Wirtschaftsgeschichte in Bonn und Region

Spätzünder der Industrialisierung

Industriegeschichte in der Region: Die Dreherei der Firma Steimel in Hennef. Die Aufnahme aus dem Jahr 1905 zeigt die Herstellung von Teilen für Milchzentrifugen, in denen Butter hergestellt wurde.

Industriegeschichte in der Region: Die Dreherei der Firma Steimel in Hennef. Die Aufnahme aus dem Jahr 1905 zeigt die Herstellung von Teilen für Milchzentrifugen, in denen Butter hergestellt wurde.

Bonn. Die Festschrift von Historikern Barbara Hillen zum 125-jährigen Bestehen der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg führt durch die Wirtschaftsgeschichte der Region.

Ausgerechnet aus Berlin stammt der 125 Jahre alte Erlass zur Errichtung einer Handelskammer in Bonn. Freiherr von Berlepsch, Minister für Handel und Gewerbe, genehmigte den Bonnern in Frakturschrift ihr Ansinnen und teilte mit: „Die Handelskammer tritt am 1. October 1891 in Thätigkeit.“

Die Gründungsurkunde ist eines von zahlreichen historischen Dokumenten und Fotos der rund 150 Seiten starken Festschrift „125 Jahre Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg“, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Zu ihrem Jubiläum hat die IHK von Historikerin Barbara Hillen die regionale Wirtschaftsgeschichte aufarbeiten lassen und dabei ihr Augenmerk vor allem auf die vergangenen 25 Jahre und den Strukturwandel nach dem Hauptstadtbeschluss gelegt.

Doch der Blick in die Vergangenheit zeigt: Wandel und Einschnitte hat es in der kommerziellen Entwicklung Bonns immer wieder gegeben – lange vor dem Wegzug der Bundesregierung. Auch die oft beklagte Missachtung der Wirtschaft in Bonns Geschichte hat offenbar Tradition: „Unsere Stadt ist mehr darauf angewiesen, in dem weitverbreiteten Rufe unserer Hochschule und in den verschiedenen Annehmlichkeiten des Lebens, welche die reizende Lage und die geistigen Genüsse der Kunst und Wissenschaft bieten, die Quelle ihres Wohlstandes zu finden und zu pflegen, als in der Entwicklung einer großartigen industriellen Tätigkeit“, zitiert das Buch den Oberbürgermeister der Stadt Bonn Leopold Kaufmann während seiner Amtszeit – zwischen 1851 und 1870.

Nicht nur als Bundeshauptstadt sah sich Bonn vor allem als Dienstleistungsstandort: Im 18. Jahrhundert richtete sich die heimische Wirtschaft auf die Bedürfnisse des Erzbischofs und seines Hofes aus, so Historikerin Hillen. Der Einmarsch der Franzosen setzte dem ein Ende und führte nach einer Phase der Verarmung der Stadt zu einer Neuausrichtung. Doch „erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siedelten sich nennenswerte Industriebetriebe dauerhaft in Bonn an.“

Zu den größten Arbeitgebern zählten die Steingutfabriken F.A. Mehlem am Rhein und Ludwig Wessel in Poppelsdorf sowie die dortige Schreibwarenfabrik Soennecken.

Später als in anderen Städten schlossen sich die örtlichen Unternehmer 1891 zwecks Interessenvertretung in einer Handelskammer zusammen. Das Bonner Umland gehörte von Anfang an zum Einzugsgebiet, auch wenn der heutige Rhein-Sieg-Kreis noch lange vor allem von der Landwirtschaft lebte, wie es in der Festschrift heißt – oder von ersten Touristen, die etwa den 1910 sogar im Guide Michelin erwähnten „Luftkurort Much“ besuchten. Immer wieder musste die Region sich anpassen, wie nach dem Hauptstadtbeschluss vor 25 Jahren.

„Der Strukturwandel ist gelungen, aber Bonn und die Region dürfen sich jetzt nicht ausruhen“, forderte IHK-Hauptgeschäftsführer Hubertus Hille.

Für die Zukunft der Stadt, die mittlerweile auch ein wichtiger IT-Standort sei, zählten vor allem Innovationskraft und ein Ausbau der Infrastruktur von schnellen Internetanschlüssen bis hin zu Straßen. Außerdem sei eine noch bessere Vernetzung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft wichtig für die weitere Entwicklung. IHK-Präsident Wolfgang Grießl forderte eine Festlegung auf Bonn als langfristigen Sitz von Bundesministerien.

Der Bezug zu Beethoven sei zwar wichtig als Marke, aber den Titel Bundesstadt dürfte sich Bonn keinesfalls nehmen lassen, sagte er. Auch Strukturwandel hat seine Grenzen.

Die Festschrift „125 Jahre Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg“, Autorin: Barbara Hillen, gibt es ab Montag für 12,50 Euro im Buchhandel. Sie kann auch direkt bei der IHK bestellt werden.