie sieht die Digitalisierung in Schweine- oder Geflügelställen aus?

Büscher: Außer Kühen werden in der Regel keine Nutztiere individuell elektronisch gekennzeichnet, daher ist die Automatisierung bei der Haltung von Schweinen und Geflügel auch noch nicht so weit fortgeschritten. Die Sensoren sind für Hühner schlicht noch zu groß. Hier geht es bei der Digitalisierung eher um Stallbedingungen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden elektronisch so gesteuert, dass die Tiere sich wohlfühlen. Bei der Fütterung ersetzen digital gesteuerte Mechaniken zunehmend Eimer und Schubkarre. Kaum noch ein Landwirt bringt das Futter per Hand, die Automatisierung ist flächendeckend.

Was kostet die Digitalisierung der Ställe?

Büscher: Da geht es schon um höhere Investitionen, die sich nur für hauptberufliche Landwirte lohnen. Sie haben allerdings dann den Vorteil, dass die Tiere bei digitaler Überwachung gesundheitlich stabiler sind. Das Interesse der Bauern ist daher groß. Und die Industrie sieht ein großes Marktpotenzial. Deutschland ist derzeit bei der Entwicklung führend.

Nutzen auch Biobauern die Digitalisierung?

Büscher: Die Bio-Richtlinien stehen dem auf jeden Fall nicht im Wege. Auch wenn viele Verbraucher vielleicht erwarten, dass auf einem Bio-Hof weniger Elektronik eingesetzt wird, hat das nichts miteinander zu tun.

Wo bleibt der menschliche Kontakt?

Büscher: Tiere brauchen keine Berührungsbetreuung . Was sie brauchen ist Aufmerksamkeit. Aber die kann man auch über eine elektronische Überwachung abdecken. Der prüfende Blick des Landwirtes im Stall ist in vielen Fällen bei der Erfassung von Auffälligkeiten weniger genau als die Sensoren. Elektronische Schrittzähler zeigen die paarungsbereite Zeit einer Kuh mittlerweile in der Regel deutlich besser an als die Beobachtung des Landwirtes. In der sogenannten Brunst laufen die Tiere mehr als sonst.

Wie geht es mit der Digitalisierung in der Landwirtschaft weiter?

Büscher: Wir befinden uns noch ganz am Anfang. Wir sammeln derzeit viele Daten und können zunehmend daraus lernen. Zusammen mit Informatikern können wie aus „Big Data“ Zusammenhänge erkennen. Außerdem verlangt der Einzelhandel eine immer bessere Rückverfolgbarkeit von tierischen Produkten. Auch dabei hilft die Digitalisierung. Irgendwann werden alle Informationen in der elektronischen Ohrmarke gespeichert sein. Vielleicht helfen auch Webcams in Ställen dabei den Verbrauchern ein realistisches Bild von Landwirtschaft zu vermitteln, die dem Tierwohl Rechnung trägt und trotzdem nicht wie die Phantasiewelt auf der Milchtüte aussieht.

Wird es eines Tages den menschenlosen Bauernhof geben?

Büscher: Das glaube ich nicht. Die Bauern haben in der Regel eine starke emotionale Beziehung zu ihren Tieren und wollen nicht den ganzen Tag am Computer verbringen.