Bangen um Arbeitsplätze

Solarworld-Gläubiger stimmen am Freitag ab

Solarworld Schriftzug an einem Werk des Konzerns.

Solarworld Schriftzug an einem Werk des Konzerns.

Bonn. Bei Solarworld schlägt die Stunde der Entscheidung: Sagen die Gläubiger "Ja" zum Verkauf der deutschen Werke, geht die Geschichte des Unternehmens vorerst weiter. Sonst bekommen fast alle der 1700 "Sunworker" in Deutschland nächste Woche die Freistellung.

Die Gläubiger des insolventen Solarkonzerns Solarworld stimmen heute über den Verkauf der beiden deutschen Werke im sächsischen Freiberg und im thüringischen Arnstadt und die Fortführung mit noch 475 Arbeitsplätzen ab.

Kaufinteressent ist eine neu gegründete Gesellschaft unter Führung des einstigen Solarworld-Gründers Frank Asbeck. Das Geld für das Geschäft soll aus Katar kommen.

Sollten die Gläubiger ihre Zustimmung mehrheitlich verweigern, müssten die allermeisten der noch rund 1700 Solarworld-Beschäftigten in Deutschland schon in der nächsten Woche unwiderruflich freigestellt und später entlassen werden, wie ein Sprecher des Insolvenzverwalters erklärte.

Birgit Niepmann hat vorsichtshalber den Großen Schwurgerichtssaal reserviert. Ob dessen 110 Plätze ausreichen, kann die Direktorin des Bonner Amtsgerichts allerdings nicht einschätzen. An diesem Freitag kommen dort um 10.30 Uhr die Gläubiger des Photovoltaikkonzerns Solarworld zusammen. Insolvenzverwalter Horst Piepenburg hat den Termin anberaumt, weil er sich die Zustimmung der Gläubigerversammlung für den Solarworld-Verkauf an Frank Asbeck holen will. Mit einer Investorengruppe im Rücken will der Solarworld-Gründer wesentliche Teile seines maroden Unternehmens wieder übernehmen.

Es geht um rund 350 Millionen Euro, die Asbecks Konzern Anleihe- und Darlehensgebern, Banken und Hedgefonds schuldet. Die größte Forderung besteht aus zwei Anleihen, es geht es um mehr als 170 Millionen Euro, dahinter stehen mehrere tausend Investoren und Kleinanleger. Von ihnen werden aber kaum alle kommen. Sie lassen sich von zwei professionellen Unternehmensberatern vertreten, die ihre Stimmrechte in der Gläubigerversammlung wahrnehmen.

Die Kataris sollen Asbeck wieder aus der Klemme helfen

Piepenburg hat angekündigt, dass Asbeck selbst in der Runde am Freitag sein Geschäftskonzept vorstellen will. Noch weiß niemand außerhalb des engen Kreises um Piepenburg, wie der Pleitier, der seine Unternehmensgruppe nun schon das zweite Mal in den Sand gesetzt hat, wieder in die schwarzen Zahlen kommen will. 2013, als Asbeck das erste Mal in finanziellen Schwierigkeiten war, rettete ihn ein Schuldenschnitt von fast 500 Millionen Euro und der Einstieg der Qatar Foundation in die Aktiengesellschaft. Die Kataris sollen auch dieses Mal dem deutschen Solarzellenpionier aus der Klemme helfen.

Von den beiden offiziellen Anleihevertretern hört man, dass sie Asbecks neuen Plan voll unterstützen. Was sie dabei treibt, werden sie in der Gläubigerversammlung ebenfalls vortragen müssen. Große Skepsis an den Tag legen die Gewerkschaften. Die IG Metall im thüringischen Erfurt, die sich um die Interessen des Solarworld-Werks in Arnstadt kümmert, hält mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg: „Mit einer Rumpfmannschaft kann man die Produktion nicht wieder anfahren“, schimpft der Erfurter IG-Metall-Geschäftsführer Kirsten Joachim Breuer.

Von einst 1650 Beschäftigten in den ostdeutschen Standorten sollen in Arnstadt nur noch 281 Mitarbeiter bleiben, im sächsischen Freiberg lediglich 225. Die örtlichen Betriebsräte hatten dafür gekämpft, mit Kurzarbeit und anderen tarifvertraglichen Instrumenten die Mannschaft über die Insolvenz hinaus zu retten. Man sei sich mit Asbeck einig gewesen, dass man nur durch Massenproduktion die chinesische Konkurrenz hätte ausstechen können. „2016 standen wir kurz davor, ein Gigawatt zu produzieren. Da wäre die Schallmauer zu den Chinesen hin fast durchbrochen worden.“ Solarworld hatte den Arnstadter Modulhersteller erst 2014 von Bosch übernommen.

Überzeugt, dass es keine seriösen Alternativen gab

Fragt man aber den Gewerkschafter, ob er sich auch eine andere Lösung als den Verkauf von Solarworld an Asbeck vorstellen könnte, verneint er. Breuer hat sich vom Insolvenzverwalter überzeugen lassen, dass es keine seriösen alternativen Angebote für Solarworld gab. Der niederländische Solarparkentwickler Prisma Systems bestreitet das, er kennt auch andere Kaufinteressenten, die hätten mitbieten wollen.

Jens Schmittmann lehrt Insolvenzrecht an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management in Essen. Auf die Frage, wie man als Gläubiger mit der Tatsache umgehen soll, dass der Insolvenzverwalter nur einen Rettungsplan vorlegen kann, sagt er: „Der Gläubigerausschuss hat rein rechtlich eine sehr starke Position. Er hat nahezu uneingeschränktes Einsichtsrecht in die Bücher.“ Er könne auch vom Insolvenzverwalter verlangen, dass er ein weiteres Sanierungskonzept vorlegt. Tatsächlich hat aber kein Gläubiger sich mit einer solchen Forderung durchsetzen können.

Offen, ob die Presse zugelassen wird

Gewöhnlich finden Gläubigerversammlungen hinter verschlossenen Türen statt. Schmittmann kennt aber Fälle, in denen die Presse wegen des großen öffentlichen Interesses zugelassen wurde, etwa bei den Insolvenzen von Karstadt und Arcandor. Beim Bonner Amtsgericht ist eine entsprechende Anfrage gestellt worden, die Antwort lag bis Redaktionsschluss nicht vor. Gerichtsdirektorin Niepmann betont, dass es Aufgabe des Gerichts sei, den rechtmäßigen Ablauf des Insolvenzverfahrens zu überwachen. „Das Gericht ist kein Betriebswirt.“ Herr des Verfahrens seien die Gläubiger. Offenbar handeln sie hier nach der Devise: Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.

(mit Material von dpa)