GA-Serie: Lehrstellen-Check

So sieht die Arbeit eines Dachdecker-Azubis aus

Zum Hereinschnuppern darf GA-Volontärin Katharina Weber ausnahmsweise ohne Schutzkleidung aufs Dach.

Zum Hereinschnuppern darf GA-Volontärin Katharina Weber ausnahmsweise ohne Schutzkleidung aufs Dach.

Meckenheim/Bonn. Ziegel stapeln, Leisten schrauben und Folie verkleben: 
GA-Volontärin Katharina Weber hat einen Tag bei Degen Dachhandwerk aus Meckenheim mitgeholfen.

Der Lastenaufzug im Innenhof der Heerstraße 138 fährt fleißig hoch und runter. Mal befinden sich alte Ziegel darauf, mal verfaulte Dachlatten. Oben auf dem Dach im fünften Stockwerk steht Dachdecker-Azubi Stefan Jakobs (18) und füttert das Gefährt, unten im Hof bedient sein Vorarbeiter Markus Hardt (54) den Lift und wartet ungeduldig auf dessen Ankunft. Den Inhalt verfrachtet er Ladung für Ladung auf den Firmenwagen.

Normalerweise würden sie den Abfall direkt in einen Container werfen, „dann müssen wir die Ziegel nicht drei Mal anfassen“, erklärt Jakobs. „Aber in den engen Straßen Bonns ist oft zu wenig Platz, um einen aufzustellen.“ Immerhin muss der Auszubildende heute zur Abwechslung mal nicht allein die „Drecksarbeit“ machen. Denn ich greife ihm unter die Arme und schaue mir dabei den Beruf des Dachdeckers genauer an.

Unsere erste Aufgabe: aufräumen. Ordnung auf der Baustelle muss sein, gibt uns der Vorarbeiter zu verstehen. Denn Bauschutt, der vom Gerüst fällt, könne großen Schaden anrichten. Die Altbauwohnung im fünften Stock ist seit Jahren unbewohnt, dementsprechend heruntergekommen ist das darüberliegende Spitzdach. Die Seite zum Innenhof haben die Dachdecker schon ordentlich bearbeitet: Die alten Latten sind weg, die Dachbalken gesäubert, diverse Dämmungen und Folien verlegt.

Azubi: "Keine Baustelle ist wie die andere"

Auf der gegenüberliegenden Seite bringen gerade Geselle Hendrik Neu (27) und Lars Fischer (24), Azubi im dritten Lehrjahr, die sogenannte Dampfsperre an. Diese soll verhindern, dass Feuchtigkeit aus der Raumluft ins Dach dringt und dort Schimmel verursacht. Stefan Jakobs kommt aus einer Dachdeckerfamilie, sein Vater und sein Onkel leiten jeweils einen Betrieb. „Ich wollte schon von klein auf Dachdecker werden. Habe nie was anderes im Kopf gehabt“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Langfristig wolle er den Betrieb seines Vaters übernehmen. „Das Tolle am Dachdeckerjob ist: Man arbeitet mit vielen Materialien – Dachziegeln, Holz, Blech, Flüssigkunststoff, Schweißbahnen, Teer. Es ist ziemlich abwechslungsreich. Keine Baustelle ist wie die andere.“

Einen Tag in der Woche müssen die Azubis von 8 bis 14.30 Uhr in die Berufsschule, erzählt Jakobs weiter, in ihrem Fall das Carl-Reuther-Berufskolleg des Rhein-Sieg-Kreises in Hennef. Sein Ausbildungsbetrieb, Degen Dachhandwerk (ehemals Degen Bedachungen), hat seit der Gründung im Jahr 1964 rund 90 Azubis ausgebildet. Mittlerweile sind dort 18 Mitarbeiter beschäftigt. Eine klassische Bewerbungsfrist setzt der Betrieb angehenden Azubis wegen des Nachwuchsmangels nicht mehr. Schülerpraktikanten sind zum Kennenlernen des Berufs jederzeit willkommen.

Eine typische Aufgabe für Azubis im ersten Lehrjahr: die Übergänge zwischen den einzelnen Folien der Dampfsperre mit Klebeband abdichten. Gewissenhaft kleben Stefan und ich Bahn um Bahn auf Dachbalken und Folie, denn schon die kleinste Lücke kann Schäden am Dach anrichten. Vorsicht ist auch beim Treten geboten. Um das frische Dach nicht zu beschädigen, dürfen wir nur auf den schmalen Trittleisten stehen. Ein Balanceakt.

Dachdecker brauchen kein Fitnessstudio

Um kurz vor 9 Uhr steht die Frühstückspause an, der Wecker von Azubi Lars Fischer klingelt allerdings schon um 4 Uhr – fünf Stunden bis zur ersten Mahlzeit. „Man gewöhnt sich ans frühe Aufstehen“, meint Lars, während er mit seinen Kollegen im Firmenwagen selbstgeschmierte Brote verspeist. „Dann kann ich abends auf jeden Fall gut einschlafen.“ Gegen 6 Uhr hatten wir uns alle im Betrieb im Meckenheimer Industriegebiet getroffen. Um halb sieben ging es gesammelt zur Baustelle.

Ein späterer Start in den Tag sei wegen der allmorgendlichen Staus in und um Bonn mittlerweile nicht mehr möglich, hat mir Chef Martin Weihsweiler vor der Abfahrt in seinem Büro erklärt. Als unsere kurze Frühstückspause vorbei ist, heißt es zurück aufs Dach, Latten anschrauben. Auch ich darf ran – und merke schon nach zehn Minuten wie sehr die Akrobatik auf den Trittbrettern meine Muskeln beansprucht. Ganz zu schweigen von den blauen Flecken an den Knien, die ich am nächsten Morgen entdecke. „Das Fitnessstudio kann man sich als Dachdecker sparen“, kommentiert Lars trocken.

Nach der Mittagspause bekomme ich eine weitere Herausforderungen des Berufs zu spüren. Die Wolken vom Morgen haben sich verzogen und die Sonne knallt erbarmungslos auf uns nieder. Kein Schatten bei knapp dreißig Grad – der Schweiß fließt in Strömen. Lars reißt die letzten fauligen Dachlatten auf Höhe des Dachbodens ab. Inzwischen ist er fast komplett schwarz, auf der feuchten Haut haftet der freigelegte Staub der letzten Jahrzehnte gut. „Das ist ein bisschen blöd, dass man dem Wetter ausgesetzt ist“, sagt Stefan. „Aber das gehört dazu.“ Während die Männer meterlange Holzfaserdämmplatten aufs Dach hieven, tröstet immerhin der wunderschöne Ausblick auf die sonnendurchflutete Bonner Altstadt.

Gegen 16 Uhr packen die Dachdecker ein. Zurück zum Betrieb: ausladen, aufräumen, planen. Ein langer Tag, aber es steckt ein System dahinter. „Im Sommer werden Überstunden gesammelt, die wir nutzen, wenn die Witterung keine Arbeiten erlaubt“, erklärt Vorarbeiter Markus Hardt. Für die meisten ist der Arbeitstag im Moment um 17 Uhr zu Ende. Und für die Azubis? „Die sind in der Regel die Letzten, die gehen“, sagt Hardt.