Projekt der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg

So lange sind Lebensmittel tatsächlich haltbar

Forschung gegen Lebensmittelverschwendung: Stephanie Vonholdt von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Forschung gegen Lebensmittelverschwendung: Stephanie Vonholdt von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

SANKT AUGUSTIN. Das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln stimmt meistens nicht: Die Ware ist oft viel länger haltbar. Wissenschaftler der Uni Bonn und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg wollen die Frische jetzt genauer bestimmen. Dazu benötigen sie vor allem eines: Daten.

Transporttemperatur: 17 Grad Celsius. Transportdauer: 50 Minuten. Lagertemperatur zu Hause: vier Grad Celsius. Wer in der Fresh-Index-App auf seinem Handy diese drei Parameter einstellt, kann sich demnächst womöglich über eine zuverlässige Angabe freuen, wie lange zum Beispiel das gerade gekaufte Schweineschnitzel noch haltbar ist. Das sei in fast jedem Fall länger als das ebenfalls noch auf die Verpackung gedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum, sagt Stephanie Vonholdt.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Verbraucherinformatik der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg demonstriert in dieser Woche Kunden das innovative Programm im Sankt Augustiner Metro-Großmarkt. Bis zum 11. September läuft die Feldphase dann an Metro-Standorten in Mainz, Düsseldorf und Berlin weiter. Der Bund fördert das Forschungsvorhaben mit rund einer Million Euro. Fresh Index ist ein Gemeinschaftsprojekt von IT- und Logistik-Unternehmen, dem Großhandelskonzern Metro sowie der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und der Uni Bonn. Gemeinsam wollen die Beteiligten die tatsächliche Frische von Lebensmitteln in Form eines dynamischen Haltbarkeitsdatums (DHD) sichtbar machen.

Anders als das statische, aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum werden bei der dynamischen Version die aktuellen Hygienedaten der jeweiligen Produktionscharge und die tatsächlichen Lagerbedingungen entlang der Lieferkette zur Berechnung herangezogen. Ein Sensor an den Paletten sorgt dafür, dass alle Daten lückenlos vom Produzenten bis ins Verkaufsregal dokumentiert und per Cloud abgerufen werden können. Nach einem kurzen Scan der Ware fließen dann auch die Daten des geplanten Heimwegs des Kunden und der Lagerungsbedingungen zu Hause in die Berechnung des DHD ein. Das kleine Programm ist bislang allerdings nur in einer Demoversion verfügbar.

143 Milliarden Euro im Müll

Laut aktuellen Studien landen alleine in der EU jedes Jahr Lebensmittel im Wert von 143 Milliarden Euro im Müll. Und genau da setzen die Wissenschaftler an: Der Fresh Index ist ein Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Noch genießbare Nahrungsmittel sollen nicht vorzeitig entsorgt werden.

Zu Beginn der Lieferkette wird eine mikrobakterielle Probe der Ware genommen, noch vor dem Verpacken. Federführend ist dabei die Universität Bonn: Das Team um Judith Kreyenschmidt vom Institut für Tierwissenschaften forscht seit Jahren im Bereich Lebensmittelqualität und -sicherheit, um die Ausschüsse entlang der Lieferkette zu reduzieren. Sämtliche Daten fließen schließlich in der App zusammen; das Programm berechnet dann neben dem DHD auch noch eine Deadline, nach deren Ablauf man das Produkt keinesfalls mehr konsumieren sollte. Im Markt lässt sich das aktuelle Ablaufdatum auch auf einem digitalen Preisschild ablesen.

In der Feldphase wollen die Macher ihre Arbeit überprüfen und Erfahrungen für die finale Ausgestaltung der App sammeln. Durch den Feldtest erhoffe man sich neue Erkenntnisse über die Kundenakzeptanz und darüber, wie das dynamische Haltbarkeitsdatum von den Kunden angenommen wird, so Professor Gunnar Stevens vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.