GA-Serie: Lehrstellen-Check

So sieht die Arbeit eines Pflege-Azubis in der Uniklinik aus

Alexander Hertel hat sich in der Uniklinik die Arbeit eines Pflegers angeschaut und gelernt, wie Vitalwerte gemessen werden.

Alexander Hertel hat sich in der Uniklinik die Arbeit eines Pflegers angeschaut und gelernt, wie Vitalwerte gemessen werden.

Bonn. GA-Mitarbeiter Alexander Hertel hat Pflegeschülerin Lilly Steinmetz einen Tag bei ihrer Arbeit im Universitätsklinikum Bonn begleitet und spannende Eindrücke gewonnen.

Auf dem Flur der Station Martini am Herzzentrum des Universitätsklinikums Bonn (UKB) herrscht Ruhe. Die Patienten liegen auf ihren Zimmern, Medikamentenwagen warten aufgereiht auf ihren Einsatz, die Telefone im Funktionsbereich zwischen den Fluren und den Patientenzimmern stehen still.

Es ist kurz vor sechs Uhr, in wenigen Minuten beginnt die Frühschicht mit ihrer Arbeit. Ich treffe Pflegeschülerin Lilly Steinmetz vor ihrem Dienstbeginn, um sie einen Tag lang bei ihrer Arbeit zu begleiten. Im Oktober 2017 hat sie die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin begonnen. Zunächst bekommt die 28-Jährige vom Nachtdienst die Informationen über die Vorfälle der vergangenen Stunden – dann greift sie zum Blutdruckmessgerät.

Auf der Station liegen 39 Patienten auf 20 Zimmern, 19 auf der sogenannten A-, 20 auf der B-Seite der beiden Flure. Lilly Steinmetz ist heute für der A-Seite zuständig und beginnt damit, die Vitalwerte der Patienten zu messen. Eine von ihnen ist Silvia Kohl, die nach einem Herzinfarkt gerade ihre vierte Nacht dort verbracht hat. „Meine Werte sind noch schlecht, sodass ich noch nicht nach Hause gehen kann“, sagt sie. Steinmetz misst Blutdruck, Temperatur und Gewicht.

Personelle Engpässe

„Bei Auffälligkeiten in den Werten sage ich der examinierten Kollegin bescheid“, erklärt sie. Diese entscheidet dann, was getan wird, und ruft gegebenenfalls einen Arzt. Bei Kohl ist das aber nicht notwendig. Neben der Versorgung und der Unterstützung der Patienten gehört es auch zu den Aufgaben der Pfleger und Schwestern, ihre Arbeit zu dokumentieren. Die Werte der Patienten werden nicht nur in entsprechenden Akten notiert, sondern auch in Computern eingetragen. So hat Steinmetz neben ihrer Fachausrüstung auch immer Zettel und Stift bei sich. „Mindestens eine examinierte Fachkraft pro Flur sowie zwei medizinische Fachangestellte und zwei Kollegen am Stützpunkt sind während einer Schicht anwesend“, erklärt Pflegebereichsleiterin Jenny Wetzel.

Doch auch hier machen sich die verbreiteten personellen Engpässe im Berufsstand bemerkbar. „Ich kann nicht jede Stelle, die frei wird, sofort eins zu eins nachbesetzen“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Keine Berührungsängste

Lilly Steinmetz hat in der Zwischenzeit ins nächste Zimmer gewechselt. Freundlich und sehr geduldig nimmt sie sich auch dieser Patientin an. „Wie geht es Ihnen?“, fragt sie. „Mittelprächtig“, bekommt sie nur als Antwort. Die Auszubildende lebt beim Patientenkontakt das, was jeder Pflege-Azubi ihrer Meinung nach mitbringen sollte: „Du brauchst auf jeden Fall Empathie“, sagt die Pflegeschülerin, die – inspiriert durch ihre Tante, ebenfalls Krankenschwester im UKB – bereits 2008 die Ausbildung zur Krankenpflegerhelferin absolviert hat.

„Und du darfst keine Berührungsängste haben und kein Problem mit dem Schichtdienst.“ Zudem müsse man schon ein wenig belastbar sein. Ein wenig? Sebastian Nies, Leiter des Ausbildungszentrums an der Uniklinik, sieht die Belastbarkeit als eine Voraussetzung für Azubis in diesem Beruf. Außerdem wichtig: „Eine hohe Motivation für die Tätigkeit mit den erkrankten Menschen, eine Lernbereitschaft für relativ hohe Anforderungen sowie Flexibilität und die Leidenschaft, sich diesen Aufgaben zu stellen“, erklärt der ausgebildete Pfleger, der seit vier Jahren als Schulleiter tätig ist.

"Körperlich ziemlich unentspannt"

Was mit der Belastbarkeit gemeint ist, wird mir wenig später klar. Neue Patienten werden gebracht, andere abgeholt, weitere müssen versorgt werden, das Telefon im Funktionsbereich klingelt ununterbrochen. Mit der morgendlichen Ruhe ist es schlagartig vorbei. „Jetzt gerade kommt wirklich alles zusammen. Aber so ist das eben“, sagt Samsam Hersi, Medizinische Fachangestellte. Trotzdem hat sie ein Lächeln auf den Lippen.

 

Kurze Zeit später hat sich die Lage schon wieder beruhigt. Und dennoch: „Nach 20 Jahren Pflege ist man körperlich ziemlich unentspannt“, sagt Jenny Wetzel, die den Vergleich zu anderen Einrichtungen und Seniorenheimen zieht und sagt: „Uns geht es noch recht gut.“ Eine Bezahlung nach Tarif wie im UKB ist keineswegs Standard, vor allem in der Altenpflege. Rund 80 Prozent der Altenpflege-Einrichtungen sind nach Angaben der Bundesregierung nicht tarifgebunden.

"Jeder Tag ist anders"

Dass die Situation in der Pflege gerade auch politisch viel diskutiert wird, sei „erst einmal gut“, sagt Nies. Es sei wichtig, dass nun darüber gesprochen und nach Lösungen gesucht werde, findet auch Wetzel, sagt mit Blick auf die aktuelle Situation aber auch: „Doch das ist nichts, was man innerhalb eines Jahres ändern kann.“ Dennoch sieht Nies einige gute Gründe, diese „per se sehr sinnhafte Tätigkeit“ zu ergreifen: „Man lernt ständig neue Menschen, Patienten, Teams kennen. Das macht es unglaublich spannend und abwechslungsreich“, sagt der Schulleiter und fügt noch an: „Und das Ganze dann auch noch kombiniert mit unglaublich tollen Zukunftsaussichten.“

Bevor den Azubis jedoch die Zukunftstüren offenstehen, kommen auf sie in der dreijährigen Ausbildung neben vieler Praxis-Stationen auch fast ebenso viele Theorieeinheiten zu. Die Station am Herzzentrum stellt sich dabei als weniger pflegeaufwendig heraus als andere. Für den Frühdienst endet der Arbeitstag gegen 14 Uhr, so wie er begonnen hat: mit einer Übergabe, dieses Mal an den Spätdienst.

Mittlerweile liegen in einigen Zimmern andere Patienten als am Morgen, was auch ganz andere Herausforderungen mit sich bringen kann. Lilly Steinmetz gefällt gerade eben diese Abwechslung: „Das ist das Schöne: Jeder Tag ist anders.“ Mal mit mehr, mal mit weniger Ruhe.