Industriegeschichte in der Region

Siegwerk: Vom Stoffhersteller zur größten Druckfarbenproduktion der Welt

SIEGBURG. Vom Siegburger Marktplatz bis zum Werkstor führt ein kurzer Spaziergang. Der Farbenhersteller Siegwerk produziert als eines von wenigen Industrieunternehmen mitten in einer Innenstadt - und das seit fast 200 Jahren.

Im 19. Jahrhundert war der Siegburger Michaelsberg mit seiner Abtei allerdings noch von kleinen Feldern und Wiesen umgeben, durchzogen vom Mühlengraben mit reichlich Nutzwasser. Der perfekte Standort für eine Färberei. Das erkannte der Kölner Unternehmer Christian Gottlieb Rolffs.

Die Nachfrage nach indigo-blau bedruckten Baumwollstoffen, damals Kattun genannt, war groß. 1844 startete Gottlieb seine Produktion am Fuße des Michaelsbergs und legte damit den Grundstein für ein Familienunternehmen, das heute in sechster Generation seinen Nachkommen gehört. Wo ehemals die "Kattunfabrik" stand, arbeitet heute auf einem Werksgelände mit einer Fläche von rund 20 Fußballfeldern die nach Firmenangaben größte Druckfarben-Produktionsstätte der Welt.

Bereits im 19. Jahrhundert erkannten die Tüftler der Unternehmerfamilie, dass mit eigenen Druckfarben viel Geld zu verdienen war. Sie ergänzten den Blaudruck durch eine rote Farbe ("Krapp") und setzten die ersten Walzdruckmaschinen ein. Bald gingen die Baumwollstoffe aus Siegburg sogar in den Export in die europäischen Nachbarländer. Noch heute liegt im konzerneigenen Museum ein sogenanntes Instruktionstuch aus. Das Stoff-Viereck diente den Soldaten nicht nur als Putztuch, sondern erläutert auch in winzigen Buchstaben den Gebrauch des Gewehrs.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lösten die ersten chemischen Farben indigo-blau und krapp-rot ab. In großen Kesseln und Töpfen experimentierten die Siegburger mit den neuen Inhaltsstoffen. Aus der "Farbküche" wurde bald ein Labor. Die Spezialisten tüftelten an den ersten Tiefdruckverfahren, die den Druckprozess deutlich schneller machten. So entstanden in Siegburg eine Art Vorläufer moderner Zeitschriften - gedruckt auf Stoff. So erschien die Eroberung Pekings nach dem sogenannten Boxeraufstand im Jahr 1900 wenige Tage später auf 50.000 Baumwolltüchern gedruckt. Auch beliebt: Schnupftücher mit dem Konterfei Kaiser Wilhelms.

Das Siegwerk galt als besonders fortschrittlicher Arbeitgeber. Hier entstand 1850 eine der ersten Werkskantinen Deutschlands. Einmal pro Woche durften die Arbeiter sich in der betriebseigenen Badeanstalt waschen. Um unverheiratete Mitarbeiterinnen zeigte sich die Werksleitung besonders besorgt: Sie konnten sich nach Feierabend in kostenlosen Handarbeitskursen für ihre künftigen Aufgaben als Ehefrau wappnen. Ein Büchlein mit dem Titel "Das häusliche Glück" lieferte ihnen im Jahr 1854 passende Kochrezepte.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Tiefdruck auf Papier. Die "Kattunfabrik" wandelte sich langsam zum Farbhersteller. Das neue Standbein sollte sich bald als überlebenswichtig erweisen. Mit der Erfindung von Kunstfasern gerieten Baumwollstoffe, wie sie die Kattunfabrik bedruckte, aus der Mode. Gleichzeitig steigerten die neuen Druckmethoden die Nachfrage nach Farben: Verpackungen - etwa von Lebensmitteln - waren nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern bunte Werbeträger.

Der Aufschwung wurde durch den Ersten Weltkrieg jäh gebremst. Die Siegburger vermieteten einen Teil des riesigen Werksgeländes. Hier wurden nun unter anderem Walzbleche, Würste und Harmoniums produziert. Im Zweiten Weltkrieg stellte das Siegwerk unter anderem große Mengen Lacke für die Wehrmacht her.

1946 konnte der Betrieb als einer der wenigen nicht zerstörten Farbhersteller fast konkurrenzlos wieder am Markt starten und spezialisierte sich auf Gebäudefarbe, die für den Wiederaufbau gebraucht wurden.

Den eigentlichen Aufschwung erlebte das Unternehmen in der Zeit des Wirtschaftswunders. Bunte Illustrierte und aufwendige Produktverpackungen - vieles bedruckt mit Farben aus Siegburg. Allein für die "Hörzu" verkaufte das Werk 1950 wöchentlich 6000 Kilo Farbe. Milch wird nicht mehr in einheitlichen Flaschen verkauft, sondern in - bunt bedruckten - Tüten. Die ersten Folienverpackungen kommen auf den Markt. Dabei entwickelt das Unternehmen Maßanfertigungen für seine Kunden: Aus Siegburg stammt etwa das Gold auf der Plastiktüte für Haribos Gummibärchen.